Angesichts der frischen Wunde auf seiner Stirn vermutet die Pfarrerin einen Fall von häuslicher Gewalt, doch die Dinge sind viel komplizierter, allerdings nicht in Bezug auf das Paar, denn da ist alles ganz einfach: Maike ist ein One-Night-Stand unterlaufen, Sören ist sauer. Also hat sie ihm angeboten, sich zu revanchieren und ihm sogar geholfen, ein Profil bei einer Dating-App einzurichten. Den Seitensprung hat er dann allerdings mit ihrer besten Freundin vollzogen.
Wie in einem Thriller nimmt Robert Löhrs Drehbuch die allem Anschein nach völlig ausweglose Situation vorweg: Vor zehn Jahren haben Maike und Sören (Anneke Kim Sarnau, Oliver Wnuk) geheiratet, doch nun ist alles aus. Wie es dazu kam, erzählt "Rosen und Reis" in vielen Rückblenden. Zwischendurch kehrt die Handlung immer wieder in die Kirche zurück. Die Pastorin hat mit der ganzen Sache gar nichts zu tun, denn die Trennung des Paars ist bereits beschlossen, aber sie übernimmt mit ihren Nachfragen und Kommentaren die Rolle des Publikums, selbst wenn sie sich zunehmend unwohl in ihrer Haut fühlt. Nuancen genügen Kristina Pauls, um zu vermitteln, dass die Frau angesichts der Erzählungen hin und her gerissen ist, als ob sie gerade Zeugin eines Unfalls werde: Eigentlich will sie gar nicht hinsehen, kann aber nicht anders.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Andere hätten sich mit den Szenen eines Ehe-Endes begnügt, doch Löhr, für seine ARD-Sitcom "Das Institut – Oase des Scheiterns" 2018 mehrfach ausgezeichnet und außerdem Autor einiger origineller "Tatort"-Krimis für den BR, setzt noch eins drauf: Den turbulenten Rahmen der Geschichte bilden die Vorbereitungen für die Hochzeit von Maikes Schwester. Inka (Nicola Kastner) will bloß eine kleine Feier, aber die Schwiegermutter besteht auf einem rauschenden Fest mit allen Schikanen. Weil sich der rückgratlose Nils (Johannes Kienast) im Zweifel auf die Seite der übergriffigen Renate schlägt, suggeriert er Inka, seine Mutter sei todkrank. Auf diese Weise konterkariert Löhr den durchaus dramatischen und daher eigentlich gar nicht komischen roten Faden des Films mit einer Ebene, auf der so ziemlich alles drunter und drüber geht. Die eheliche Abwärtsspirale bleibt natürlich nicht ohne Folgen für die Planungen der Feierlichkeiten, denn Doris und Dirk (Marlene Morreis, Holger Stockhaus) spielen dabei eine besondere Rolle: Doris ist die Frau, mit der Sören ausgerechnet in dem für die Hochzeitsnacht bereits festlich geschmückten Bett gelandet ist, Dirk will die Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Außerdem sollen die beiden die Feier musikalisch begleiten. Schon allein das entsprechende Potpourri mit Hochzeitsklassikern, die sie kurz anspielen, damit sich das Brautpaar ein Lied aussuchen kann, ist ein komödiantisches Kleinod, weil er herrlich schräg singt und sie im Hintergrund die passenden Gesichter zu seinen Bemerkungen zieht.
"Rosen und Reis" ist die Fortsetzung zu "Käse und Blei" (2019). In dem gleichfalls von Löhr verfassten und damals von Felix Koch aufgrund der zeitlichen Dichte noch turbulenter umgesetzten Kurzfilm lief ein Silvesteressen bei Maike und Sören komplett aus dem Ruder; das Ensemble war abgesehen von Marlene Morreis, die weit mehr als ein Ersatz für Bettina Lamprecht ist, das gleiche. Die Darbietungen sind erneut ausgezeichnet, zumal die Mitwirkenden die wichtigste Komödienregel beachten: Sind die Umstände heiter, ist der Kontrast viel wirkungsvoller, wenn gerade die zentralen Personen mit großem Ernst verkörpert werden. Die Nebenfiguren dürfen dann gern ein bisschen "bigger than life" sein. Das gilt vor allem für die von Victoria Trauttmansdorff hingebungsvoll als Nervensäge angelegte Renate, die ihre zukünftige Schwiegertochter mit immer neuen kitschigen Ideen konfrontiert. Abgesehen davon ist "Rosen und Reis" wie alle wirklich guten Komödien im Grunde ein Drama, das aber auch dank der Umsetzung durch Christine Rogoll sowie diverser kleiner Geschichten am Rande durchgehend enorm viel gute Laune verbreitet. Zu den Nebenebenen zählt unter anderem eine vermeintliche Affäre Dirks, die sich jedoch als Heimlichkeit ganz anderer Art entpuppt und nur eine von vielen Lügen ist, die irgendwann auffliegen. Kurz vor dem überraschenden Schluss und nach einem Duell mit äußerst ungewöhnlichen Waffen schüttelt Löhr noch einen witzigen Clou aus dem Ärmel. Die stellenweise erfrischend bissigen Dialoge sind ein ohnehin großes Vergnügen.




