Du schenkst mir voll ein!

Abendmahl
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Panne beim Abendmahl
Du schenkst mir voll ein!
Bei einer Erstkommunionfeier gönnte sich ein Mädchen einen ziemlich großen Schluck Wein ...

Früher, da war die Welt noch in Ordnung! Also, zumindest bei uns in Mittelfranken. Da ging man als Evangelischer (Frauen wurden damals sprachlich noch nicht berücksichtigt) zweimal im Jahr zum Abendmahl. Karfreitag und Buß- und Bettag. Mit vorheriger Anmeldung in der Sakristei und genauester Registrierung der im Zuge der Anmeldung abgegebenen Spende. Und mit (allgemeiner) Beichte im Gottesdienst, damit man auch wirklich würdig ist, das Heilige Abendmahl zu empfangen. Kinder hatten da nichts verloren. Das Ganze war eine ernste Angelegenheit. Sehr, sehr ernst.

Womöglich war auch das ein Grund, warum vielerorts die Konfirmation am Palmsonntag gefeiert wurde: Es war die Zulassung zum Abendmahl, das dann am darauffolgenden Karfreitag gefeiert wurde. Gab sonst ja nicht viele Möglichkeiten.

Gut, örtliche Traditionen mögen schon immer anders gewesen sein, aber so wurde es mir damals als Jugendlicher in meiner Heimatgemeinde aus der grauen und schrecklichen Vorzeit mit einem gewissen Schaudern erzählt. Und ich bin wirklich froh, dass es heute anders ist!

Abendmahl – das ist etwas Festliches. Etwas Befreiendes. Ein Festmahl. Ein Mahl der Gemeinschaft. Mit einem großen Ernst, ja natürlich, denn wir erinnern uns auch an den Tod Jesu am Kreuz. Aber trotzdem nichts, was wir ausgerechnet nur an den „traurigsten“ Tagen im Kirchenjahr feiern.

Und außerdem: Kinder gehören für uns mittlerweile selbstverständlich dazu. Eine recht neue Entwicklung, noch vor 20, 25 Jahren sah das ganz anders aus. Ich erinnere mich an ein Vorstellungsgespräch eines Pfarrerskollegen, bei dem jemand aus dem Kirchenvorstand fragte: „Wie halten Sie’s mit dem Abendmahl für Kinder?“ Der Ärmste wusste nicht, in welcher Richtung nun das Fettnäpfchen lag. Tatsächlich war die Gemeinde, in die es mich als jungen Pfarrer verschlagen hatte, eine absolute Vorreiterin in dieser Frage und der Kirchenvorstand wollte auf keinen Fall jemanden bekommen, der das alles wieder zurückdreht.

Trotzdem bleibt es natürlich auch eine Aufgabe, Kinder aufs Abendmahl vorzubereiten. Ihnen zu zeigen, wie das geht, was das bedeutet. Für mich war damals einer der schönsten Gottesdienste im Jahr, der Familiengottesdienst am Ostermontag mit Abendmahl, in dem wir den Kindern davon erzählten, was das Abendmahl bedeutet, und es mit ihnen feierten. Fröhlich, würdevoll und kindgerecht, ja, das geht.

Doch Kinder sind immer für Überraschungen gut. So bei einem katholischen Kollegen in Brandon, South Dakota, der im Jahr 2022 bei einer Erstkommunionfeier erleben musste, wie ein siebenjähriges Mädchen namens Brynley ihm den Kelch aus der Hand nahm – und einfach komplett austrank.

Ob in diesem Kelch nun Wein, verdünnter Wein oder Traubensaft war, konnten wir nicht klären. Wein wäre natürlich in dieser Menge für ein Kind nicht wirklich gesund. Doch eigentlich hat Brynley doch recht: Gott will uns reichlich geben, nicht nur einen kleinen symbolischen Schluck. „Du schenkst mir voll ein“, heißt es im Psalm 23. Ein Spruch, der übrigens auch auf den Tassen steht, die meine erste Gemeinde bis heute beim Gemeindefest und anderen Veranstaltungen nutzt, und die so ein junger Pfarrer damals angeregt hatte ...

Du schenkst mir voll ein. Und auch ich als Kind – ebenso wie als Erwachsener – habe alles Recht der Welt, so viel von Jesus anzunehmen, wie ich möchte. Jesus hat ja auch gesagt: „Nehmt hin und trinkt!“ und nicht „Nehmt hin und nehmt ein winziges symbolisches Schlückchen zu euch, das muss reichen!“

Die filmende Mutter kommentierte die Aktion mit einem gewissen Stolz: „Brynley receiving her 1st communion…and chugging the wine like her mama. Proud mom moment #onlymykids“ – mit diesen Worten postete sie das Video auf Facebook, das natürlich viral ging und nun mit Jahren Verspätung auch meine Timeline erreichte.

Dennoch: Die wachsende Ratlosigkeit und Verzweiflung des katholischen Kollegen in diesem kleinen Video ist schon ein wenig bemitleidenswert. Vielleicht werden die Kinder inzwischen etwas genauer auf ihr großes Fest und auf diesen Moment vorbereitet. Und hoffentlich gibt’s Traubensaft.

So oder so: Gottes Liebe gilt uns allen. Ob wir nun den ganzen Kelch leer trinken oder aus hygienischen Gründen ganz darauf verzichten. Ob wir keine Ahnung haben, was da passiert, oder eine sehr genaue Vorstellung davon, wie das Abendmahl theologisch zu verstehen ist. Und: Gott liebt uns, auch wenn wir mal etwas nicht so ganz „nach Vorschrift“ machen. Gerade dann.

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