"Es kam anders, als wir es gewünscht hätten, aber besser als befürchtet"

Bischof Axel Noack auf der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD)

© epd-bild/Viktoria Kuehne

Der ehemalige Bischof in Magdeburg, Axel Noack, erzählt im Interview von der Wiedervereinigung der Kirchen nach dem Mauerfall. "Der Westen kann vom Osten lernen", sagt Noack. Die Eigenverantwortung der Gemeinden sei dort viel stärker ausgeprägt.

"Es kam anders, als wir es gewünscht hätten, aber besser als befürchtet"
30 Jahre Wiedervereinigung evangelischer Kirchen: Der frühere Magdeburger Bischof Axel Noack blickt zurück
Am 28. Juni 1991 kam erstmals nach 30 Jahren wieder eine gesamtdeutsche Synode zusammen. Warum die Wiedervereinigung der Kirchen erst schleppend verlief und dennoch die Kirche langfristig positiv veränderte, erzählt Axel Noack, der ehemalige Bischof in Magdeburg im Interview. Er beschreibt, wie sehr der Osten immer noch unter den Folgen des Abwanderung leidet - und wie die Menschen es dort trotzdem schaffen, mit viel Eigeninitiative ihre Kirchen zu erhalten.

chrismon: Herr Noack, Sie haben als junger Mann in der DDR den Wehrdienst verweigert. Sind Sie ein mutiger Mensch?

Axel Noack: Nein, das glaube ich nicht, das darf man nicht heroisieren! Das war 1968. In dieser unruhigen Zeit waren wir jungen Leute nicht so eingestimmt auf Folgsamkeit. Die Wehrdienstverweigerung hatte zur Folge, dass man nicht einfach studieren konnte, aber sonst hatte das kaum Konsequenzen. Theoretisch hätte es mit Gefängnis bestraft werden können, aber faktisch kam das nicht vor.

Immerhin haben Sie deswegen Theologie statt Mathematik studieren müssen ...

Noack: Weil ich das bei der Kirche studieren konnte. Damals war ich nicht so ganz beglückt, aber jetzt bin ich sehr froh darüber. Überhaupt kann ich über mein ganzes Leben sagen, dass alles super gelaufen ist. Allerdings können das nicht alle Menschen, die in der DDR lebten, so sagen, und deshalb muss man da auch unterscheiden: Es gab Menschen, deren Karriere in der DDR wirklich geknickt wurde. Das konnte auch kein Unrechtsbereinigungsgesetz nach der Wende wiedergutmachen.

Sie sind dann Pfarrer geworden, waren gleichzeitig Synodaler im Bund der Evangelischen Kirchen (BEK) und haben später den Wiedervereinigungsprozess der Kirchen in leitender Position mitgestaltet. Aus heutiger Sicht: Ist die Wiedervereinigung der evangelischen Kirchen vor 30 Jahren ein Grund zum Feiern?

Noack: Ja, auf jeden Fall! Es ist anders gekommen, als wir es gewünscht hätten, aber besser, als wir befürchtet haben. Und am Ende hat es sich alles ganz gut zurechtgerüttelt. Die Kirchen haben sich ja auch bemüht. Das war am Anfang nicht gleich zu spüren. Ich erinnere mich an die gemeinsame Tagung in Loccum im Januar 1990, als die Journalisten vor der Tür standen und wissen wollten, was die Kirchen denn nun machen. Da sagten die Freunde aus dem Westen: "Brüder, seid froh, ihr habtʼs hinter auch!". Und wir sagten: "Nee, das war doch unser Leben." Da merkte man, man hat sich nicht gleich verstanden.

Auf dieser Tagung wurde der Grundstein für die Wiedervereinigung gelegt – die sogenannte Loccumer Erklärung. Wie haben Sie das erlebt?

Noack: Das war ein mühseliges Ringen. Den einen ging das viel zu langsam und den andern ging das viel zu schnell. Die Erklärung enthält deshalb zwei Kernsätze, die in einer gewissen Spannung zu einander stehen: "Wir wollen der Gemeinschaft der Kirchen in Deutschland eine angemessene organisatorische Gestalt geben" – also wir wollen uns wieder vereinigen – war der eine. Der andere hieß: "Mit den in der Zeit der Trennung gewachsenen Unterschieden wollen wir sorgsam umgehen."

Martin Kruse (li.), EKD-Ratsvorsitzender, und Werner Leich, Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirche in der DDR, unterschreiben die Loccumer Erklärung. In dieser am 17. 01.1990 in Loccum veröffentlichten gemeinsamen Erklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und des evangelischen Kirchenbundes in der DDR steht: "Wir wollen, dass die beiden deutschen Staaten zusammenwachsen."

Wie liefen die anschließenden Verhandlungen?

Noack: Es gab im Sommer 1990 eine richtige Euphorie: Wir machen jetzt alles neu, wir machen eine neue Kirche, und die im Osten bringen auch ihre Erfahrungen ein. Aber dann haben wir sehr schnell gemerkt, dass im Westen alle riefen: Ja, aber bei uns darf sich nichts ändern, macht doch bitte nicht so einen Wind. Die hatten die größten Sorgen und Ängste, die Militärseelsorge könnte vielleicht sogar im Bundestag diskutiert werden. Und dann kam der richtige Hammer im August: das Rechtsgutachten des Kirchenrechtlers Martin Heckel, das war knallhart.

Was meinen Sie mit "knallhart"?

Noack: Ich sag es mal mit meinen Worten: Das Gutachten machte klar, dass der ganze Kirchenbund illegal war. Die DDR-Kirchen hatten nicht das Recht, sich von der EKD zu trennen, ihre Mitgliedschaft in der EKD hat nie aufgehört, und sie bräuchten jetzt nur zu erklären, dass sie sie wieder aufleben lassen. Daher sei es nicht nötig, Verhandlungen über die Wiedervereinigung von EKD und BEK zu führen und es gebe auch keinen Grund, irgendetwas zu verändern. Das war eine riesige Enttäuschung! Obwohl Heckel natürlich Recht hatte. Das hängt mit der überstürzten Gründung des Kirchenbundes im Jahr 1968/69 in der DDR zusammen.

Es gab aber trotzdem weiter Verhandlungen?

Noack: Ja, damit wir ein bisschen was regeln konnten, wurde ein Kirchengesetz "zur Regelung von Fragen im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung der beiden Kirchen" erfunden. Das hieß nicht Wiedervereinigungsgesetz!

Axel Noak, Pfarrer in Wolfen und Mitglied der Synode des Bundes der Evangelischen Kirche in der ehemaligen DDR, während der letzten Tagung des Kirchenbundes in Berlin-Weißensee am 22.02.1991.

Kirchensteuer, Militärseelsorge, Religionsunterricht: Warum wurde gerade über diese Themen so heftig gestritten?

Noack: Das sind alles Punkte, wo sich Kirche und Staat berühren. Wir im Osten waren damals ängstlich fixiert darauf, ja nicht zu sehr vom Staat vereinnahmt werden. Beim Religionsunterricht zum Beispiel waren es gerade die christlichen Eltern, die das nicht wollten. Den Halbfrommen war es egal, die sagten, schaden kann es ja nichts. Aber die Frommen sagten, wo kommen wir denn da hin. Das kann doch nicht wahr sein, dass jetzt der Staat Religion unterrichtet – das, was uns so wichtig ist, in dieser Schule, unter der wir so gelitten haben. Heute sind wir froh über den Religionsunterricht, wir erreichen damit viel mehr Menschen als früher.

Und die Militärseelsorge?

Noack: Da bin ich sehr zufrieden, da hat sich wirklich viel verändert. Es heißt jetzt Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr und nicht mehr Militärseelsorge, und sie hat auch eine ganz andere Qualität heute. Früher mussten die Pfarrer für die Zeit, in der sie Soldatenpfarrer sind, aus dem kirchlichen Dienst ausscheiden und Bundesbeamte werden, das war mir ein Gräuel. Und: Die Kirche ist über ihren Militärbischof viel sichtbarer in der Leitungsverantwortung für die Soldatenseelsorge. Der Einfluss der Bundesoberbehörde mit ihrem Militärgeneraldekan ist deutlich kleiner geworden.

Auch bei der Kirchensteuer hat sich das westliche Modell durchgesetzt ...

Noack: Wir können doch froh sein über die Kirchensteuer. Ich habe immer gesagt: Leute, wir können nicht von den Kirchen im Westen Unterstützung annehmen und dann sagen, wir wollen die schmutzige Kirchensteuer nicht. Im Grunde ist das eine Spende. Der Staat fördert sie, indem er sie von der Steuer absetzen lässt und beim Einsammeln hilft – gegen Entlohnung! Allerdings bin ich froh, dass wir dreißig Jahre ohne Kirchensteuern leben mussten und so schon mal üben konnten. Die Leute bei uns sind (noch!) viel mehr gewohnt, dass man sein Geld zur Kirche hinbringen muss!

"Die Eigenverantwortung der Gemeinden ist hier viel stärker ausgeprägt als im Westen."

Kann der Westen also vom Osten lernen?

Noack: Auf jeden Fall, da sollten wir ruhig noch ein bisschen selbstbewusster sein. Die Eigenverantwortung der Gemeinden ist hier viel stärker ausgeprägt als im Westen. Hier war immer klar: Die Landeskirche kann ja gar nichts machen, du musstest dich selber kümmern. Obwohl wir hier im Osten wesentlich mehr Kirchgebäude haben als die westlichen Kirchen, kommt es eigentlich nicht vor, dass wir Kirchen schließen oder abgeben. Im Westen dagegen, wo sich immer zentrale Kirchenbauämter um die Gebäude kümmerten, werden Kirchen heute ziemlich häufig geschlossen.

Es braucht – so unsere Erfahrung – immer Menschen, die sagen: Das ist meine Kirche. Sonst werden wir sie auch nicht mit viel Geld erhalten können. Seit 20 Jahren gibt es jetzt die KiBa, die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland der EKD. Die hilft, Gebäude zu erhalten, aber sie gibt das Geld nur dorthin, wo auch Initiative ist. Dass die KiBa hier im Osten so viel hilft, liegt auch daran, weil sich hier so viele Menschen engagieren.

Der jetzige Ratsvorsitzende, Heinrich Bedford-Strohm, sagte in einem Interview, es gebe immer noch Defizite beim innerkirchlichen Vereinigungsprozess. Sehen Sie das auch so?

Noack: Da spielt er darauf an, dass im jetzigen Rat überhaupt kein Mitglied aus dem Osten ist. Das ist natürlich unmöglich, das ist wirklich ein Skandal. Im November wird ja neu gewählt, und da muss das wieder anders werden!

Wo sehen Sie sonst noch offene Baustellen?

Noack: Ich sehe das eigentlich positiv: Der Osten hat einen viel stärkeren Einfluss gewonnen, als man dachte. "Von uns bleibt nichts", hatten damals manche befürchtet, da gab es eine große Traurigkeit. Und jetzt, nach dreißig Jahren, merkt man, wie sehr sich die Kirche verändert hat durch das Hinzutreten des Ostens.

Zum Beispiel?

Noack: Wir haben zum Beispiel im Osten ein ganz anderes Verhältnis zwischen Lutherischen, Unierten und Reformierten gehabt. Im Westen war das viel stärker getrennt, und niemand hätte gedacht, dass man mal von der EKD als von einer Kirche sprechen würde. Alle haben gesagt, das ist ein Kirchenbund, und in den ersten Synoden sprang immer jemand auf und schrie: "Die EKD darf keinen Bischof haben, denn sie ist keine Kirche." Bischof meinte Auslandsbischof und Militärbischof. Heute würde das kein Mensch mehr sagen, und 2019 ist es endlich auch durch alle Gliedkirchen abgestimmt, dass die EKD als eine Gemeinschaft von Kirchen auch Kirche ist. Das hätte doch niemand zu träumen gewagt!

Die Kirche ist also stärker zusammengewachsen?

Noack: Ja. In der EKD-Synode gab es früher so ein Gruppendenken– die Frommen waren meist sehr konservativ, und die Linken waren meist nicht so richtig fromm. Und jetzt sagten die Synodalen aus dem Osten: Wir wissen gar nicht, wo wir hingehören, wir sind links und fromm. Dieses Gruppendenken spielt heute kaum noch eine Rolle. Das hat sich meines Erachtens durch das Hinzutreten des Ostens verändert.

Bischof Axel Noak von der Evangelischen Kirchenprovinz Sachsen und Konsistorialpräsidentin Brigitte Andrae am 07.11.2005 bei der Zeitungslektüre auf der Synode der EKD in Berlin.

Gleichzeitig sagen viele, die Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West seien gesellschaftlich und politisch immer noch spürbar. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Noack: Ach, es gibt so psychologische Deutungen, dass die im Osten "nicht reif für die Demokratie" seien. Das ist ja ganz hübsch, aber man muss doch erstmal anerkennen, dass die SED darin erfolgreich war, das Bürgertum in diesem Land weitgehend zu zerstören. "Bürger" meine ich im Sinne von Engagement und Demokratie. Dieses Bürgertum fehlt uns, weil gerade die, die besser gestellt und vor allem auch besser gebildet waren, die DDR verlassen haben.

"Die SED war darin erfolgreich, das Bürgertum in diesem Land weitgehend zu zerstören."

Man macht sich oft gar nicht klar, was das für einen Teil des Landes bedeutet, wenn vier Millionen Menschen weggegangen sind. Übrigens auch für die Kirche: Es waren kirchentragende Schichten, die die DDR verlassen haben. Und das hat ja nicht aufgehört, als die Wende kam. Im Januar und Februar 1990 haben jeden Tag Tausende von Menschen das Land verlassen, die Zahlen waren genauso hoch wie kurz vor dem Mauerbau.

Natürlich haben wir auch tolle Leute herbekommen, aber viele von denen sind jetzt im Ruhestand und gehen wieder nach Hause. Die hätten jetzt Zeit, sind gebildet, könnten sich engagieren – und die fehlen uns. Auch bei Wahlen kann man genau sehen, in welchen Bezirken die AfD gewählt wurde: Das sind völlig entbürgerlichte Gegenden. Das wird in der öffentlichen Diskussion nicht wirklich wahrgenommen.

Nochmal zurück zur Kirche: Was wünschen Sie der EKD für die Zukunft?

Noack: Ich wünsche uns, dass wir mehr neugierig darauf sind, was der liebe Gott mit uns vorhat, als dass wir uns fürchten, vor dem was kommt. Und ich hoffe, dass wir die Unterschiede aushalten als Kirche. In einer Sekte oder vielleicht auch einer Freikirche müssen alle gleich sein. Aber in einer Kirche muss es alles geben: Halbfromme. Ein bisschen Fromme. Da müssen auch welche hinter der Säule sitzen können! Das geht in einer Sekte nicht. Wir sehen, dass die Kirche so ist, und das muss man gerne wollen.

Das Interview führte Andrea Teupke. Wir danken ekd.de für die Kooperation. Das Interview erschien zuerst am 28. Juni 20021 auf der Seite ekd.de

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