Wenn in der Nacht zum 9. Februar die Seattle Seahawks gegen die New England Patriots zum Superbowl antreten, werden bei Stefan Mergenthaler Erinnerungen wach. Er ist selbst seit rund 15 Jahren leidenschaftlicher Seahawks-Fan und hat die Mannschaft schon bei einer USA-Reise im Stadion von Seattle spielen sehen. Dass sein Team nun im Finale der amerikanischen Football-Liga steht, hatte er nicht erwartet.
Der 44-Jährige betreut als Seelsorger die beiden Dörfer Bernloch und Meidelstetten im Landkreis Reutlingen. Die Leidenschaft für das rabiate Spiel mit dem Leder-Ei hatte ihn aber schon im Theologiestudium in Tübingen gepackt. Dort brachten ihm Mitstudenten in einer Wohngemeinschaft im Albrecht-Bengel-Haus den Sport nahe. Deren Euphorie war allerdings nicht zu bremsen: Einer habe die Superbowl-Nacht durchgemacht, obwohl er dann am Montag sein mündliches Theologie-Examen ablegen musste, erinnert sich Mergenthaler und lacht.
Immerhin hat der Spaß am Football die Fans im Talar noch einige Zeit zusammengehalten. Viele Jahre trafen sie sich im Nordschwarzwald am Abend des Superbowls, verdrückten "American Junk Food" und verfolgten dann nach Mitternacht am großen Bildschirm, welche Mannschaft die Trophäe einheimsen konnte.
Vorteil für Pfarrer: Ausschlafen am freien Montag
Pfarrer genießen dabei einen einzigartigen Vorteil: Weil sie sonntags predigen, haben sie montags frei - und können deshalb ausschlafen, wenn sie erst im Morgengrauen ins Bett gegangen sind. Für Neulinge sieht American Football eher befremdlich aus. Spielzüge dauern nur wenige Sekunden, alle stürzen sich mit ganzem Körpereinsatz auf den Mann, der den Ball hat. Wer sich aber in das Regelwerk einarbeitet, ist schnell fasziniert von den taktischen Möglichkeiten. Mergenthaler findet es beispielsweise aufregend, auf wie viele verschiedene Arten Punkte erzielt werden können - und wie Trainer die optimale Variante austüfteln.
"Ich habe nirgends mehr über den Alltag der jungen Leute erfahren als in dieser Zeit"
Doch kaum sind ein paar Spielzüge vorbei, ist auch schon wieder Werbepause. Interessanterweise sind es gerade diese Pausen, die das gemeinsame Schauen aus Sicht des Theologen besonders attraktiv machen. Seit Jahren treffen sich im Wohnzimmer seines Pfarrhauses sonntagabends junge Leute, um gemeinsam Football zu schauen. Beginnt die Werbung, stellt er das TV-Gerät stumm - und es gibt Zeit zum Reden. "Ich habe nirgends mehr über den Alltag der jungen Leute erfahren als in dieser Zeit", sagt Mergenthaler. Gesprächsstoffe aus dem Schul- und Berufsleben, aber auch zum Glauben ergeben sich ganz natürlich, beobachtet er.
Für das steigende Interesse am Superbowl ist das Wohnzimmer des Pfarrers allerdings zu klein. Seit sechs Jahren bietet die Kirchengemeinde deshalb ein Public Viewing im Gemeindehaus an. Beginn ist gegen 22 Uhr mit gemeinsamem Essen, Kick-off dann um 0.30 Uhr, was für eine kirchliche Veranstaltung eher ungewöhnlich ist. Mergenthaler begrüßt in dieser Nacht der Nächte immer wieder Besucher, die bislang keinen Bezug zur Kirche haben. "Ich finde es gut, wenn Menschen die Scheu vor Gemeinderäumen verlieren", sagt er.
Natürlich darf ein Tippspiel nicht fehlen. Teilnehmer können in einzelnen Kategorien orakeln, wer gewinnt, wie viele Touchdowns und Field Goals es gibt und wie oft einer Mannschaft der Ball abgenommen wird. Vorletztes Jahr hatte Mergenthaler den Wanderpokal des Tippsiegers ergattert. Seine Prognose für den diesjährigen Superbowl: "Die Seahawks gewinnen 24 : 10."


