Biografische Zeugnisse queerer Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, sind das Fundament des künstlerisch und liturgisch aufwendig gestalteten Queeren Kreuzwegs. Unter dem Titel "Fluchtweg" wurde dieses ökumenische Projekt am 26. Februar in der Wiener Votivkirche mit über 250 Teilnehmenden und rund 30 Mitwirkenden uraufgeführt. Weitere Termine in Linz, Graz und Innsbruck stehen noch aus.
„Man spürt hier die transformative Kraft von Gemeinschaft – dieses einander Sehen und Gesehen-Werden, Halten und Getragen-Werden. Eine Kraft, die unabhängig vom religiösen Hintergrund wirkt und Räume verwandelt“, so beschreibt Anson Samuel, Leiter des Projekts, seine Eindrücke nach der Uraufführung in Wien.
Eine der Fluchterzählungen handelt von einer gefährlichen Reise über Serbien. Zu zehnt zusammengepfercht in einem Taxi, voller Angst, teilen sich die flüchtenden Menschen eine einzige Flasche Wasser. "Die ganze Situation ist so beängstigend, so fürchterlich, dass ich es nicht in Worte fassen kann: wie wir uns die Flasche aus den Händen reißen, nur um einen einzigen Schluck Wasser zu bekommen", berichtet der queere Mann, der vorher für den Kreuzweg interviewt wurde und dessen Geschichte eingespielt wird.
Alina Scharbl ist eine der Performer:innen, die – zusammen mit Choreograph Ariel Uziga – den Geschichten der Menschen auf der Flucht eine visuelle Form gegeben haben. Sie inszeniert mit ihrer Akrobatik die Geschichte einer lesbischen Frau, die auf der Flucht nach Österreich in Beirut ist und ihre beste Freundin anruft: "Ich habe alles verlassen. Ich habe dich verlassen, meine Mutter, mein Zuhause." Die wacklige Stimme in der Tonaufnahme erzählt davon, dass sie Angst hat, in Österreich Asyl zu beantragen. Sie weiß nicht, ob sie es schafft, zu sagen, dass sie queer ist. "Ich übe die Worte immer wieder in meinem Kopf und stelle mir vor, wie ich vor Fremden sitze. Fremden. Die Leute erklären mir alles, mein Leben. Es ist, als würde mein Leben wie ein Fall behandelt, verstehst du? Wie erklärt man ihnen Angst? Wie erklärt man Liebe, wenn sie als Verbrechen oder Schande gilt? (…) Ich habe Angst, dass sie mich für nicht normal halten. Aber gleichzeitig beschützen sie mich vielleicht."
Zu diesen beklemmenden und gleichzeitig hoffnungsvollen Worten bewegt Alina Scharbl sich durch die Luft – wie fliegend, denn nur ihre Luftakrobatikbänder halten sie. Die Faszination und Ergriffenheit unter den Teilnehmenden sind spürbar, denn die Vorführung ist atemberaubend.
Dabei ist es aber nicht einfach nur eine Show, die hier zu sehen ist. Die Akrobat:innen als Personen werden als Mittler:innen wahrgenommen: Nicht die Aufführung selbst steht im Vordergrund, sondern die realen Geschichten der geflüchteten Menschen.
In dem Projekt, das über mehrere Monate von einem großen Team aus Ehren- und Hauptamtlichen vorbereitet wurde, werden auch die Mitwirkenden selbst berührt. Die Künstlerin Alina Scharbl beschreibt den Prozess so: "Diesem Schmerz und dieser Hoffnung eine sichtbare Form zu geben ist eine sehr intensive und emotionale Arbeit, die mich jedoch wahnsinnig erfüllt, wenn ich damit auch andere Leute erreichen kann. Durch das Zusammenspiel der Texte, der Musik und der Performance konnten wir das ausdrücken, wo Worte allein oft nicht genügen."
Eine weitere Fluchterzählung ist ebenfalls sehr berührend: Ein trans Mensch, der auf seiner Flucht in Istanbul landet, ruft seine Mutter an. Die schlimmen Erlebnisse auf der Flucht und die Erfahrungen der Transition belasten ihn sehr. Er sehnt sich seine Mutter an seine Seite, die mit ihm Tee trinkt und zu ihrem Sohn sagt, dass alles okay ist, obwohl sie ihm bei seinem Coming-Out gestand: "Ich liebe dich, aber ich weiß nicht, wie ich diesen Teil von dir lieben soll."
Im Laufe des Abends werden von den Teilnehmenden Teebeutelbanderolen mit mutmachenden Worte beschriftet, die dann untereinander ausgetauscht werden. Am Ende gibt es heißen Tee aus der bunt beklebten Reisetasse zum Mitnehmen und Zeit zum Austausch. Die Menschen stehen noch lange mit ihrem Getränk in der kalten Kirche und unterhalten sich. Einer sagt: "Ich habe mehrmals Tränen in den Augen gehabt, ich war sehr berührt von den Geschichten, der Musik, dem Tanz. Danke für euren Mut, das zu organisieren – trotz der Widerstände, die ihr immer wieder erlebt." Und eine andere Teilnehmerin lobt das multimediale Gesamtkonzept: "Wenn man auf so vielen Ebenen angesprochen wird, kann man gar nicht anders als hinhören, hinsehen und mitfühlen."
Das Vorbereitungsteam möchte mit dem Queeren Kreuzweg die Erfahrungen von Schmerz, Leid und Verzweiflung, aber auch Hoffnung und Auferstehung – queerer Menschen sichtbar machen und zu Mitgefühl anregen. "Queere Menschen fliehen nicht aus Selbstverwirklichung, sondern aus Angst. Ihr Mut, ihre Verletzlichkeit und ihre Hoffnung begegnen uns unter dem Kreuz – dort, wo jede menschliche Erfahrung Platz hat", beschreibt Anson Samuel, der in der Katholischen Jugend Oberösterreich arbeitet, das Anliegen des Kreuzweges.
Am Ende jedes Queeren Kreuzweges wird das Leben selbst gefeiert – mit fulminanter Musik, mitreißendem Gesang und gegenseitiger Wertschätzung in Form von Dank und Solidarität, die ausgesprochen werden.
Der queere Kreuzweg, der erstmals 2024 gefeiert wurde, richtet sich an alle Generationen, an Menschen aus kirchlichen Gemeinden ebenso wie an Suchende und Interessierte. Der besondere künstlerische Zugang ermöglicht es, Sprach‑ und Kulturbarrieren zu überwinden. Der Queere Kreuzweg ist ein Konzept, das auch an anderen Orten mit wechselnder Besetzung umgesetzt werden kann.
Der Kreuzweg wurde von Ehrenamtlichen initiiert und wird in Zusammenarbeit mit Hauptamtlichen aus mehreren evangelischen wie römisch-katholischen Diözesen gestaltet. Das Vorbereitungsteam, zu dem auch ich gehöre, verbindet eine große Hoffnung: "Dieser Kreuzweg ist ein Impuls zu mehr Mitgefühl, Achtsamkeit und Miteinander. Und den brauchen wir – jetzt."
Weitere Termine:
- 12. März 2026, 19:00 Uhr, Grüner Anker (kathol. Jugendkirche Linz)
- 18. März 2026, 19:00 Uhr, Evang. Christuskirche Graz


