Gestern war Primel-Tag in Großbritannien. Und natürlich könnte man nun sagen: was soll ich mit so einem banalen Primeltag anfangen? - Aber das sagt man nur, wenn man die Geschichte, die hinter dem Primerose Day, wie er in Great Britain heisst, liegt, nicht kennt. Der 19.4. ist nämlich der Todestag von Benjamin Disraeli- und seinetwegen gibt es den Primeltag überhaupt nur. Und Benjamin Disraeli kann tatsächlich sehr inspierierend sein.
Benjamin Disraeli wurde 1804 in London geboren, und sein Aufstieg in die britische Politik war alles andere als selbstverständlich. Sein Großvater, ein sephardischer Jude, war 1748 aus Italien nach England eingewandert und arbeitete dort als einfacher Händler. Doch Benjamin Disraelis Vater ließ seine Kinder nach dem Tod des jüdischen Familienoberhaupts christlich taufen und legte so den Grundstein für die politische Laufbahn seines Sohnes. Denn ein Sitz im Unterhaus war für Juden nicht vorgesehen, sondern ausschließlich Mitgliedern der Church of England vorbehalten. Disraeli selbst hatte weder eine der klassischen Eliteschulen noch eine Universität besucht und verfügte daher im Grunde über keinerlei klassische Qualifikationen für eine politische Laufbahn. Auch finanzielle Mittel standen ihm kaum zur Verfügung. Er kam wirklich aus der denkbar schlechtesten Position. Dennoch machte er eine politische und(!) eine literarische Karriere. Dreißig Jahre saß Benjamin Disraeli im Parlament oder war als Schatzkanzler Regierungsmitglied, bevor er schließlich zweimal Premierminister wurde. In seiner zweiten Amtszeit als Premier setzte er wichtige soziale Gesetze durch: bessere Schulausbildung für die Kinder, bessere hygienische Verhältnisse und Schutzvorschriften für Arbeiter. Er erlaubte Streiks und Arbeiter konnten ihre Chefs bei Vertragsbruchs vor Gericht bringen. Diese sozialen Themen waren auch Gegenstand seiner späten Romane. Kurz: er hat richtig viel bewirkt.
Regelmäßig wurde er im Parlament judenfeindlich angegangen. Darauf entgegnete er:
"Ja, ich bin Jude. Als die Vorfahren der sehr ehrenwerten Gentlemen hier noch rohe Wilde auf einer unentdeckten Insel waren, dienten meine als Priester im Tempel Salomos."
Seine Schlagfertigkeit und sein Charme machten ihn legendär.
Und deshalb sind bis heute viele seiner Zitate so inspirierend. Zum Beispiel:
"Die Natur hat uns zwei Ohren, aber nur einen Mund gegeben."
"Es steht schlimm um einen Menschen, an dem man nicht einen einzigen sympathischen Fehler entdecken kann."
"Entschuldige dich niemals dafür, Gefühle zu zeigen, mein Freund. Denk daran, dass wenn du es tust, du dich für die Wahrheit entschuldigst."
Benjamin Disraeli hat lange und beharrlich für seinen Erfolg gekämpft. Und dass er dabei nicht verbissen und bitter wurde, verdankt er auch seinem Blick für das Schöne. Für das Kleine. Für die Primel eben.
Es ist sicher kein Zufall, dass die Primel seine Lieblingsblume wurde. Verglichen mit den stolzen Rosen oder den großen Tulpen mag die Primel klein und unscheinbar wirken. Aber bei genauer Betrachtung ist sie mit ihren über 500 Arten und der großen Farbvielfalt eine ganz und gar wunderbare und unverzichtbare Blume in Gottes Garten.
Und so kam es, dass sein Grab bereits bei der Beerdigung mit Primeln überhäuft wurde. Selbst Queen Victoria ließ zu diesem Anlass einen aus Primeln geknüpften Gedenkkranz anfertigen. Zu seinem erstem Todestag im Jahr 1882 trugen dann viele seiner politischen und literarischen Anhänger eine Primel zum Zeichen der Zuneigung und Trauer. Und so entstand der Primeltag. Und dieses Jahr ist sein 145. Todestag- also ein echtes Primel-Jubiläum gewissermaßen. Grund genug an ihn zu erinnern. Denn ein Benjamin Disraeli ist inspirierend.
Sagt auch die Primel.
Wenn man ihr mit beiden Ohren zuhört.



