30 Jahre Forumsisters++

Sektgläser stehen bereit auf Tisch mit Regenbogenflagge
Kerstin Söderblom
30 Jahre feministische und diversitätssensible Power im European Forum of Christian LGBTI+ Groups
30 Jahre Forumsisters++
Über 60 weiblich gelesene Personen haben das 30jährige Jubiläum der Forumsisters++ des European Forum of Christian LGBTI+ Groups in Norwegen gefeiert.

Auf der Jahrestagung des European Forum of LGBTI+ Groups haben die Forumsisters++ ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Es ist ein wichtiger Meilenstein und ein Anlass, genauer hinzuschauen, was vor 30 Jahren passiert ist und warum das heute noch wichtig ist. 

Vor 30 Jahren haben lesbische und bisexuelle Frauen aus verschiedenen europäischen Ländern zum ersten Mal eine „Women´s Preconference“ veranstaltet. Sie fand im Mai 1996 als Vorkonferenz vor der eigentlichen Jahreskonferenz des Europäischen Forums zu Wort christlicher LSBTI+ Gruppen (EF) in Oslo statt. Ein starkes norwegisches Frauenteam hatte die Vorkonferenz vorbereitet und dazu eingeladen.

Vorausgegangen war die Erfahrung von einigen lesbischen Frauen, die in den Jahren vorher bei einer EF Konferenz dabei waren, dass sie bei einer Präsenz von über 80 % schwulen Männern kaum wahrgenommen wurden. Sie mussten erleben, wie männerdominiert das Netzwerk bis zu dieser Zeit war. Frauenstimmen und ihre Anliegen blieben weitgehend ungehört. Ihr Bemühen darum, feministisch-theologische Erkenntnisse in Vorträge und Gottesdienstsprache einzutragen und Gottesbilder und Menschenbilder zu diversifizieren, blieb bis dahin erfolglos. 

So wurden sie selbst aktiv und trafen sich ab 1996 für jeweils eineinhalb Tage vor der Hauptkonferenz des EF, um ohne die Männer ihre Erfahrungen auszutauschen, feministisch-theologisch und später queer-theologisch an inklusiven und diversitätssensiblen Gottesbildern und Gottesdienstformaten zu arbeiten und diese in Andachten und Workshops auch direkt umzusetzen.

Im Mai 1996 kamen über dreißig Frauen*, vor allem aus den skandinavischen Ländern zur ersten EF-Vorkonferenz. Ich selbst war auf dieser Vorkonferenz in Oslo anwesend. Es war zugleich meine erste EF-Konferenz, an der ich teilnahm. Seitdem bin ich regelmäßig dabei. Auf der EF Konferenz im Mai 2026 in Bergen/Norwegen habe ich neben dem Forumsisters++-Jubiläum auch mein persönliches 30-jähriges Jubiläum als Delegierte auf EF-Konferenzen gefeiert.

Während der Vorkonferenz in Oslo 1996 tauschten wir uns über unsere persönlichen Erfahrungen als lesbische und bisexuelle Frauen in kirchlichen Kontexten aus und berieten Strategien zur gegenseitigen kirchenpolitischen Unterstützung in Europa. Außerdem formulierten wir einen Antrag für die Geschäftssitzung der Hauptkonferenz, dass eine:r der beiden Co-Präsident:innen des EF von da an immer weiblich sein müsste. Wir forderten eine größere Sichtbarkeit und Repräsentanz von Frauen im Vorstand und in den jeweiligen Arbeitsgruppen ein, und konfrontierten die Männer mit frauenfeindlichen Grundhaltungen und einer patriarchalen Theologie und Gottesdienstsprache. Auf der Geschäftssitzung des EF in Oslo in dem Jahr ging es entsprechend hoch her. Es wurde engagiert diskutiert und gestritten und die unterschiedlichen Positionen wurden konkret greifbar. 

Nach heftigen Debatten gelang es auf der Geschäftssitzung von 1996 tatsächlich, die Satzung mit einer Dreiviertelmehrheit zu verändern und sich darauf zu verständigen, dass ein:e Co-Präsident:in von nun an stets weiblich sein müsse. Auch die Positionen des:der Sekretär:in und Schatzmeister:in sollten von da an möglichst paritätisch sein. Auch der Name des EF veränderte sich zu „European Forum of Christian Lesbian and Gay Christian Groups“. Insofern war das Jahr 1996 für die gesamte Organisation des EF ein wichtiger Schritt hin zu einer inklusiveren und geschlechtergerechteren Organisation. Mittlerweile ist das EF noch diverser geworden und nennt sich "European Forum of Christian Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Intersex+ Groups.

Seitdem wurden einige starke lesbische Frauen, wie Brenda Harrison aus England, Randi O. Solberg und Hilde Raastad aus Norwegen, Tatiana Lekhatkova aus Russland/Frankreich und Tarja Pyykkö aus Finnland zu Co-Präsidentinnen gewählt. Irène Schwyn aus der Schweiz war viele Jahre lang Sekretärin und wurde 2017/2018 zur Koordinatorin des osteuropäischen Mentoring-Programms berufen. Sie starb 2024 an einem aggressiven Tumor und wird seitdem schmerzlich vermisst.

Aus der Frauen-Vorkonferenz wurde in den Folgejahren die „Forum Sisters“. Sie sind bis heute während des gesamten Jahres durch eine digitale Newsgruppe miteinander verbunden, besuchen sich gegenseitig, planen Veranstaltungen und queer-feministische Events. In diesem Kontext sind auch mehrere Bücher entstanden. 

Ineke Lautenbach, eine niederländische Teilnehmerin, hat Anfang der 2000er Jahre einen eigenen Verlag „Esuberanza“ gegründet, der viele der lesbisch-feministischen und queer-theologischen Bücher verlegt hat, die von anderen Verlagen damals nicht angenommen worden sind. Zum Beispiel der Sammelband „Let our voices be heard!", herausgegeben von Randi O. Solberg aus Norwegen.“ Der Sammelband präsentiert biografische Geschichten von 95 lesbischen Frauen* aus über 20 europäischen Ländern. Das Buch ist in acht Sprachen übersetzt worden. Oder „This Queer Grace“, die Autobiografie der Norwegerin Hilde Raastad und das Buch „Queer-theologische Notizen“, das ich 2020 in dem Verlag veröffentlicht habe.

Im Jahr 2025 haben sich die Forumsisters in Forumsisters++ umbenannt. Interne Gespräche und Debatten über diverse Geschlechtsidentitäten und über die Zukunft der Forumsisters gingen dem voraus. Ein klares Bekenntnis zu non-binären und genderfluiden Personen und Transfrauen, die sich den Forumsisters zugehörig fühlen, haben diese Namensänderung nötig gemacht. Sie zeigt, dass sich die Themen und Bedürfnisse der Forumsisters++ über die Jahre verändert haben. Gleich geblieben ist das gemeinsame Engagement für feministische, queer- und diversitätssensible Theologie, Liturgie und Gottesdienstsprache. Die teilweise immer noch sehr männerzentrierte Sprache bei offiziellen Regenbogengottesdiensten des EF zeigt, wie notwendig dieses Engagement ist.

Ich gratuliere den Forumsisters++ zum 30jährigen Jubiläum! Auf viele weitere Jahre kreative und widerständige christlich-feministische und queer-theologische Netzwerkarbeit in Europa und auf eine starke Sichtbarkeit von Frauen* in queeren Zusammenhängen!

 

weitere Blogs

Angels Unawares Skulptur auf dem Petersplatz
Eine Skulptur mitten auf dem Petersplatz in Rom erinnert an Flucht und Verfolgung
Von Gottes kontrafaktischen Strategien.
Elektrische Gebetskerzen im Innenraum der katholischen Kirche.
Im Petersdom im Rom können Sie Kerzen zum Gebet anzünden. Aber anders als gewohnt ...