Lebensmittel und Respekt bei der Starnberger Tafel

Erika Ardelt, Brunhilde Weissmüller und Richard Sterling von der Starnberger Tafel stehen an einem Tisch mit frischem Gemüse
epd/Susanne Schröder
Erika Ardelt, Brunhilde Weissmüller und Richard Sterling (v.l.) von der Starnberger Tafel. Sie versorgt rund 550 Menschen wöchentlich mit Lebensmitteln.
Wachsende Armut
Lebensmittel und Respekt bei der Starnberger Tafel
Auch in einem der reichsten Landkreise Deutschlands gibt es Armut. Die Starnberger Tafel hilft trotz eines Rückgangs von Lebensmittelspenden und will den Bedürftigen respektvoll begegnen.

Wer mit der S-Bahn in Starnberg ankommt, dem präsentiert sich an sonnigen Tagen ein Oberbayern-Postkarten-Klischee: Glitzernd streckt sich der See zwischen grün bewaldeten Hügeln der majestätischen Bergkette am Horizont entgegen. An der Uferpromenade schaukeln Segelboote, Liegestühle unter bunten Schirmen laden an den Cafés zur Erholung ein.

Die Villen der Promis und der Reichen sieht man vom Bahnhof aus nicht, dafür aber die junge Frau, die mit ihren bunten Röcken und dem Pappbecher vor sich an der Straßenecke Richtung Innenstadt sitzt, genauso wie den abgerissenen Typen mit Fusselbart, der mit seinem Hund den Gehweg entlangschwankt.

"Die Situation ist in Starnberg wie anderswo auch: Wir haben einen Bevölkerungsteil, bei dem das Leben nicht gerade, sondern in Wellen und mit Brüchen verlaufen ist", sagt Erika Ardelt von der Starnberger Tafel, die schon 1998, fünf Jahre nach der ersten deutschen Tafel in Berlin, als Initiative des örtlichen Diakonievereins an den Start ging. Der Landkreis Starnberg gilt seit Jahren als einer der reichsten in Deutschland was die Pro-Kopf-Kaufkraft und die Zahl der Einkommensmillionäre betrifft. Bei der Tafel, die in der Stadt einen guten Ruf genießt, ist man froh um die Unterstützung Wohlhabender: "Wir tun uns hier leichter mit Anschaffungen wie den teuren Kühlwagen", sagt Ardelt, die die Tafel seit der Vereinsgründung 2016 leitet.

Wenn die Rente nicht reicht

Es gibt laut Jobcenter Starnberg 2.900 Menschen im Landkreis, die Sozialleistungen beziehen und in der teuren Stadt kaum über die Runden kommen. 550 Menschen versorgt das 44-köpfige Team der Starnberger Tafel einmal pro Woche auf dem Hof der evangelischen Friedenskirche mit Lebensmitteln. Energiekrise, Inflation und Mietpreise würden vor allem für alleinstehende Witwen zur Falle, sagt Ardelt: "Sie kommen mit ihrer Rente nicht mehr aus."

Entsprechend sieht man mehrere alte Damen mit ihren Einkaufstrolleys in der Reihe der Gäste, die sich an diesem Tag an den Bierbänken mit Kartoffeln und Getränken, Milchprodukten, Fleischwaren und Brot bis zum Obst und Gemüse zieht.

Gemeinsam Schlange stehen

Auch Andreas Busch ist Gast der Tafel. 42 Jahre lang habe er "relativ gut verdient", erzählt der drahtige Mittsechziger, hatte ein gutes Leben mit Ehefrau und Sohn, Einkauf im Hofladen und Golf in der Freizeit. Dann kam die Trennung, danach Jobverlust und die mit 61 Jahren erfolglose Arbeitssuche. "Bleed glaffa", sagt der Oberbayer trocken. Blöd gelaufen sei es eben. Seit März dieses Jahres bezieht Busch Bürgergeld. "563 Euro im Monat", sagt er ohne Groll. Er ist froh um die staatliche Unterstützung und besonders froh über die Tafel: "Das ist das größte Plus, das man sich vorstellen kann!" Viermal im Monat deckt er sich hier ein, "das Angebot ist gigantisch".

Anfangs sei es ein komisches Gefühl gewesen, in der Tafel-Schlange zu stehen. "Dann merkt man, wie nett die Leute sind. Es ist familiär, man ist gut aufgehoben", sagt Busch und eilt zum nächsten Stand.

Kooperationen mit Firmen und Schulen

Ein respektvoller Umgang mit den Gästen ist für Erika Ardelt, die früher ein Reiseunternehmen geleitet hat, ein Muss: "Niemand schaut hier auf andere herab." Ihr ehrenamtliches Team, das an einem Ausgabetag von 7 bis 17 Uhr für reibungslose Abläufe sorgt, ist erfinderisch und engagiert: Ein Rad-Liebhaber repariert Schrotträder, rund 170 habe man bislang kostenlos weitergeben können. Ein Mitarbeiter fährt außerhalb der normalen Abhol-Touren sogar bis nach Augsburg, wenn von den dortigen Kollegen ein Überschuss an Lebensmitteln gemeldet wird.

Firmen können ihre Beschäftigten für die mittlerweile gängigen Ehrenamtstage zur Tafel schicken. Es gibt Kooperationen mit Schulen, Konfirmanden und Firmgruppen. "Wir möchten, dass man sieht, was Tafelarbeit bedeutet, und dass es in unserer Stadt nicht nur Wohlleben gibt", sagt Ardelt.

Lebensmittelspenden gehen zurück

Ein merkwürdiges Gefühl beschleiche sie allerdings, wenn Politiker Medaillen an Ehrenamtliche überreichen. "Was steckt dahinter?", fragt sich Ardelt mit Argwohn. Die Tafel erhalte keinerlei staatliche oder kommunale Unterstützung, doch längst werde der Kontakt zur Ausgabestelle von den Behörden standardmäßig weitergegeben. "Es wird sich zu sehr auf der Tafel ausgeruht", findet die Vollzeit-Ehrenamtliche. Das verhindere mehr politische Initiative, um Bedürftigen zu helfen.

Wie alle anderen Tafeln kämpfen auch die Starnberger mit dem Rückgang von Lebensmittelspenden. "Die Geschäfte ordern anders, und manche Supermärkte haben die Vorgabe, alle Milchprodukte zu dokumentieren, die sie an uns abgeben", sagt Ardelt. Für manche Marktleiter ist das zu viel Aufwand, und so landen die Reste aus den Regalen doch in der Tonne. Zukaufen dürfen die Tafeln nicht, das widerspricht der Grundidee des Vereins. So ist eben auch in Starnberg die Tafel nicht immer gleich reich gedeckt.

Doch Reichtum lässt sich vielleicht auch anders messen: Yaryna Kupchak kommt mit einem Kuchentablett vorbei und berichtet den Helfern, dass sie gerade eine befristete Arbeitserlaubnis als Kinderärztin bekommen hat. Das ganze Team jubelt und klatscht. Bis zum vergangenen Jahr waren die junge Frau und ihr Mann, die Anfang 2022 aus der Ukraine geflüchtet waren, noch Gäste der Starnberger Tafel.

Eine Freundin hatte sie dorthin gebracht - zum Glück, denn neben dem Obst und Gemüse, das ihr als Schwangere wichtig war, bekam Yaryna Kupchak bei der Tafel auch Hilfe bei Behördensachen. Und so freuen sich ein Dutzend Menschen mit grünen Schürzen zwischen Paprika- und Zwiebelkisten über den Erfolg einer jungen Geflüchteten, die zumindest in dieser Runde schon lange eine Heimat gefunden hat.