Der Petersdom in Rom. Ein wirklich prachtvolles, beeindruckendes Gebäude. Und davor der Petersplatz. Majestätisch weitet sich der Platz vor dem Dom, umgeben von imposanten Kolonnaden, von denen 140 Heiligenstatuen herunterblicken, jede über drei Meter hoch, doch aus der großen Höhe wirken sie gar nicht übermäßig groß. Wahrlich, ein außergewöhnlicher Platz.
Doch da links – was ist das? Ein dunkler Fleck in dieser so hellen, erhabenen Atmosphäre. Etwas, das hier nicht wirklich hinpasst, weder farblich noch architektonisch. Wir kommen näher und erkennen: Ein Flüchtlingsboot. Eine Bronzeskulptur, etwa 6 Meter lang. Auf ihr stehen dicht an dicht Menschen. Flüchtlinge, das ist deutlich erkennbar. Aus den verschiedensten Kulturen und Zeiten. Ein Jude, der aus Nazideutschland flieht, ein Syrer, der den syrischen Bürgerkrieg verlässt, ein Pole, der dem kommunistischen Regime entkommt. Männer, Frauen, Kinder. Alte und Junge. Viele ausgemergelt, mit wenig oder gar keinem Gepäck. Die Arme schützend und tröstend um die Kinder gelegt. Alle gezeichnet von dem Leid, von Flucht und Vertreibung. Aus ihrer Mitte jedoch wächst etwas hervor: Ein paar Flügel. Engelsflügel. Ein Zeichen: Mitten unter ihnen ist das Heilige präsent. Mitten unter denen, die bei uns und anderswo auf der Welt Schutz suchen, ist Gott zu finden. Hier findet ihr die Engel. Die Boten Gottes.
140 Menschen sind hier abgebildet. Exakt so viele, wie Heilige auf den wuchtigen Säulengängen um den Platz stehen. Das ist natürlich kein Zufall. Die Skulptur erinnert uns an Hebräer 13,2: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!“
Bildhauer Timothy Schmalz wurde von Pater (heute Kardinal) Michael Czerny S.J. zu diesem Kunstwerk inspiriert. Dieser war damals Untersekretär der Abteilung für Migranten und Flüchtlinge des vatikanischen Dikasteriums für die Förderung der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung. Auch seine Eltern, die aus der Tschechoslowakei nach Kanada eingewandert waren, sind Teil der Skulptur. 140 Menschen sind auf diesem Boot, und doch: Sie stehen für Millionen, ja Millarden Flüchtlinge an allen Orten und zu allen Zeiten.
Am 29. September 2019, dem 105. Welttag der Abteilung Migranten und Flüchtlinge, enthüllte Papst Franziskus die Skulptur im Beisein von vier Flüchtlingen aus vier Kontinenten.
Die Skulptur ist durchaus nicht unumstritten. Denn sie stört. Auf diesem geometrisch durchkonzipierten, erhabenen Platz, auf dem seit Jahrhunderten jede Säule, jede Statue, jeder Brunnen in Beziehung zu allem anderen steht, passt sie einfach nicht ins Bild. Und ich glaube: Genau so muss es sein. Migration, Flucht, Vertreibung: Das stört. Bringt unser Weltbild in Unordnung. Wir hätten das am liebsten weg. Alle abschieben, was geht uns das Leid der Welt an. So oder so ähnlich denken wohl viele.
Wie gut, dass diese Skulptur stört. Wie gut, dass sie hier steht und die Architektur und unsere Ordnung durcheinanderbringt. Wie gut, dass sie uns daran erinnert, was im Hebräerbrief steht:
„Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!“



