Das Risky Dinner: Ein gefährlicher Abend

Eine Frau isst Porridge aus einer Schüssel und ihr Gegenüber isst ein edles Menü
Lothar Juli
Dritte Welt und erste Welt gegenüber. Ein Experiment von Mary's Meals, das weltweite Ungleichheit hautnah spürbar macht.
Wie fühlt sich Hunger an?
Das Risky Dinner: Ein gefährlicher Abend
Edles Porzellan und silberner Platzteller. Mein Nachbar bekommt köstlichen Lachs, dazu Wein und Aufmerksamkeit. Doch ich bekomme nur eine Schale Porridge. Einen Abend erfahre ich, was für sehr viele Menschen auf unserer Welt Realität ist.

"Lassen Sie sich den Abend schmecken." Der Satz klingt freundlich. Doch in diesem Moment fühlt er sich merkwürdig an. Der Kellner stellt meinem Tischnachbarn einen silbernen Platzteller hin. Er richtet das Besteck sorgfältig aus, schenkt Wasser und Wein ein. Dazu trägt er weiße Handschuhe. Kurz darauf folgt die Vorspeise, Gazpacho, ein kleiner Salat, Brot und verschiedene Dips, kunstvoll angerichtet. Vor mir bleibt die Tischdecke leer. Ich schaue kurz nach links und rechts. Vielleicht hat der Kellner mich übersehen. Doch nein. Auch meinem Gegenüber wird nichts serviert. Der Kellner geht einfach weiter zum nächsten Tisch und stellt dort den nächsten Teller ab. So beginnt das sogenannte Risky Dinner der Kinderhilfsorganisation Mary's Meals.

Als ich den Saal betrete, ahne ich noch nicht, wie schnell sich die Stimmung verändern wird. Rund 25 Menschen sitzen an den Tischen in dem Kellergewölbe. Es wird gelacht, Gläser klirren, mancher kennt sich schon, einige machen sich miteinander bekannt. Es fühlt sich an wie viele Benefizveranstaltungen, freundlich, entspannt, erwartungsvoll. Wir sitzen zu acht an unserem Tisch. Man stellt sich vor, spricht darüber, woher man kommt und was man über Mary's Meals weiß. Wir wissen ungefähr, was uns erwartet. Heute Abend soll Hunger erfahrbar werden.

Vor jedem Platz liegt eine gefaltete Serviette. Darunter verbirgt sich ein kleiner Zettel. Als alle sitzen, werden wir gebeten, ihn umzudrehen. Das ist der große Moment. Auf meinem Zettel steht eine Drei. Mein linker Tischnachbar zieht eine Eins. Der Mann gegenüber eine Zwei.

Zunächst sagt uns das gar nichts. Wenige Minuten später tritt Christian nach vorne. Eigentlich arbeitet er als Orthopäde am Frankfurter Opernplatz. Heute engagiert er sich ehrenamtlich für Mary's Meals. "Die Zahlen entscheiden darüber, wie Ihr Abend aussieht", erklärt er. Die Eins steht für die Menschen, denen es an nichts fehlt. Die Zwei für diejenigen, die einigermaßen versorgt sind. Die Drei für die größte Gruppe der Weltbevölkerung. Menschen, die mit sehr wenig auskommen müssen.

Plötzlich bekommt die Zahl auf meinem Zettel eine Bedeutung. Sie entscheidet darüber, was ich heute Abend essen werde. Oder eben nicht. Dabei haben alle Gäste den gleichen Eintritt bezahlt. Genau 22 Euro. Niemand hat sich das bessere Menü gekauft. Es ist reiner Zufall. So wie auch niemand entscheiden kann, in welches Land oder in welche Familie er hineingeboren wird. Genau dieses Zufallsprinzip soll das Risky Dinner sichtbar machen.

Während Christian spricht, kommt der Kellner an unseren Tisch. Mit weißen Handschuhen deckt er ausschließlich den Platz meines Nachbarn ein. Silberner Platzteller. Stoffserviette. Zwei Gläser. Silberbesteck. Vor mir liegt nichts. Es ist erstaunlich, wie schnell sich dadurch etwas verändert. Eben haben wir uns noch angeregt unterhalten. Jetzt werden die Gespräche angespannt. Alle schauen unauffällig auf den Tisch. Oder auf die Teller der anderen.

Als die Vorspeise serviert wird, schauen wir auf den Teller meines Nachbarn. Er schaut zu uns. "Das ist jetzt irgendwie unangenehm", sagt er leise. Man merkt ihm an, dass er das Essen gar nicht richtig genießen kann. Mehrmals bietet er uns an, etwas abzugeben. Ein Stück Brot. Etwas Salat. Doch genau darum geht es heute Abend nicht. Das Experiment soll zeigen, wie sich Ungleichheit anfühlt. Nicht theoretisch, sondern mit allen Sinnen.

Während am Nachbartisch nur Haferbrei serviert wird, bekommen Gäste mit der richtigen Zahl ein exklusives Menü.

Ich merke, wie sich in mir ein komisches Gefühl ausbreitet. Natürlich weiß ich, dass ich später wieder nach Hause fahre und in meinen vollen Kühlschrank schauen kann. Natürlich weiß ich, dass dies nur ein Experiment für einen Abend ist. Trotzdem fühlt es sich seltsam an, den anderen beim Essen zuzusehen. Vielleicht liegt es daran, dass gemeinsames Essen für mich immer Gemeinschaft bedeutet. Normalerweise sitzen alle am Tisch und bekommen gleichzeitig ihren Teller. Niemand muss zusehen. Niemand bleibt außen vor.
Heute ist das anders.

Während wir warten, erzählt Kathrin von Mary's Meals, wie die Organisation entstanden ist. Alles beginnt mit einer Reise nach Malawi. Dort trifft der Schotte Magnus MacFarlane-Barrow auf den 14-jährigen Edward. Der Junge lebt in großer Armut und kümmert sich nach dem Tod seiner Eltern um seine Geschwister. Magnus fragt ihn nach seinem größten Wunsch. Edward antwortet nicht, dass er sich ein Fahrrad oder einen Fußball wünscht. Er sagt: "Ich möchte genug zu essen haben und zur Schule gehen können."

Dieser Satz lässt Magnus MacFarlane-Barrow nicht mehr los, und aus dieser Begegnung entsteht Mary's Meals. Die Idee der Organisation ist ebenso einfach wie wirkungsvoll. Kinder erhalten in der Schule täglich eine Mahlzeit. Das Essen soll Familien motivieren, ihre Kinder regelmäßig zum Unterricht zu schicken. Denn wer hungrig ist, lernt schlechter. Wer nichts zu essen hat, bleibt oft ganz zu Hause.

Heute versorgt die Organisation nach eigenen Angaben täglich mehr als drei Millionen Kinder in 16 Ländern mit einer Schulmahlzeit. Gekocht wird überwiegend von Freiwilligen in den jeweiligen Gemeinden. Die Lebensmittel werden, wenn möglich, vor Ort eingekauft. So soll nicht nur den Kindern geholfen, sondern auch die lokale Wirtschaft gestärkt werden. Nach Angaben der Organisation reichen durchschnittlich 22 Euro aus, um einem Kind ein ganzes Schuljahr lang täglich eine Mahlzeit in der Schule zu ermöglichen.

Ich höre zu und merke gleichzeitig, wie mein Blick immer wieder zum Teller meines Nachbarn wandert. Eigentlich ist mir das unangenehm. Es fühlt sich unzivilisiert an. Aber genau das macht dieses Abendessen mit uns. Es verändert den Blick auf etwas, das für die meisten von uns selbstverständlich ist. Ich denke an meinen letzten Einkauf. Minutenlang stand ich vor dem Brotregal und konnte mich nicht entscheiden. Körnerbrot oder Sauerteig? Hell oder dunkel? Im Kühlregal dasselbe. Zu Hause frage ich oft: "Was wollen wir heute essen?" Meistens weiß niemand eine Antwort. Nicht, weil nichts da ist. Sondern weil die Auswahl so groß ist.

Hier bekommt diese Frage plötzlich eine andere Bedeutung. Für Millionen Menschen lautet sie nicht: Was essen wir heute? Sondern: Gibt es heute überhaupt etwas zu essen?

"Der Hauptgang", kündigt der Service an. Fast automatisch schaue ich wieder nach rechts. Vor meinem Tischnachbarn wird ein Teller mit Lachs in Kräuterkruste abgestellt. Dazu Reis und frisches Gemüse. Es sieht aus wie das Essen, das man in einem guten Restaurant erwartet. Der Kellner wünscht ihm einen guten Appetit und kommt zu mir. Er stellt eine Schüssel vor mich auf den Tisch mit Porridge. Mehr nicht. Keine weißen Handschuhe...

Nur eine Schüssel Porridge statt eines Drei-Gänge-Menüs.

Dann öffnen sich die Türen zum Dessertbuffet. Fast gleichzeitig stehen alle auf. Zum ersten Mal an diesem Abend spielt es keine Rolle mehr, welche Zahl auf dem kleinen Zettel unter der Serviette stand. Menschen mit der Eins, der Zwei und der Drei stehen gemeinsam in der Schlange. Es wird gelacht. Man kommt miteinander ins Gespräch. Die künstlichen Grenzen sind aufgehoben. Ich beobachte, wie mein Tischnachbar, der den ganzen Abend über mit sichtlichem Unbehagen sein Drei-Gänge-Menü gegessen hat, nun ganz selbstverständlich neben mir steht. Genau das ist der Punkt. Normal fühlt sich für mich an, dass alle am Tisch dasselbe bekommen. Dass niemand leer ausgeht. Dass niemand zusehen muss, wie andere essen. Erst an diesem Abend merke ich, wie selbstverständlich ich diese Erfahrung bisher genommen habe.

Ich frage mich, warum dieses kleine Experiment so gut funktioniert. Eigentlich wissen wir doch alle, dass wir heute Abend nach Hause fahren werden und unser Kühlschrank gefüllt ist. Dass wir morgen früh frühstücken werden. Niemand im Raum muss wirklich Hunger leiden. Und trotzdem verändert sich etwas. Vielleicht, weil Ungleichheit plötzlich sichtbar wird. Im Alltag begegnen wir ihr oft nicht. Wir kaufen im Supermarkt ein, gehen ins Restaurant, treffen Freunde zum Essen. Die Menschen, die wirklich Hunger leiden, leben weit weg. Wir lesen Zahlen in Zeitungen oder hören sie in den Nachrichten. Mehr als 700 Millionen Menschen gelten weltweit als unterernährt. Solche Zahlen sind kaum zu begreifen.

Natürlich weiß ich, dass ein Abendessen in Frankfurt den Alltag eines Kindes in Malawi, Liberia oder Sambia nicht abbilden kann. Nach zwei Stunden ist das Experiment vorbei. Die Teller werden abgeräumt, die Gläser gespült, die Tische verlassen. Für mich endet das Gefühl der Benachteiligung beim Dessert. Für viele Kinder endet es nicht. Auf dem Heimweg denke ich noch einmal an Edward. Den Jungen aus Malawi, dessen Antwort Magnus MacFarlane-Barrow vor mehr als zwanzig Jahren nicht mehr losließ. "Ich möchte genug zu essen haben und zur Schule gehen können." Mich berührt, wie bescheiden dieser Wunsch ist. Es ist kein großer Traum. Er will nur satt werden und zur Schule gehen. Vielleicht liegt darin auch die Stärke des Abends. Das Risky Dinner arbeitet nicht mit schockierenden Bildern. Niemand hält eine moralische Predigt. Niemand sagt den Gästen, was sie denken oder fühlen sollen.

Als ich nach Hause komme, öffne ich den Kühlschrank. Er ist gut gefüllt. Ich nehme mir noch ein Glas Wasser und denke an die Schüssel Porridge. Nicht, weil sie besonders geschmeckt hätte. Sondern weil sie etwas sichtbar gemacht hat, das im Alltag leicht verloren geht: Essen ist für mich selbstverständlich. Für Millionen Kinder ist es das nicht.