Juden und Muslime im christlichen Religionsunterricht

Die Muslimin Jasmina Makarevic, die katholische Lehrerin Margarita Manzaneque und die Jüdin Petra Kunik (v.l.n.r.)  zeigen im Klassenzimmer religiöse Symbole.
epd-bild/Tim Wegner
Die Muslimin Jasmina Makarevic, die katholische Lehrerin Margarita Manzaneque und die Jüdin Petra Kunik (v.l.n.r.) zeigen im Klassenzimmer religiöse Symbole.
Schulprojekt "meet2respect"
Juden und Muslime im christlichen Religionsunterricht
Eine Jüdin und eine Muslimin sitzen in der Klasse im Reli-Unterricht: Vorurteile abbauen, das ist die Idee von "meet2respect". In Hanau erfahren Zwölftklässler dabei viel über Gemeinsamkeiten der Religionen. Und manches überrascht sie.

Es ist ein ungewöhnlicher Besuch: Eine Jüdin und eine Muslimin sind gemeinsam zu Gast im christlichen Religionsunterricht der Ludwig-Geißler-Schule in Hanau. Sieben Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse schauen erwartungsvoll.

Religion ist auch auf dem Schulhof Thema, erzählt Lin (20) mit weißem Pulli und schwarzem Kopftuch: "Jungs sagen, sie wollen zum Islam konvertieren, denn dann dürfen sie vier Frauen heiraten. Ich sage ihnen, das stimmt nicht." Muslimin Jasmina Makarevic (46) vom Bosnischen Kulturverein Frankfurt stimmt zu: "Ich frage in solchen Fällen zurück: Du musst dann auch für vier Frauen bezahlen, kannst du das? Dann werden die Jungs kleinlaut." Davon abgesehen, müsse im Islam die erste Frau einer weiteren Heirat des Mannes zustimmen und der Mann alle Frauen gerecht behandeln, erklärt sie.

Die Krebsforscherin und Berufscoachin ist gemeinsam mit der Schriftstellerin und Schauspielerin Petra Kunik (81) von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt in die Berufsbildende Schule gekommen, neben ihnen sitzt die katholische Lehrerin Margarita Manzaneque. Vier katholische und drei muslimische Schülerinnen und Schüler hören aufmerksam zu. Das Projekt "meet2respect" bringt Vertreter und Vertreterinnen des Judentums und Islams gemeinsam mit Schulklassen zusammen, um Vorurteile auszuräumen und zu zeigen, dass Menschen verschiedenen Glaubens sich gut verstehen können.

"Warum machen wir das?"

"Was wird im Islam falsch verstanden?", will Kean (20) wissen. "Oft wird die Form für wichtiger gehalten als das Verhalten", erwidert Makarevic. "Sich zu überlegen, ob man beim Gebet richtig steht, aber einen anderen als Lügner zu beschuldigen, ist falsch." Gläubige sollten sich bewusst machen: "Warum machen wir das?" Kunik will auch etwas klarstellen: "Juden wird gern vorgeworfen, sie seien so streng, sie müssten 613 Gebote und Verbote einhalten", sagt sie. "Aber es heißt: 'du sollst', nicht 'du musst'. Meine Religion ist ein Fitnessstudio für die Seele."

Die Schüler Markus, Janika und Lars der 12. Klasse machen auch beim Projekt mit.

"Gläubige passen sich an das Land an, in dem sie leben", führt Makarevic aus. Sie hält einen goldenen Tischaufsteller hoch. "Den Ramadan-Kalender gibt es nur in Deutschland", sagt sie - analog zum Adventskalender. In Nordeuropa müssten sich Muslime bei den Gebets- und Fastenzeiten nicht an den Sonnenstand halten, sondern dürften die Zeiten von Mekka anwenden: "Sonst könnten sie in der Fastenzeit im Sommer nicht genug essen und trinken und im Winter fast gar nicht fasten."

Große Unterschiede bei Konversion

Die Schülerinnen und Schüler erfahren Gemeinsamkeiten zwischen den drei Weltreligionen, etwa die regelmäßigen Gebete, die Wertschätzung der Feiertage oder die gemeinsame Berufung auf den "Urvater Abraham, der als erster den einen Gott erkannt hat", wie Makarevic es formuliert.

Zur islamischen Gebetskette zeigt die katholische Religionslehrerin Margarita Manzaneque ihre Rosenkranzkette und erklärt, was sie bei welchen Perlen betet. Aber auch Unterschiede zwischen den Religionen werden deutlich.
"Kann man zum Judentum konvertieren?", fragt Sophie. "Wir machen keine Mission", erwidert Kunik. "Das Übertreten ist sehr schwierig." Ein Anwärter müsse auch die Verfolgungsgeschichte der Juden annehmen und eine zeitaufwendige Prüfung bestehen. "Der Übertritt zum Islam ist einfach", entgegnet Makarevic. Es genüge der Glaube an den einen Gott und an seinen Propheten Mohammed.

Religiöse Feste zusammen feiern

Im Anschluss loben die Schülerinnen und Schüler die Begegnung mit den Gästen. "Ich fand es interessant zu erfahren, wie Juden beten", sagt Lin. Sophie hat den Eindruck gewonnen, dass "die Religionen nicht so streng sind", wie sie dachte.

Unter Schülern gibt es auch schlimme Vorurteile, wie Kean erzählt: "Als einmal eine Münze auf den Boden gefallen war und einer sie aufhob, hat jemand gesagt: 'Typisch jüdisch, das Geld aufzuheben.' Das ist schon extrem." Der Finder sei übrigens kein Jude gewesen.

Magnus (18) berichtet aus der "meet2respect"-Begegnung im evangelischen Religionsunterricht, dass er gelernt habe, dass es nicht den einen Islam gebe. "Im früheren Jugoslawien haben Muslime und Christen ihre Feste zusammen gefeiert - dahin müssen wir wieder kommen", sagt er.

Ein Tropfen im "Ozean des Weltfriedens"

Auch die Gäste schätzen die Gespräche mit den Schulklassen. "Alles wirkliche Leben ist Begegnung", zitiert Kunik den Philosophen Martin Buber. "Nach jeder Stunde denke ich: Ich habe vielleicht ein kleines Sandkorn gelegt" - für Verständigung. "Wir haben viel gemeinsam, das beflügelt mich", sagt Makarevic. "Wir stoßen die Schülerinnen und Schüler an, sich mit ihrer eigenen Religion auseinanderzusetzen."

Auch die Lehrerin Manzaneque findet die Begegnungen mit den Gästen bereichernd. Von Schülern höre sie öfter antijüdische Äußerungen. Die interreligiöse Schulstunde sei dagegen "ein Tropfen auf den Ozean des Weltfriedens".

 

Über das Projekt:

Das interreligiöse Projekt "meet2respect" bringt Tandems aus je einem Vertreter des Judentums und des Islams in Schulklassen, manchmal ergänzt um einen Vertreter des Christentums. Ziel ist, authentisch über die Religionen zu informieren, Verständnis füreinander zu schaffen und ein Beispiel für ein tolerantes Miteinander zu geben. Gegründet wurde das Projekt 2013 in Berlin, nachdem der Rabbiner Daniel Alter von einem Jugendlichen angegriffen und verletzt worden war. Gemeinsam mit dem Imam Ender Cetin entwickelte Alter ein jüdisch-muslimisches Tandem.
In diesem Schuljahr hat das Projekt auch in Hessen begonnen. Das hessische Kultusministerium fördert es für drei Jahre, wissenschaftlich unterstützt wird es von der Universität Gießen. 26 Workshops an zwölf Schulen in den Klassenstufen vier bis zwölf haben in diesem Schuljahr stattgefunden, erklärt der hessische Initiator Andreas Goetze, Referent für interreligiösen Dialog beim evangelischen Zentrum Oekumene in Frankfurt am Main. Rund 400 Schülerinnen und Schüler haben daran teilgenommen.
Das Projekt wende sich gegen den ideologischen Missbrauch von Religion. Es bietet auch Fortbildungen für Lehrkräfte und Jugendhilfe-Einrichtungen an. Die Rückmeldungen seien durchweg positiv. Goetze: "Die Schülerinnen und Schüler machen die Erfahrung, dass man gemeinsam lachen kann, dass man trotz Unterschieden sich wertschätzen und respektvoll begegnen kann."