Luisa (Celina Scharff), Anfang 20, ist eine Heldin, wie sie bisher kaum im Kino zu sehen war. Die Frau mit dem wachen Blick und dem einnehmenden Lächeln lebt in einer betreuten Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Gemeinsam mit ihren Mitbewohnern und Mitbewohnerinnen fährt sie täglich mit dem Bus zu einer Wäscherei, wo sie in einer Halle zwischen Förderbändern Kleidungsstücke sortiert. Mit dabei ist auch der von Dennis Seidel gespielte Anton, ihr Freund, zu dem sie eine humorvolle und zärtliche Beziehung pflegt. Wie sie hat er eine Lernbeeinträchtigung und ist auf Unterstützung angewiesen.
Der Film zeigt den Alltag zwischen Freundschaften, Arbeit, Elternbesuchen, mit empathischen, teils überforderten Betreuern und Betreuerinnen. Bis herauskommt, dass Luisa schwanger ist. Da Anton nicht zeugungsfähig ist, wird sexueller Missbrauch vermutet. Durch wen? Die Ermittlungen werden zur Belastungsprobe für Luisa, Anton und die gesamte Einrichtung.
Es ist ein herausforderndes Thema, dem sich die 1978 geborene Regisseurin Julia Roesler in ihrem ersten Langfilm "Luisa" widmet. Am 23. April kommt er in die Kinos. Sie sei durch eine Bekannte auf die Thematik gestoßen, erzählt Roesler im Videointerview mit dem epd. Diese habe ihr von einem Missbrauchsfall in einer betreuten Wohneinrichtung berichtet. "Ich war sprachlos, weil ich nicht wusste, dass es in solchen Institutionen in diesem Maß zu derlei Übergriffen kommt."
Jede zweite Frau in Behinderteneinrichtung erlebt körperliche Gewalt
Ihre Recherche hat Zahlen zutage gefördert, die sie schockierten: Laut der Studie "Gewalt und Gewaltschutz in Einrichtungen der Behindertenhilfe" (2024), die das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gab, hat jede zweite Frau seit dem 16. Lebensjahr in einer solchen Einrichtung körperliche Gewalt erlitten, zwei von dreien erfuhren psychische Gewalt. 22 Prozent der Frauen, die in einer stationären Einrichtung lebten, berichteten von sexualisierter Gewalt im Alter über 16 Jahre, 41 Prozent von sexueller Belästigung. Im Vergleich zu Männern erlebten Frauen mit Behinderung anteilsmäßig doppelt so häufig sexualisierte Gewalt und auch deutlich häufiger sexuelle Belästigungen im Erwachsenenleben.
Darsteller mit und ohne Behinderung
Die Regisseurin hat für "Luisa" inklusiv gearbeitet. Das Drama ist paritätisch besetzt: Es spielen zehn Schauspieler und Schauspielerinnen mit und zehn ohne Behinderung. "Meine Damen und Herren" heißt das Ensemble von Schauspiel-Profis mit Behinderung aus Hamburg, mit dem Roesler zusammengearbeitet hat und zu dem auch Hauptdarstellerin Celina Scharff gehört. Für sie ist es die erste große Filmrolle. "Das sind einfach großartige Schauspielerinnen und Schauspieler, die extrem gut darin sind, Situationen natürlich zu spielen", sagt die Regisseurin.
Roesler und Silke Merzhäuser, ihre Kollegin von der Theater- und Filmproduktion werkgruppe2, haben in verschiedenen betreuten Wohneinrichtungen hospitiert. Schon hier hätten sie Grenzverletzungen beobachtet, erzählt Roesler: "Es ist zum Beispiel nicht gegeben, dass Frauen von Frauen und Männer von Männern gepflegt werden." Genau das könnte ihr zufolge aber, und das bestätigt auch die Studie, für Präventionsmaßnahmen gegen Übergriffe relevant sein.
Selbstbestimmung sei ebenfalls ein großes Thema, sagt die Regisseurin: "Wenn du nie sagen kannst, was du essen möchtest, sondern immer nur vorgesetzt bekommst. Oder wenn du regelmäßig von verschiedenen Menschen im Intimbereich gewaschen wirst: Wie sollst du Autonomie und auch Grenzen lernen?"
Für Julia Roesler manifestieren sich darin strukturelle Probleme: Personal sei knapp, oft würden darum weniger zeitintensive Betreuungs- und Pflegestrategien gewählt. Sie hat außerdem beobachtet, dass in Einrichtungen sehr engagierte, aber teils unzureichend ausgebildete Menschen arbeiteten.
All diese Themen finden sich in "Luisa" wieder. Zur Vorbereitung habe sie zunächst monatelang mit einzelnen Menschen geprobt. Gedreht wurde schließlich in einer kurz zuvor geschlossenen Einrichtung. "Wir haben uns die Räume zwei Wochen vor Drehbeginn mit dem Ensemble erobert." Zum Teil habe das Team noch Gegenstände und Bilder von ehemaligen Bewohnern und Bewohnerinnen gefunden. Um die Arbeitsbedingungen kümmerten sich auch pädagogische Fachkräfte, sogenannte "Creative Enabler".
Eine besondere Aufgabe kam Celina Scharff zu, geboren 1996, die in dem Film in beinahe jeder Szene zu sehen ist. Der Drehplan wurde so arrangiert, dass sie möglichst lange, aber nie mehr als acht Stunden am Set war. Einzig in der heftigen Szene, in der der Busfahrer, der die Bewohner und Bewohnerinnen der Einrichtung täglich zur Arbeit fährt, Luisa in die Fahrerkabine bittet und neben ihr masturbiert, wurde Scharff zeitweise gedoubelt.
"Luisa" ist im vergangenen Herbst bei den Internationalen Hofer Filmtagen mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino ausgezeichnet worden. Inspiriert ist der Titel von dem Projekt "Luisa ist hier!" des Frauen-Notrufs Münster, einem Hilfsangebot für Frauen und Mädchen bei sexualisierter Belästigung.



