Auf Wiedersehen

Matthias Albrecht

Auf Wiedersehen
… so lautet der Titel der letzten Episode mit der die deutsche TV-Serie Lindenstraße nach über 34 Jahren in zweieinhalb Wochen zu Ende geht. Für die Sichtbarkeit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt bedeutet diese Absetzung einen deutlichen Verlust. Die Lücke offenbart, wie heteronormativ die deutsche Serienlandschaft auch im Jahr 2020 noch ist.

Ich erinnere mich noch gut an diesen Moment im Herbst 2018. Ich stand gerade im Supermarkt, warf einen kurzen Blick auf mein Handydisplay und las dort diese Meldung: Die Lindenstraße wird eingestellt. Darauf hielt ich kurz inne. Eine wirkliche Überraschung war die Nachricht im Grunde nicht. Ich wusste, dass die Einschaltquoten der Serie schon seit Langem stark rückläufig waren. Trotzdem, berührt und bewegt hat mich diese Tatsache schon und sie tut es auch heute noch, wo es mit großen Schritten auf das Ende der Lindenstraße zugeht.

Ich würde mich nicht als Fan der Lindenstraße bezeichnen. Schon gar nicht, was die letzten Jahre betrifft, in denen ich immer seltener, zuletzt fast gar nicht mehr eingeschaltet habe. Zu holzschnittartig sind mir die Dialoge geworden, die Handlungen in weiten Teilen zu absehbar und vor allem habe ich immer mehr die Introspektion dessen, was die Charaktere in ihrem Kern ausmacht und antreibt, in den Geschichten vermisst. Unbesehen dessen habe ich eine Beziehung zu dieser Serie. Ihr Ende ist mir nicht egal. Das liegt zu allererst daran, dass ich kein Fernsehen ohne die Lindenstraße kenne. Schon als kleiner Junge schaute ich Woche für Woche gemeinsam mit meinen Eltern zu. Sonntagabends um 18:40 Uhr (später um 18:50 Uhr) etwas anderes zu tun als die Lindenstraße zu gucken, war für mich schon als Kind kaum denkbar. Und das blieb auch in den nächsten 30 Jahren der Fall. So begleiten mich die Charaktere und Handlungsorte dieser Serie schon mein ganzes Leben. Wenn in zweieinhalb Wochen die letzte Episode ausgestrahlt wird, dann geht nicht nur irgendeine Serie zu Ende, nein, dann hört eine Institution auf zu existieren, eine Institution, die mich und sicher auch viele andere sehr geprägt hat.

1987 wird in der Lindenstraße der erste Kuss zwischen zwei sich liebenden Männern gezeigt. Einen solchen Kuss hat zwar die sechs Folgen umfassende deutsche TV-Mini-Serie Kein schöner Land bereits 1985 auf die Bildschirme gebracht, doch ist die Lindenstraße das erste deutsche serielle Format von dieser enormen Reichweite und Relevanz, welches das Thema Homosexualität aufgegriffen hat. Diesen wichtigen emanzipatorischen Meilenstein gesetzt zu haben, dürfen sich die Macher_innen der Lindenstraße zu Recht auf ihre Fahnen schreiben. Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Darstellung homosexueller Sexualität, Liebe und Partner_innenschaft kann mit Fug und Recht als historisch eingeordnet werden. Dabei bleibt ein Aspekt jedoch oft unbeachtet. Das Gezeigte hatte nicht nur eine Wirkung auf die Gesellschaft als solche, sondern auch auf deren Individuen. Ich war damals fünf, als ich sah, wie Carsten Flöter (Georg Uecker) seinen Freund Gerd (Günter Barton) küsste. Und ich kann retrospektiv sagen, dass diese Liebesgeschichte für meine Entwicklung wichtig war. Ich erfuhr, dass es romantische Liebe zwischen Männern gibt, eine Möglichkeit, über die ich vorher noch nicht bewusst nachgedacht hatte. Das Wichtigste und für mich Prägendste an der Geschichte um Carsten und dessen ersten Freund war, dass ich ihre Liebe als etwas Positives, Natürliches und Gutes erleben durfte. Ohne einen monokausalen Zusammenhang behaupten zu wollen, liegt es für mich auf der Hand, dass ich auch der Lindenstraße zu verdanken habe, nie wirklich der heimtückischen heteronormativen Illusion auf den Leim gegangen zu sein, dass heterosexuelle Empfindungen und Beziehungen in irgendeiner Weise wertvoller als homosexuelle sind.

Die Rolle des Dr. Carsten Flöter war für mich all die Jahre eine wichtige Identifikationsfigur. Ich durfte erleben, wie er sein Coming-Out hatte und Beziehungen führte, als dies noch ein großes gesellschaftliches Tabu war, seine erste Eheschließung fand statt, lange bevor so etwas in Staat und Kirche möglich gewesen ist und seinen Sohn Felix adoptierte der Arzt in Zeiten, zu denen das noch schwieriger als heute war. Auch zu sehen, wie Carsten mit Diskriminierung umgeht und welche Solidarität er dabei von anderen erfährt, war ein prägender Eindruck. Diese Figur ist für mich über viele Jahre nicht nur Vorbild, sondern immer auch eine Hoffnung auf ein emanzipiertes und gleichberechtigtes Leben gewesen.

Heute ist vieles von dem, was Carsten erlebt und erkämpft hat, zur gesellschaftlichen Normalität geworden. Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Diskriminierung und Gewalt gegen Menschen, die der heteronormativen Zwangsschablone nicht entsprechen, auch gegenwärtig noch an der Tagesordnung sind. Deshalb braucht es weiterhin Geschichten, die von Personen erzählen, die von der Mehrheit der Gesellschaft als "anders" kategorisiert werden und darum um ihre Rechte, ihre Existenz sowie ihre Repräsentation kämpfen müssen. Wie notwendig Letztgenanntes ist, offenbart sich bei einer näheren Betrachtung der deutschen Serienlandschaft. Die Lindenstraße zeigt bis zum Schluss viele Rollen, die gleichgeschlechtlich lieben, neben Dr. Carsten Flöter sind aktuell Peter Lottmann (genannt "Lotti", gespielt von Gunnar Solka), Paul Dagdelen (Ole Dahl) und dessen Partner Mika Arlen (Lasse Möbus) sowie Tanja Schildknecht (Sybille Waury) und deren Ehefrau Sunny Zöllig (Martin Walde) zu sehen. Leider ist die Lindenstraße damit die absolute Ausnahme. In den meisten deutschen Serien sind entweder gar keine Charaktere, die homosexuell begehren, vorhanden oder aber sie werden streng limitiert. Anders ausgedrückt: Wenn der Homosexualität die Repräsentation nicht von Anfang an völlig verweigert wird, dann wird zumindest penibel darauf geachtet, dass sie tatsächlich die Ausnahme bleibt. Die nummerische Grenze für Rollen, die gleichgeschlechtlich lieben, liegt fast durchgängig bei zwei. Ein Single oder aber ein lesbisches bzw. ein schwules Paar, das gestehen die Autor_innen gerade noch als akzeptable Abweichung vom heteronormativen Ideal zu, doch mehr sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist schlichtweg nicht gewollt. Transgeschlechtliche Hauptfiguren werden erst gar nicht erwogen. An diesem Missstand hat sich auch nach über 34 Jahren Lindenstraße und unzähligen Jahrzehnten queerer und anderer emanzipatorischer Bewegungen in Deutschland noch nichts geändert.

Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass die Lindenstraße oft nicht mehr das Niveau seriellen Erzählens erreicht, das heute, wo sich das Genre der Serie extrem weiterentwickelt hat, vom Publikum erwartet und breit akzeptiert wird. Ein Beleg dafür ist die Figur der Sunny Zöllig. Es war eine absolut bemerkenswerte Entscheidung der Autor_innen, eine transgeschlechtliche Figur in die Serie zu inkludieren. Leider wurde die Umsetzung dieser Idee von Beginn an sehr ungeschickt angegangen. Der größte Fehler war dabei, die Rolle nicht mit einer transgeschlechtlichen Schauspielerin zu besetzen und stattdessen den Cis-Mann Martin Walde für diese Aufgabe auszuwählen. Walde ist sicherlich ein guter Schauspieler, doch er vermochte es nie, die Sunny überzeugend darzustellen. Von seinem gesamten Habitus her war ihm die Rolle, auch mit viel Wohlwollen, nur schwerlich abzunehmen. Dazu kamen viele allzu plakative Geschichten sowie unmotivierte Dialoge, die sich auf der bloßen Erklärebene bewegten und bei denen immer wieder der Eindruck entstand, die Autor_innen verwechseln hier den Subtext dessen was gesagt werden soll mit dem eigentlichen Text, der dann tatsächlich gesprochen wird. Auch wünschte ich oft, der Innenschau der Sunny wäre mehr, der vordergründigen funktionellen Fortschreibung der Handlung dafür weniger Raum gegeben worden.

Ich will es bei diesen wenigen kritischen Betrachtungen belassen, auch wenn es mir mit vielen anderen Geschichten, wie etwa dem Coming-Out des Paul Dagdelen ähnlich ging. Angesichts solcher erheblicher erzählerischer Schwächen, kann die Absetzung der Lindenstraße als nicht völlig ungerechtfertigt beurteilt werden. Doch wer die Entscheidung der Einstellung trifft – namentlich die ARD- Intendant_innen – muss auch die Frage beantworten, was stattdessen kommen soll. In welchen seriellen Formaten will sich die ARD künftig der Repräsentation geschlechtlicher und sexueller Vielfalt stärker widmen als bisher? Dies bleibt abzuwarten und ist mit Blick auf das gegenwärtige Programm mehr als skeptisch zu bewerten. Mit der Lindenstraße beendet die ARD ihre einzige Serie, in der Charaktere, die gleichgeschlechtlich lieben fester Bestandteil sind. In anderen seriellen Formaten, wie etwa dem Sturm der Liebe sind solche Charaktere eher eine Art austauschbare Saisonware, die immer nur dann gezeigt wird, wenn sie gerade gut in das Drehbuch passt. Vor diesem Hintergrund ist den Produzent_innen und dem Autor_innenteam der Lindenstraße hinsichtlich der Sichtbarkeit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt für ihre Beharrlichkeit in den letzten 34 Jahren aufrichtig zu danken. Mit dieser Serie verlieren die queeren und andere emanzipatorische Bewegungen einen verlässlichen Verbündeten in der Medienwelt.

Marie-Luise Marjan, die seit der ersten Episode die zentrale Figur der Helga Beimer spielt, sagte vor Kurzem: "Die Serie lebt weiter. Sie lebt weiter in den Museen". Ich glaube, die Lindenstraße wird noch deutlich darüber hinaus weiterleben. Sybille Waury, die ebenfalls seit Beginn als Schauspielerin der Tanja Schildknecht dabei ist, hat die Lindenstraße sinngemäß als eine zutiefst humanistische Serie bezeichnet. Eine Einschätzung, die ich uneingeschränkt teile. Über drei Jahrzehnte hat ein wunderbares Ensemble mit viel Engagement und großem künstlerischem Eifer Geschichten erzählt, die stets nach der Menschlichkeit gefragt und auch für sie Partei ergriffen haben. Ich bin überzeugt, dass diese Geschichten noch lange nachwirken werden in vielen, vielen Menschen, die von ihnen geprägt wurden.

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