"Man muss sich bei der digitalen Religionspädagogik was trauen"

"Trust and Try"

© epd-bild/Jens Schlueter

Unter dem Titel "Trust and Try" lernen Konfirmanden mit Teamern und Pfarrern aus ihren Gemeinden, was es heißt, aufeinander zu vertrauen und Neues auszuprobieren – vom erlebnispädagogischen Hochseilklettern bis zum innovativen Konfirmandenunterricht.

"Man muss sich bei der digitalen Religionspädagogik was trauen"
Jörg Lohrer kennt sich in der Welt der digitalen Religionspädagogik aus: Er ist im Leitungsteam von rpi-virtuell, einer Website des Comenius-Instituts, die Materialien für Religionslehrkräfte von der Nordsee bis zum Wörthersee anbietet. Im evangelisch.de-Interview verrät er Tipps und Tricks, wo man gute digitale Inhalte herbekommt, wie man sich vernetzt und womit man am besten arbeiten sollte.

Was findet man, wenn man sich die Website des virtuellen religionspädagogischen Institut des Comenius-Instituts, kurz rpi-virtuell, anschaut?

Jörg Lohrer: Wir haben vier Schwerpunktbereiche auf unserer Seite. Erstens gibt es den News-Bereich. Dort bekommt man alle Neuigkeiten aus allen Instituten. Das ist interessant, denn die Institute produzieren sehr viele religionspädagogische Materialien. Alles, was sich in der Bildungslandschaft tut, wird im News-Bereich abgebildet. Zweitens gibt's unseren Blogbereich. Da hat jeder die Möglichkeit, selbst einen Blog zu starten: Lehrerinnen und Lehrer, Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch Schülerinnen und Schüler. Mit einem Klick können sie eine Website erstellen.

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Dann gibt's unser Herzstück, den Materialpool. Dort gibt's zigtausende filter- und durchsuchbare Materialien. Der Materialpool ist zum Beispiel nach dem Lehrplan, der Kompetenzorientierung, nach Themen- oder Altersspektren durchsuchbar. Dieser Pool ist sowohl für die schulische Bildung – also für den Religionsunterricht von der ersten Klasse bis zum Abitur - als auch für die außerschulische Jugendbildung – die Konfirmanden- oder Gemeindearbeit – geeignet. Der vierte Bereich ist der Gruppenbereich. Dort kann man selbstorganisiert miteinander in geschlossenen oder offenen Gruppen zusammenarbeiten, hat Wiki-Funktionalitäten, sowie ein soziales Netzwerk, um den Fachaustausch zu voranzutreiben. Dieser Bereich wird auch von einigen Religionslehrerinnen und -lehrern genutzt, um zum Beispiel gemeinsam Religionsbücher oder Fortbildungen zu entwickeln. Auf rpi-virtuell findet man also ein sehr breit gefächertes Nutzungsspektrum.

Können Sie Beispiele nennen, was man thematisch als Lehrkraft auf rpi-virtuell so findet?

Lohrer: Gerade gab's zum Beispiel einen ganz tollen Materialentwurf zum Thema Greta Thunberg, eine Prophetin unserer Zeit, in Verbindung mit dem Thema Prophetie. Grundsätzlich findet man alles, was zu den aktuellen Entwicklungen von den Instituten der Landeskirchen produziert wird – jede Landeskirche hat ja ein pädagogisch-theologisches Institut – gelb gekennzeichnet auf unserer Startseite. Wir passen die Seite selbstverständlich auch jahreszeitlich an, wenn kirchliche Feste anstehe. Es gibt auch Gottesdienstentwürfe bei uns, zum Beispiel zum Schuljahresanfang oder -ende. Wir sind immer bemüht, die aktuellen Themen aus dem Materialpool rechtzeitig auf die Startseite zu bringen, so dass wir da eine gute Auswahl bieten.

Jörg Lohrer antwortet auf die Fragen: Was gibt es sonst noch auf rpi-virtuell? Und wie findet man auf der Seite denn genau das, was man sucht? Wie vernetzen sich Menschen, die Lust auf digitale Religionspädagogik haben?

Rpi-virtuell ist generell erstmal ein kostenfreies Angebot. Wie funktioniert das?

Lohrer: Wir nehmen keine Verlagsmaterialen, die eine Anmeldung, Registrierung oder womöglich sogar noch Bezahlschranken einführen. In erster Linie versuchen wir hauptsächlich Materialien zu verschlagworten, die komplett kostenfrei zugänglich sind.  Der Materialpool wird auf der einen Seite von den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den religionspädagogischen Instituten gespeist, auf der anderen Seite verwendet rpi-virtuell aber auch Materialien, die von Religionslehrerinnen und Religionslehrer entwickelt wurden. Das können zum Beispiel Quizze oder interaktive Übungen sein. Jeder einzelne hat die Möglichkeit, etwas in unseren Materialpool einzuspeisen und so wieder für andere findbar zu sein.

Was müssen Menschen mitbringen, die sich in diesem Bereich weiterentwickeln wollen?

Lohrer: Man braucht die Bereitschaft zu sagen: "Ich bin selbst nicht nur Lehrender, sondern auch Lernender." Und wenn man begriffen hat, dass man nicht nur etwas weiterzugeben hat, sondern selbst noch lernt, dann traut man sich auch, Fehler zu machen. Ich empfehle, mit offenen Lernwerkzeugen tätig zu werden und sich auf den Weg zu machen. Wer etwas nicht will, der findet Gründe, aber wer was möchte, der findet dann auch Wege. Man muss sich einfach was trauen und damit loslegen. Dazu gehören auch Fragen und Unbeholfenheit. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass man – egal ob es ganz einfache Fragen sind oder auch komplexere – in dieser Gemeinschaft der Lernenden viel Unterstützung bekommt. Es spielt auch keine Rolle, in welchem Alter man einsteigt oder mit welchen Vorkenntnissen. Deswegen sollte man einfach loslegen. Und jetzt ist eine gute Zeit dazu.

Was würden Sie Menschen empfehlen, die jetzt langsam in den Bereich digitale Bildung einsteigen wollen? Welche Tipps können Sie denen geben?

Lohrer: Früher hat man immer von Distributionswegen her gedacht: Wo kriege ich das Buch her oder wo finde ich mein Material. Im Netz ist es eher so, dass die Dinge auf mich zukommen, wenn ich mich mit den richtigen Menschen verbinde und wenn ich mich einfach mal da hineinbegebe. Deswegen würde ich empfehlen, nicht nur nach Material zu suchen, sondern sich selbst zu "veröffentlichen". Einfach einen Blog zu starten mit den Fragen, die man hat, oder einen Twitter-Account anzulegen.

Und dann geht es ganz schnell los, dass man Resonanz bekommt, wenn man selbst sichtbar wird mit seinem Anliegen, und dass Menschen, die ähnliche Interessen und Ideen haben, mit einem in den Austausch treten. Egal, in welchem Bereich man unterwegs ist – sei es Kindergottesdienst oder Abiturvorbereitung – man findet im Internet nicht nur Material, sondern auch Gleichgesinnte, sobald man sich selbst zu erkennen gibt. Und deshalb rate ich allen: Zeigt ein bisschen Gesicht, gebt ein bisschen was von euch preis, dann werdet ihr auffind- und anknüpfbar mit anderen.

Gibt es bestimmte Tools, die Sie empfehlen würden?

Lohrer: Konkrete Tools würde ich jetzt lieber nicht empfehlen. Denn die Schwierigkeit ist sehr oft, dass man durch das Smartboard, den Windowsrechner oder das IPhone eingeschränkt wird oder dass man dadurch an einen Hersteller gebunden ist. Deshalb würde ich generell eher freie Software empfehlen. Nutzt ausschließlich Dinge, die kostenfrei und systemungebunden sind. Nutzt Angebote, die nicht nur auf Android, dem Smartboard oder dem IPhone funktionieren, sondern webbasiert auf einer Internetseite. Denn mit einer zugänglichen und responsiven Website können Schülerinnen und Schüler – egal welches Endgerät sie benutzen – arbeiten.