Ich selber konnte dieses Aufbrechen des neuen Lebens schon am letzten Wochenende erleben: Ein Workshop in der hessischen Schweiz - die Vögel singen um die Wette, Winterlinge, Schneeglöckchen und Krokusse überall, wo die Sonnenstrahlen wieder hinkommen. Dazu passend unser Thema: Wie können wir so leben, dass auch die Generationen nach uns gut leben können?
Für etliche der Teilnehmenden ein ganz unmittelbares Thema: „Ich habe fünf Kinder und bald zwölf Enkel - wie sollte mir diese Frage egal sein?“, sagt eine Teilnehmerin in der Vorstellungsrunde. Ich habe keine Kinder, ein anderer Teilnehmer auch nicht. „Wie geht es euch damit?“, fragt der Kursleiter uns beide. Ich möchte diese Frage hier an alle weitergeben, denen es ähnlich geht: Wie geht es euch mit der Tatsache, keine eigenen Kinder zu haben? Wie geht es euch damit, wenn andere ihr Engagement für die Zukunft mit dieser unmittelbaren Sorge für die eigenen, nächsten Generationen begründen?
Im Workshop begegnen wir auch bei dieser Frage wieder indigenen Traditionen: „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort. Dafür, dass die nächste Generation gut leben kann, sind nicht nur die Eltern verantwortlich. Es braucht das Engagement der gesamten Gemeinschaft. Und umgekehrt bedeutet das, dass die gesamte Gemeinschaft den Kindern etwas zu geben hat. Das korrespondiert gut mit meinen eigenen Erfahrungen: In der Konfi-Arbeit, im Religionsunterricht oder als Privatdozent an der Hochschule habe ich so viele Möglichkeiten, mit der nächsten Generation oder den nächsten Generationen zu arbeiten und meine Erfahrungen weiterzugeben, dass ich es nie als Mangel erlebt habe, keine eigenen Kinder zu haben. Und dass mir das Wohlergehen der nächsten Generationen trotzdem nie egal war. Wir können auf so viele und so unterschiedliche Weisen dazu beitragen, dass die nächsten Generationen in eine gute Zukunft gehen! Davon, dass dies für beide Seiten wichtig ist, zeugt ein anderes afrikanisches Sprichwort: „Das Kind, das das Dorf nicht umarmt, wird es niederbrennen, um seine Wärme zu spüren.“
Generationen sind durch die Zeiten hindurch miteinander verbunden, das wissen auch die Menschen der Bibel. Als Mose am Sinai vor Gott tritt, spricht er diesen mit folgenden Worten an: „HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber unge-straft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.“ (2. Mose 34,6f) Was Mose hier von Gott sagt, können wir natürlich auch als tiefe Einsicht in das Miteinander der Generationen lesen. Wer sich einmal mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt, merkt schnell, wie prägend diese Zusammenhänge sein können. Meine Eltern zum Beispiel sind im Jahr 1938 geboren, meine Mutter musste mit sechs Jahren aus Breslau fliehen, mein Vater sehr früh Verantwortung für den Alltag seines im Krieg erblindeten Vaters übernehmen. Für eigene Gefühle blieb in den Nachkriegsjahren nicht viel Raum - sie zu entdecken und zu artikulieren, habe auch ich dann erst mühsam lernen müssen.
Auch kulturelle Haltungen oder (positive wie negative) Beziehungen zwischen Familienverbänden oder Dörfern bestehen oft über viele Generationen hinweg. Wir sind es dabei meis-tens gewohnt, rückwärts, in die Vergangenheit, zu denken: „A-Dorf hat keine guten Beziehun-gen zu B-Dorf, weil im 30-jährigen Krieg…“ Es lohnt sich, diese Zusammenhänge auch einmal nach vorne, in die Zukunft, zu denken: Was wollen wir, was will ich den nächsten Generationen als Erbe mitgeben? Was können wir, was kann ich heute dazu beitragen, dass zukünftige Generationen gut leben können?
In den erwähnten Workshop haben wir ein spannendes Gedankenexperiment unternommen, das sich aus dem 7-Generationen-Prinzip der Irokesen inspiriert: Die Menschheit hat es geschafft, die aktuellen Krisen so zu bewältigen, dass die siebte Generation nach uns gut und in Einklang mit den Belastungsgrenzen der Erde leben kann. In den Geschichtsbüchern des Jahres 2200 ist zu lesen, dass es zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Phase gab, in der weltweite Krisen zunahmen und die Menschheit Gefahr lief, sich ihrer eigenen Lebensgrundlagen zu berauben. Für die Menschen der siebten Generation ist das alles kaum vorstellbar, in einer Zeitreise begegnen sie uns und fragen, wie diese ferne Vergangenheit war: „Ich habe gelesen, dass die Menscheit Anfang des 21. Jahrhunderts fast ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört hätte, wie konnte es so weit kommen?“
„Du hast in dieser Zeit gelebt und diese Krisen erlebt - wie ging es dir in dieser Zeit, was waren deine Ängste und Sorgen?“
„Wie habt ihr es geschafft, diese Krisen zu überwinden?“ „Was war dein eigener Beitrag dazu?“ Wir haben diese Fragen im Workshop als Partnerübung gemacht, aber du, Leser*in dieses Blogs, kannst sie gerne einmal als Gedankenexperiment durchspielen. Wenn du ein Gegenüber findest, das dir die Fragen stellt, dann hört es gebannt zu (so wie wir das aus manchen Zeitzeugengesprächen kennen) und ist am Ende eingeladen, dir eine Würdigung für deine Antworten und dein Engagement zu geben.
Mich hat dieses fiktive Gespräch zwischen den Generationen sehr bewegt: Allein die Tatsache, dass mir da (fiktiv) jemand gegenüber saß, der/die in zweihundert Jahren ein gutes Leben führen kann, wirkte wie eine Bekräftigung darin, für eine gute und lebenswerte Zukunft zu arbeiten. Und von dieser fiktiven Person eine wertschätzende Würdigung zu erfahren, hat mich tief emotional berührt. Ja, gemeinsam können wir Sorge tragen für eine gute Zukunft auch der nächsten Generationen. Winterlinge, Schneeglöckchen und Co. erinnern uns daran, dass auf den Winter ein neuer Frühling folgt!


