Die Puderdose und die "Judensau"

Die Puderdose und die "Judensau"
Zum 9. November: ein Mahnmal, das ins Herzen trifft, und ein Schandmal, das weg muss

Übermorgen ist der 9. November. Es ist gut, dass viele damit die friedliche Revolution in der DDR verbinden, den Beginn des Endes der Teilung Deutschlands. Es ist verheerend, dass immer mehr Menschen vergessen, welche historische Schuld die Deutschen an diesem Tag auf sich geladen haben, welche Verbrechen gegen Jüdinnen und Juden verübt wurden, damals im Jahr 1938, in der Reichspogromnacht unter Adolf Hitler. Synagogen brannten, Geschäfte wurden zerstört, Leben vernichtet. Der größte Völkermord der Geschichte begann.

Heute, 84 Jahre später, streiten wir, ob ein antisemitsches Relief aus dem Mittelalter an einem christlichen Gotteshaus bleiben soll oder nicht, ob die "Judensau", an deren Zitzen jüdische Kinder saugen und an der sich ein Rabbiner obszön zu schaffen macht, ein erhaltenswertes "Mahnmal", gar ein "Lernobjekt" ist oder nicht. Das verschlägt mir die Sprache.

In Berlin-Schöneberg gibt es ein Denkmal, das den Namen "Mahnmal" tatsächlich verdient. "Orte des Erinnerns" heißt es. Ich kenne es gut, da ich viele Jahre dort gelebt habe. Das Denkmal besteht aus 80 Tafeln, die quer durch das Bayerische Viertel an Straßenlaternen angebracht sind. Man sieht sie nicht sofort, weil sie sich in drei Metern Höhe befinden. Auf der einen Seite der Tafel ist jeweils ein Bild. Auf der anderen steht ein Text, meist ein Gesetzestext.

Da ist ein Berg abgebildet, ein Schriftzug prangt darüber: "Der Berg ruft". Der Text dazu lautet: Als deutscher Film wird ein Film anerkannt, welcher in Deutschland von deutschen Staatsbürgern deutscher Abstammung hergestellt wurde. 28.6.1933. – Ein Sportplatz: Juden werden aus Sport- und Turnvereinen ausgeschlossen. 25.4.1933. – Zwei Ringe: Eheschließungen und außerehelicher Verkehr zwischen Staatsangehörigen deutschen Blutes und Juden werden mit Zuchthaus bestraft. Trotzdem geschlossene Ehen sind ungültig. 15.9.1935. – Ein Brot: Lebensmittel dürfen Juden in Berlin nur nachmittags von 4-5 Uhr einkaufen. 4.7.1940. – Ein Aktenordner: Akten, deren Gegenstand antijüdische Tätigkeiten sind, sind zu vernichten. 16.2.1945.

Die bewegendste Tafel zeigt eine Puderdose. Der Text ist kein Gesetz. Er stammt von Else Stern. Sie schrieb ihn vor ihrer Deportation, am 16. Januar 1942: "… die Puderdose soll ein kleines Andenken für dich persönlich sein, benutze sie recht oft, dann denkst Du an mich. Eure tieftraurige Else Stern". – Jedes Mal treibt es mir die Tränen in die Augen, wenn ich es sehe.

Die Schilder zeigen, wie früh die Entrechtung begann, wie weit die Diskriminierung ging, wie tief die Demütigung war. Und wie schleichend der Prozess, der im Holocaust mündete.

Die "Orte des Erinnerns" sind mehr als ein Denkmal. Sie sind ein Mahnmal in seines Wortes bester Bedeutung. Sie gehen unter die Haut, sie treffen mitten ins Herz. Sie erinnern an das, was war, und mahnen an, was wir verhindern müssen: jeden auch noch so geringen Anflug von Antisemitismus.

Die "Judensau" dagegen, die von der nationalsozialistischen Propaganda dankbar aufgegriffen wurde, zeugt von einem abgrundtiefen Hass gegen Jüdinnen und Juden und ihren Gott. Sie erniedrigt und verletzt. So etwas kann weder Mahnmal noch Lernobjekt sein, egal, wie viele erklärende Hinweise in ihrer Nähe angebracht werden, egal, was die Gerichte dazu sagen. Die antisemitische Schmähplastik ist ein Schandmal, ob an Martin Luthers Predigtkirche in Wittenberg, die überdies noch Weltkulturerbe ist, oder anderswo. Sie gehört entfernt. Sie gehört zerstört.

Das ist keine Frage des Rechts. Es ist eine Frage der Haltung. – Nicht nur am 9. November.

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