Gott aber sieht das Herz an

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Foto: Matthias Albrecht

Gott aber sieht das Herz an
Sollen transgeschlechtliche Menschen Toiletten oder auch Umkleideräume benutzen dürfen, die ihrem Geschlecht entsprechen? In den USA wird um diese Frage gerade eine heftige Debatte geführt. Dabei präsentieren sich besonders fundamentalistische Christ_innen als Gegner_innen der Menschenrechte. Doch ist solches Tun mit der Nachfolge Christi vereinbar?

US-Präsident Barack Obama hat angeordnet, dass jedes Kind und jeder Jugendliche in der Schule die Toilette besuchen darf, die seinem Geschlecht entspricht. Nötig geworden war diese Weisung, weil transgeschlechtlichen Schüler_innen dieses Recht im Bundestaat North Carolina gesetzlich verwehrt wurde. Neben Freude und Erleichterung stößt die Anordnung auch auf Widerstand. So erklärte beispielweise Rodney Cavness, Schuldirektor der Port Neches-Groves Schools, Obama für verrückt und machte deutlich, Obama sei nicht sein Präsident und das Blatt, auf dem die umstrittene Anordnung stehe, würde geschreddert. Mittlerweile haben elf Bundesstaaten Klage gegen die Anordnung des Präsidenten eingereicht.

Auch aus dem christlich-fundamentalistischen Lager regte sich Kritik. Seit einigen Tagen steht ein Video mit Joseph Backholm online. Das evangelikale Medienmagazin PRO feiert dieses gerade als Entlarvung der "Gender-Ideologie". Backholm, der Direktor des Family Policy Institute of Washington (FPIW) ist, wirft am Beginn des etwa vierminütigen Zusammenschnittes die Frage auf, ob es möglich sei, in Sachen der Identität irren zu können. Anschließend wird gezeigt, wie er auf dem Campus der University of Washington Studierenden Fragen stellt. Zuerst erkundigt sich der Aktivist danach, wie die Interviewten dazu stehen, dass jeder Mensch Toiletten oder auch Umkleideräume der jeweiligen Geschlechtsidentität nach entsprechend betreten darf. Nachdem Backholm hierauf positive Antworten erhält, will er wissen, was das Gegenüber meinen würde, wenn er sagte, eine Frau zu sein. "Good for you" oder "nice to meet you", lauten zwei der ebenfalls fast durchweg zustimmenden Reaktionen. "Und wenn ich sagte, ich wäre chinesisch", setzt der Fragesteller fort. Sie wäre ein wenig überrascht, erwidert eine der Studentinnen, aber würde auch hier sagen: "Be who you are". Schließlich erkundigt sich der Aktivist, was die Befragten denken würden, wenn er erklärte, erstens sieben Jahre alt zu sein, zweitens wieder in die erste Klasse gehen zu wollen und drittens zwei Meter Körpergröße zu betragen. Es braucht jeweils ein wenig, bis die Interviewten antworten, sie scheinen verwundert, ab und an reagieren sie eher ablehnend, aber der überwiegende Teil kommt zu dem Schluss, dass es okay ist. Ob sie ihm denn nicht sagen wolle, dass er falsch liege, möchte Backholm von einer der Studierenden wissen und bekommt die Auskunft, nein, das stünde ihr nicht zu. Am Ende des Videos verkündet Backholm dann, kein chinesisches Mädchen von sieben Jahren zu sein, das zwei Meter groß ist und stellt die Frage, ob mensch ihm das nicht auch einfach sagen kann. Anschließend will der Aktivist wissen: "Was sagt das über unsere Kultur, unsere Gesellschaft und unsere Fähigkeit, die Fragen zu beantworten, die wirklich schwierig sind, aus?"

Ich frage mich hingegen: Was sagt dieser Film über Joseph Backholm und die Menschen, die seine Sicht teilen, aus? Transportiert werden soll wohl die Botschaft: Nicht jeder Mensch kann leichtfertig behaupten, dieses oder jenes zu sein, sondern es gibt feste identitäre Grenzen. Auf diese Weise suggeriert der Interviewer, Transgeschlechtlichkeit sei ein munteres Spiel, in dem Personen erklären, heute bin ich, - wie aus einer Laune heraus - Mann und morgen Frau. Das verkennt jedoch die Situation transgeschlechtlicher Menschen. Das Leid, das mit der Erfahrung einhergeht, Körper, Seele und Sexualität nicht im Einklang fühlen zu können oder aber als nicht im Einklang stehend gespiegelt zu bekommen, ignoriert Backholm vollkommen. Dies wird besonders an dem Umstand deutlich, dass er sich mit seiner Behauptung, ein siebenjähriges Mädchen zu sein, auf eine reale Situation bezieht. In den USA lebt ein Mensch, der sich schon von Kindesbeinen als Mädchen fühlt(e), aber nie als solches leben durfte. Nach zwei Suizidversuchen hat sich diese Person letztlich entschieden, endlich der Geschlechtsidentität nach zu leben, die sie tatsächlich empfindet: Als siebenjähriges Mädchen. Machen sich Backholm und seine Anhänger_innen irgendwelche Vorstellungen davon, wie verzweifelt ein Mensch sein muss, wenn er zeitlebens in ein geschlechtliches Korsett gepresst wird, das ihm nicht entspricht? Und reichen selbst die Versuche, sich das Leben zu nehmen noch nicht aus, um das Leid zu erkennen? Wo ist da auch nur eine Funke von Empathie oder christlicher Nächstenliebe? Beides scheint gänzlich abwesend, ansonsten würde wohl keine_r auf die Idee kommen, den gerade beschriebenen Fall als Vorlage zu nehmen, um auf schulmeister_innenliche Weise ein Exempel statuieren zu wollen.

Backholm will ein Nachfolger Jesu Christi sein und handelt doch ganz und gar nicht so. Jesus ist zu den Menschen gegangen, hat mit ihnen gesprochen, sie ernst genommen. Es stünde dem Aktivisten deshalb gut an, einmal nachzufragen, was es bedeutet, immer wieder die Erfahrung machen zu müssen, die eigene Geschlechtlichkeit abgesprochen zu bekommen, etwa durch die Verweigerung des Besuches einer Toilette oder Umkleide. Backholm versucht anderen sein Weltbild aufzuzwängen, ein Weltbild, in dem es Transgeschlechtlichkeit entweder gar nicht oder wenn, dann nur als eine Störung gibt. Damit verkennt er allerdings nicht nur die Situation Transgeschlechtlicher, sondern zu allererst die Schöpferkraft Gottes. Gott hat vieles geschaffen, was nicht in der Bibel steht. Tiere, Pflanzen und auch Menschen. Wir dürfen uns nicht anmaßen zu sagen, das gehört so nicht in die Schöpfung. Vielmehr sollten wir akzeptieren lernen, dass wir die Schöpfung und das heißt auch die menschliche Geschlechtlichkeit nie ganz ergründen können, denn das kann nur Gott allein, was er deutlich macht indem er sagt: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken" (Jes. 55,8).

Ergründen können wir die menschliche Geschlechtlichkeit nicht, wir können sie nur erspüren. Jede_r kann für sich nachempfinden, was ihr_ihm Gott ins Herz gelegt hat. Der Mensch begreift sein Geschlecht als erstes mit dem Herzen, nicht primär über seine Genitalien. Das mag für die, die Körper, Seele und Sexualität als kongruent erleben, zunächst befremdlich klingen. Doch wir alle kennen Erfahrungen wie die folgenden: Wir ziehen von Berlin nach Hamburg, werden dort heimisch und sagen nach vielen Jahren trotzdem noch, egal was unser neuer Pass bekundet: "Vom Herzen bin ich Berlinerin." Oder wir sind Protestant_innen, leben aber in der Diaspora und besuchen dort den katholischen Gottesdienst, arbeiten in dieser Gemeinde sogar mit, vielleicht konvertieren einige schließlich und sagen doch: "Vom Herzen bin ich evangelisch." Genau so kann es uns mit dem Geschlecht gehen. Egal was uns andere sagen, was in unserem Pass oder in der Geburtsurkunde steht, vom Herzen sind wir Frau, Mann oder etwas, das sich in diese beiden Kategorien nicht einordnen lässt. Welches Geschlecht Gott dem Gegenüber ins Herz gelegt hat, das können wir als Menschen nicht sehen, dies bleibt allein Gott vorbehalten. So spricht der Herr: "Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an" (1. Sam. 16,7). Was wir aber können, wenn wir Jesus nachfolgen wollen, das ist zuhören; zuhören, was der andere Mensch auf dem und im Herzen hat. Und es mangelt in unserer Welt, Gott sei es gedankt, nicht mehr an Zeugnissen transgeschlechtlicher Menschen, die uns einen Einblick in ihr Herz geben. Es liegt nun an uns, mit diesen Zeugnissen nicht Hohn und Spott zu treiben, wie es Backholm und andere tun, sondern sie ernst zu nehmen. Es liegt an uns, den anderen zu verstehen und wenn uns das schwerfällt, auch darum zu ringen. Es liegt an uns, unser Tun und Handeln danach auszurichten, auch wenn es um die Frage geht, wer welche Toilette oder Umkleide benutzen darf.

Herr, gibt uns den Mut zuzuhören, gibt uns Deinen Heiligen Geist einander zu verstehen und für die Gleichheit der Geschlechtsidentitäten einzustehen. Amen. 

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