Trumps "Scheinheilige Show"

Donald Trump, Präsident der USA, hält eine Bibel

© Patrick Semansky/AP/dpa

Donald Trump hielt eine Bibel hoch, während er die St. John´s Episcopal Church besuchte. Der Park der Kirche wurde während der Proteste in Brand gesteckt.

Trumps "Scheinheilige Show"
Kirchen-Repräsentanten werfen dem US-amerikanischen Präsidenten Missbrauch der Bibel vor
Der Auftritt von US-Präsident Donald Trump mit einer Bibel inmitten der Proteste gegen Rassismus stößt auch bei deutschen Kirchenvertreterinnen und -vertretern auf Unverständnis.

Repräsentanten der evangelischen Kirche aus Niedersachsen haben scharfe Kritik am Umgang von US-Präsident Donald Trump mit der Bibel geübt. Trump hatte am Dienstag in Washington inmitten der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt mit einer Bibel in der Hand vor einer Kirche nahe des Weißen Hauses posiert - offenbar um christliche Wähler anzusprechen. Vor Trumps Auftritt vor der Kirche in Washington hatte die Polizei die Umgebung mit Tränengas und Gummigeschossen von Demonstranten geräumt.

Der Kirchenpräsident der Evangelisch-reformierten Kirche mit Sitz in Leer, Martin Heimbucher, sprach am Mittwoch von einem "schauerlichen Missbrauch der Bibel". Statt die Grundwerte seines Landes zu vertreten und zum Frieden aufzurufen, gieße Trump weiter Öl ins Feuer.

Der Evangelisch-reformierte Kirchenpräsident Martin Heimbucher.

Heimbucher solidarisierte sich mit der Bischöfin der Episcopal Church, Mariann Edgar Budde, die gegen Trumps Auftritt protestiert hatte: "Ungefragt hat Trump eine Kirche ihrer Diözese als Hintergrund für seine scheinheilige Show verwendet", sagte Heimbucher. Budde selbst hatte die Aktion kritisiert und gesagt: "Der Präsident hat gerade eine Bibel, den heiligsten Text der jüdisch-christlichen Tradition für eine Botschaft verwendet, die den Lehren Jesu und allem widerspricht, wofür unsere Kirchen stehen."

Kirchenpräsident Heimbucher verwies auf die Botschaft der Versöhnung als Mitte der Bibel: "Diese Bibel wird Herrn Trump wie ein Felsen vor die Füße fallen." Trump kenne offenbar nur einen Gott: nämlich sich selbst. "Ich hoffe, dass jetzt auch die evangelikalen Christen in den USA begreifen: Herr Trump kann nicht länger ihr Präsident sein."

Petra Bahr, Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Beauftragte für Freiwilligendienste des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Auch die evangelische Regionalbischöfin Petra Bahr aus Hannover zeigte sich entsetzt über Trumps Auftritt. "Mit der Bibel in der Hand gegen die Nächsten. Was für eine Gotteslästerung", schrieb Bahr auf Twitter. Die Theologin war Ende April von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) in den Deutschen Ethikrat berufen worden.

Auch der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung hat sich beunruhigt über die gewaltsamen Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA gezeigt. Er beobachte mit wachsender Sorge eine "Eskalation der Gewalt und eine US-Führung, die provoziert und nicht deeskaliert", sagte Jung am Mittwoch in Darmstadt. In dieser angespannten Situation stehe die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau solidarisch an der Seite der US-amerikanischen Partnerkirche, der United Church of Christ (UCC).

Der evangelische Medienbischof Volker Jung.

Die landesweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt waren nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd ausgebrochen. Der 46-Jährige war am Montag vergangener Woche nach einem Polizeieinsatz in Minneapolis gestorben. Ein Smartphone-Video zeigt, wie ein Polizist auf seinem Nacken kniete, so dass der Festgenommene nicht mehr atmen konnte. Seither kam es neben friedlichen Demonstrationen auch zu Ausschreitungen in zahlreichen Städten.

Es sei beeindruckend, wie die UCC sich schon seit Jahrzehnten besonders auch in der Anti-Rassismus-Arbeit und der "Black Lives Matter"-Kampagne engagiere, lobte Jung. "Rassismus vergiftet Gesellschaften." Gerade mit Blick auf das zurückliegende Pfingstfest sei deutlich, dass die biblische Botschaft einen anderen Weg weise. "Gottes Geist will trösten und stärken. Er will Menschen über alle Grenzen hinweg zu einer weltweiten Gemeinschaft miteinander verbinden. Ich bin dankbar, dass wir im Glauben und in der Partnerschaft unserer Kirchen miteinander verbunden sind. Gemeinsam versuchen wir, Gottes Liebe, die allen Menschen gilt, in dieser Welt zu bezeugen."

Auch Jung kritisierte den Pressetermin von Donald Trump. Er schließe sich der Position der Partnerkirche an, die davon gesprochen habe, "dass der Glaube und die Kirche hier für eigene politische Zwecke in unerträglicher Weise instrumentalisiert wurden". Die UCC habe in ihrem Statement betont, wie absurd es wirke, dass ein Präsident, der permanent Zwietracht säe, die Bibel als Argument benutzt. "Im Zentrum der Bibel steht die Nächstenliebe", sagte Jung.

Menschenfamilie einer bunter Haufen

Der rheinische Präses Manfred Rekowski hat angesichts der Proteste gegen Rassismus in den USA ebenfalls zu Zusammenhalt aufgerufen. "Gottes große Menschheitsfamilie ist ein bunter Haufen", sagte der leitende Theologe der Evangelischen Kirche im Rheinland in einem am Donnerstag in Düsseldorf veröffentlichten Video. Trotz der Unterschiede gehörten alle Menschen zusammen und hätten unterschiedslos die gleiche Würde.

Ihn beschäftige das Bild des US-Präsidenten Donald Trump, der sich inmitten der anhaltenden Proteste gegen tödliche Polizeigewalt und Rassismus vor einer Kirche mit hochgehaltener Bibel fotografieren ließ. "Ich wünsche mir viele Menschen, in den Vereinigten Staaten und bei uns, die die Bibel hochhalten", erklärte Rekowksi. Die Bibel halte man aber hoch, indem "man einander achtet, indem man aufeinander zugeht, indem man Menschen, die anders sind, akzeptiert, ihnen die gleiche Würde zubilligt, die man selber hat, indem man Brücken baut". Das geschehe nicht, indem man die Spirale des Hasses weiterdrehe oder unterscheide zwischen "Die" und "Wir", betonte der 62-jährige Theologe.