Der Sportbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thorsten Latzel, blickt mit gemischten Gefühlen auf den Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft am Donnerstag. Bei dem Turnier in Mexiko, Kanada und den USA gehe es um Fairness, Respekt und Solidarität. Doch er befürchte, dass "die kommerzielle Ausnutzung und die politische Inszenierung die Schönheit des Sports korrumpieren", sagt er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) und fordert, sich dafür einzusetzen, "dass Fußball wieder Fußball sein kann".
epd: Welche Bedeutung kann die WM in der aktuell angespannten politischen Lage für die Gesellschaft in Deutschland haben?
Thorsten Latzel: Eine Fußball-WM kann eine wunderschöne Gemeinschaftserfahrung im Sommer sein. Man darf sie aber auch nicht überhöhen. Wir beobachten weltweit wie bei uns in Deutschland viele politische und soziale Spannungen. Kriege, Umbrüche in der Wirtschaft, Umweltprobleme, Demokratien unter Druck. Eine WM löst das nicht einfach.
Aber wir können vom Fußball viel mitnehmen. Beim Spiel fiebern, hoffen, feiern und trauern Millionen gemeinsam. Es geht um Fairness, Respekt, Verantwortung oder Solidarität über Grenzen hinweg. Das sind wichtige ethische Impulse, die Sport und Glaube gemeinsam in einer polarisierten Gesellschaft vermitteln. Egal, wer du bist, woher du stammst, welche Sprache du sprichst, wir kicken zusammen. Das entspricht dem christlichen Gedanken einer versöhnten Gemeinschaft.
Was mögen Sie als EKD-Sportbeauftragter an solchen Großereignissen und was sehen Sie kritisch?
Latzel: Ich liebe ein faires, respektvolles Miteinander, den sportlichen Wettkampf, die Leichtigkeit des Spiels - etwa wenn man nach einem Public Viewing mit den Fans aus anderen Ländern zusammen feiert. Ich befürchte jedoch, dass bei diesen Spielen die kommerzielle Ausnutzung und die politische Inszenierung die Schönheit des Sports korrumpieren. Wir erleben, wie die Fußball-WM von der FIFA in unsäglicher Weise kommerzialisiert wird und die Trump-Regierung mit ihrer anti-demokratischen Politik diese Werte gerade verletzt.
"Das Vorgehen der US-Ausländerbehörde ICE gegen Migrantinnen und Migranten ist menschenverachtend..."
Können Sie das erläutern?
Latzel: Das Vorgehen der US-Ausländerbehörde ICE gegen Migrantinnen und Migranten ist menschenverachtend, die Verleihung eines konstruierten FIFA-Friedenspreises an Trump war eine peinliche Farce. Die US-Regierung zerstört gezielt demokratische Rechte und sät Hass und Spaltung statt Versöhnung. Die Ticket-Preise grenzen viele Fans aus und die Ausweitung des Turniers auf drei Länder und mehr Mannschaften ist ökologisch problematisch und belastet die Spieler. Wir sollten uns dafür einsetzen, dass Fußball wieder Fußball sein kann und nicht politisch oder ökonomisch missbraucht wird.
Was tippen Sie, wer wird Weltmeister und warum?
Latzel: Ich hoffe natürlich auf Deutschland, keine Frage, auch wenn wir in diesem Jahr nicht zum Favoritenkreis gehören. Wir haben tolle Spieler, einen ambitionierten Trainer und zuletzt einen guten Lauf als Team. Spanien, Frankreich, England werden hoch gehandelt, auch Brasilien oder Argentinien gelten als Titelkandidaten. Ich bin bei solchen Prognosen aber immer zurückhaltend. Ein Turnier läuft nach eigenen Regeln.
Und die Zukunft liegt immer in Gottes Hand - und das ist auch gut so. Auf meinen Social-Media-Kanälen werde ich gemeinsam mit dem Sportbeauftragten der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stefan Oster, eine Tipp-Wette laufen haben. Mal schauen, wer am Ende gewinnt. Der Gewinn ist auf jeden Fall für eine gute Sache.



