Kirchen bedauern Brexit

Papierschiffchen mit britischer Flagge und Papierschiffchen mit geknickter Europa-Flagge

thinkstock/Miriam Dörr

Kirchen bedauern Brexit
Viele Kirchen und deren Vertreter bedauern die Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt ihres Landes zutiefst und wünschen sich eine neue Belebung des Gemeinschaftssinns.
Deutschland spricht 2019

Der Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen, der Brite Christopher Hill, erklärte laut einer Mitteilung der KEK am Freitag in Brüssel, er bedauere nicht nur den EU-Austritt, sondern zudem auch die Art und Weise, wie die "Brexit"-Kampagne geführt worden sei. Hill, ein Geistlicher der Kirche von England, beklagte, dass die Kampagne der EU-Gegner zuweilen hysterische Züge angenommen habe. So seien beim Thema Migration die Fakten oft ausgeblendet worden. Die Konferenz Europäischer Kirchen werde weiter das Forum sein, in dem sich die britischen Christen einbringen können.

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm erklärte in Berlin: "Die Evangelische Kirche in Deutschland bedauert den Schritt der Briten, die Europäische Union zu verlassen, außerordentlich. Es wird nun nötig sein, in Ruhe die Gründe für das Austrittsvotum zu analysieren." Weiter sagte er: "Als Kirchen werden wir uns mit unserem internationalen ökumenischen Netzwerk weiter für ein geeintes und solidarisches Europa einsetzen. Wenn sich bestätigt, dass vor allem viele junge Menschen für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union gestimmt haben, ist das eine besondere Verpflichtung, in unserem Engagement nicht nachzulassen." Zuvor bereits hatte Bedford-Strohm, der auch bayrischer Landesbischof ist, über sein Facebook-Account ein persönliches Statement verbreitet. Dort schrieb er unter anderem: "Jetzt steht das Ergebnis der Brexit-Abstimmung fest. Ich bedauere dieses Ergebnis sehr. Der bevorstehende Austritt eines Landes aus der EU ist schmerzlich - für mich Anlass, das Friedenprojekt Europa umso kräftiger voranzutreiben."

Auch die Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, äußerte sich in einer persönlichen Erklärung, die sie dem evangelischen Magazin chrismon gegenüber abgab: "Ich finde den Austritt Großbritanniens aus der EU traurig. Meine Generation hat sich bei jeder Grenze, die gefallen ist, freuen können. Bei der EU geht es doch nicht nur um Bürokratie und Geld, sondern sie sollte eine Herzensangelegenheit sein. Für mich bleiben Europa und auch die EU ein Friedensprojekt, das großes Engagement wert ist. Um Solidarität und Freiheit geht es - und nicht um Nationalismus und Eigeninteressen."

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Volker Jung, hat ebenfalls die Entscheidung der Briten bedauert, aus der EU auszutreten. Angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise sowie der Flüchtlingspolitik sei offenbar das "Vertrauen in ein Europa verlorengegangen, das für ein Leben in Frieden und Freiheit, mit offenen Grenzen, Wahrung der Menschenrechte, Chancengleichheit und Solidarität steht" so Jung.

Das Abstimmungsergebnis lege den Schluss nahe, dass "die gemeinsamen europäischen Werte nicht überzeugend dargestellt wurden". Bei einer auf "wirtschaftliche  Vorteile und den 'besten Deal' verengten Diskussion ist die einzigartige Bedeutung des Friedens- und Solidaritätsprojektes Europa zu sehr aus dem Blick geraten", erklärte er. "Durch das Abstimmungsergebnis der britischen Bevölkerung wurde uns deutlich vor Augen geführt, dass der Gemeinschaftssinn und der Integrationsgedanke innerhalb der EU wiederbelebt werden muss", kommentierte der Kirchenpräsident die Entscheidung. Eine konstruktive Zusammenarbeit sei auch bei den nun anstehenden Austrittsverhandlungen zwischen Europäischer Union und Vereinigtem Königreich weiter nötig.

Dem Integrationsprojekt eine Seele geben

Nach Ansicht Jungs sind nun auch die Kirchen in Europa gefordert. Viele lebten den europäischen Gedanken bereits heute schon "Kraft des gemeinsamen Glaubens auf vielfältige Weise". Über Ländergrenzen hinweg gebe es soziale Initiativen in kirchlicher Trägerschaft, ökumenische Partnerschaften, Gemeindeaustauschprojekte, die es -  ähnlich der Idee der Partnerstädte -, ermöglichten, dass Menschen sich gegenseitig kennen- und verstehen lernten. Diese Verbindungen gelte es weiter auszubauen. Dem Wunsch des ehemaligen Kommissionspräsidenten Jaques Delors entsprechend leisteten die Kirchen damit einen Beitrag, "dass das europäische Integrationsprojekt neben der technischen und wirtschaftlichen Seite auch eine Seele erhält", sagte Jung.

Die Kirchen seien auch weiterhin bereit, ihre länderübergreifenden Netzwerke und ihre Erfahrungen im Sinne der Gemeinschaftsstiftung einzubringen. "Aus der Zusammenarbeit in der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) sind uns Spannungen bekannt, die mit Vielfalt einhergehen können. Aus eigener Erfahrung wissen wir aber auch, dass Einheit in Vielfalt gelingen kann, wenn die Gemeinsamkeiten im Mittelpunkt stehen und Raum für Unterschiede gelassen wird", so Jung.

"Signal an die Politik, nicht an den Menschen vorbeizurennen"

Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU) sieht im Votum der Briten, aus der EU auszutreten, eine Schwächung Europas. Es sei ein Fehler, den Brexit vor allem aus wirtschaftlicher Perspektive zu betrachten, sagte AEU-Geschäftsführer Stephan Klinghardt. Die Abstimmung in Großbritannien habe gezeigt, dass viele Menschen aus Angst vor Zuwanderung und aus Zweifel an einer besseren Zukunft für den Austritt gestimmt hätten.

"Als Demokraten haben wir demokratische Entscheidungen hinzunehmen", betonte Klinghardt. Das Abstimmungsergebnis sei ein Signal an die Politik, nicht an den Menschen vorbeizurennen. Beim Werben für Europa müssten die Themen Frieden und Gemeinwohl in den Mittelpunkt gestellt werden und nicht die erwarteten Wirtschaftsprobleme. Diese ließen sich teilweise durch die Einrichtung einer Freihandelszone lösen.

Spaltung auch innerhalb der Kirchen

Der evangelische Auslandspfarrer in London, Ulrich Lincoln, zeigte sich tief getroffen vom Ausgang des Referendums: "Ich bin traurig, schockiert und bestürzt. Es ist eine Katastrophe für dieses Land, aber auch für Europa", sagte er. Es gehe eine tiefe Spaltung durch das Königreich, und es werde schwer werden, die Zerrissenheit zu überwinden.

"Ich komme mir vor, als sei ich mit einem Kater aufgewacht", sagte der Theologe. Er habe bereits die ersten Reaktionen auf den Ausgang der Abstimmung aus der Gemeinde bekommen. Viele Deutsche seien verunsichert, auch weil es während des Wahlkampfs starke ausländerfeindliche Tendenzen gegeben habe. Auch die britischen Kirchen hätten eher hilflos agiert: "Die Spaltung verläuft auch innerhalb der Kirchen. Da wird man nicht viel machen können."

Nicholas Baines, Bischof der anglikanischen Church Of England, schrieb über den Kurznachrichtendienst Twitter: "Nun haben die Menschen gesprochen. Es ist nicht klar, was sie gesagt haben, aber das Resultat ist eindeutig. Nun müssen wir die Zukunft gestalten - und uns nicht bloß wünschen, sie wäre anders."

In einer gemeinsamen Erklärung zum Brexit schrieben die Erzbischöfe der Church Of England von Canterbury, Justin Welby, und von York, John Sentamu, dass das Vereinigte Königreich nun seinen Platz in der Welt neu finden müsse: "Als Bürger des Vereinigten Königreichs, egal welche Einstellungen wir während des Referendums hatten, müssen wir nun vereint handeln, um uns der Aufgabe zu widmen, ein großherziges und vorwärts gewandtes Land zu schaffen, das zu menschlichem Gedeihen auf der ganzen Welt beiträgt", erklärten die beiden Spitzenvertreter der anglikanischen Kirche. Weiter forderten sie nach "dem heftigen und teilweise verletzenden Verlauf der Referendums-Kampagne" nun ein weiteres Vorgehen mit Bescheidenheit und Mut und riefen, auch über Facebook, zu Gebeten für die Politiker in Europa und für Aussöhnung in Großbritanniens auf. "Wir müssen gastfreundlich und anteilnehmend bleiben, Erbauer von Brücken, nicht Grenzen" heißt es im Statement wörtlich. Und weiter: "Viele von denen, die unter uns als Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen leben, werden sich nun tief verunsichert fühlen. Darauf müssen wir mit Bestätigung reagieren, indem wir unsere wundervoll vielfältige Gesellschaft hochhalten und den einzigartigen Beitrag, den jeder Einzelne zu ihr leistet, bekräftigen."

Nach dem Brexit sich als gute Nachbarn zeigen

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz von England und Wales, Kardinal Vincent Nichols, betont, dass es eine bedeutsame Tradition des Vereinigten Königreiches sei, den Willen des Volkes zu respektieren. "Heute sind wir zu einem neuen Kurs aufgebrochen, der von allen viel abverlangen wird", sagte er am Freitag auf Anfrage des Internetportals katholisch.de.

Nichols bete dafür, "dass unsere Nationen auf unsere besten Traditionen aufbauen werden: Freigiebig sein, Fremde willkommen heißen und Zuflucht für Notleidende bieten" heißt es weiter auf katholisch.de. Nach dem Brexit müsse man hart daran arbeiten, sich als gute Nachbarn und entschlossene Mitwirkende zu zeigen, so Nichols. Denn nur mit internationaler Anstrengung könne man die kritischen Probleme von heute angehen.

Papst: Willen der britischen Wähler achten

Wie katholisch.de weiter berichtet, hat der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan Vesper, die Europäische Union nach der historischen Entscheidung der Briten für den EU-Austritt zu Veränderungen aufgerufen. "Die EU stärken, indem wir sie reformieren", schrieb er am Freitagmorgen auf Facebook. Zudem warb Vesper für einen noch entschiedeneren Einsatz der Christen für Europa.

Papst Franziskus rief dazu auf, den bei der Volksbefragung geäußerten Willen der britischen Wähler zu achten. Das Ergebnis erfordere großes Verantwortungsbewusstsein, "um das Wohl des Volks Großbritanniens und das Wohl des Zusammenlebens des gesamten europäischen Kontinents zu garantieren", sagte er nach Angaben von Radio Vatikan auf dem Flug in die armenische Hauptstadt Eriwan.

"Beten und arbeiten für ein Europa der wachsenden Gemeinschaft und des gerechten Friedens"

Die EKD-Partnerschaftsarbeit mit der Kirche von England, namentlich der deutsche Co-Vorsitzende der Meissen Kommission, der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, und die Bischöfin für Ökumene und Auslandsarbeit der EKD, Petra Bosse-Huber, bedauern ebenfalls die Entscheidung Großbritanniens, die Europäische Union verlassen zu wollen: "Bei allem gebotenen Respekt für die demokratische Entscheidung in Großbritannien und bei aller offenkundigen Notwendigkeit für Reformen in der EU empfinden wir doch überaus schmerzlich den Verlust, den Europa durch den bevorstehenden Rückzug eines wichtigen Partners erleidet", so Landesbischof Ralf Meister. "Der Geist der Versöhnung und der kirchlichen Gemeinschaft zwischen unseren Kirchen wird durch diesen politischen Schritt gleichwohl nicht berührt, sondern wir werden weiterhin alles dafür tun, um unsere Kirchen und die Menschen in unseren Ländern enger zusammenzubringen."

Bischöfin Petra Bosse-Huber betonte am Rande der Sitzung des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen in Trondheim, Norwegen: "Gerade in unserer fragilen und verwundbaren Welt und in einem Europa, das heute so unmittelbar herausgefordert ist, brauchen sich unsere Kirchen gegenseitig und wollen engagiert ihren Beitrag zum europäischen und globalen Zusammenhalt leisten." Und weiter: "Gemeinsam mit unseren Geschwistern in der Kirche von England beten und arbeiten wir für ein Europa der wachsenden Gemeinschaft und des gerechten Friedens."