Superchristen in der #digitalenkirche?

Sind in der #digitalenkirche nur Superchristen aktiv, deren Sprache andere Menschen nicht verstehen?

Eine der Kolleginnen in der Redaktion hatte neulich ein Erlebnis am Telefon. Sie hat mit einer Person telefoniert, die sich zuvor auf Facebook bei uns zum Thema Flüchtlinge geäußert hat. 90 Prozent der Menschen, die über das Mittelmeer kämen, seien Mörder von Boko Haram, sagte die Person am Telefon, und war davon auch nicht abzubringen - obwohl das völliger Unsinn ist. Dabei bediente sie sich unter anderem wortwörtlich der Sprache aus einem gegen Flüchtlinge gerichteten AfD-Post.

Miteinander reden ist meistens hilfreich, jedenfalls wenn beide Gesprächspartner mehr wollen als aufeinander einzuschreien. Das setzt aber voraus, dass der Mensch auf der anderen Seite des Tisches - oder des Telefons - ein ähnliches Interesse am Gespräch hat. Wenn das nicht so ist, lohnt sich ein Gespräch oft nicht. Wenn es nicht gerade um eine reine Information geht, bedeutet miteinander reden Argumente austauschen, Gedanken verstehen, Ideen entwickeln. Wer mit missionarischem Eifer in ein solches Gespräch geht, macht das gemeinsame Reden schwierig.

Ein Gespräch kann aber auch daran scheitern, dass man sich gegenseitig gar nicht versteht. Und zwar nicht wegen Sprachkenntnissen.

"Wenn ich mich im Kontext der digitalen Kirche bewege, bekomme ich teilweise den Eindruck, dass diese nur aus 'Superchristen' besteht. Aus Menschen, die ihren Glauben zum Beruf gemacht haben, aus Menschen, die wahnsinnig kirchlich engagiert sind oder aus 'superfrommen'. Wenn man das sieht ohne viel mit Kirche am Hut zu haben kann man das Gefühl bekommen, dass es keinen Platz für die gibt, denen der Glauben und die spezifische Sprache fremd ist, dass es keinen Platz gibt für die eigenen Zweifel, dass es keinen Platz für die gibt, die sich nicht kirchlich engagieren möchten oder können."

Das schreibt @selinafui2 in ihrem Text nach der Tagung in Loccum zur Digitalen Kirche (mit Dank auch an Philipp Greifenstein, der den Gedanken Ehrenamt/Hauptamt in der "Eule" weitergesponnen hat). Ich habe das gelesen und mich gefragt, ob die Menschen, die ich als #digitalekirche kennengelernt habe, solche "Superchristen" sind. Die Mehrheit von ihnen sind Pfarrer*innen - von ihnen kann man qua Amt sagen, dass sie ihren Glauben zum Beruf gemacht haben. Das liegt daran, dass ich im zentralen Medienhaus der EKD arbeite, im GEP, und meine Rolle außerhalb von evangelisch.de zum Teil auch in der Vernetzung dieser Menschen besteht.

Die anderen Menschen in der #digitalenkirche treffe ich sporadischer; auf Kirchentagen, Katholikentagen, Barcamps, Tagungen und Twitter. Auch dann sprechen wir meistens nicht über Spiritualität und Christ-sein.

Zwei Beobachtungen fallen mir aber auf.

Erstens: Die Teilnahme an der gemeinsamen Frömmigkeit wird bei solchen Ereignissen vorausgesetzt, gesangbuchfest sind alle. Die einzige Ausnahme der letzten Jahre, an die ich mich erinnern kann, war das Ökumene-Barcamp auf dem Katholikentag von Kirche2, wo Sandra Bils und Maria Hermann ihr liturgisches Handeln bei Gebet und Abschluss mit ein paar erklärenden Worten begleitet haben. Man merkt, dass diese Verhandlung, wie spirituelles Handeln geht - vor allem Singen, Beten, Segnen - im ökumenischen Kontext noch nötig sind. Wenn wir Protestanten unter uns sind, greift ein starker Automatismus. Das liegt im Wesen von Liturgie, dafür ist sie ja da, aber mir fällt schon auf: Jede*r, den ich treffe, schüttelt die Alltagsformen aus dem Handgelenk. Eine Sitzung beginnt mit der Tageslosung, keiner wundert sich, wenn sie nicht passt. An einem stillen Tischgebet beugt jede Person den Kopf und tut mindestens so, als würde sie auch beten - der Mehrheit nehme ich das auch ab.

Zweitens: Die "spezifische Sprache", von der Selina spricht, gibt es sehr wohl. Es ist diese ganze besondere protestantische Herzlichkeit, die meistens ernst gemeint ist, sich aber auch hervorragend eignet für höfliche Hinterfotzigkeit. So wie in der SPD immer von "Genossinen und Genossen" die Rede ist, ist in den Institutionen der evangelischen Kirche die Rede von "lieben Schwestern und Brüdern". Das ist irritierend für Menschen, die das nicht kennen, und wohltuend für alle, die sich darin aufgehoben fühlen.

Manchmal beschleicht mich jedoch das Gefühl, dass diese Floskeln - diese Ansprache, die Tageslosung, die Tischgebete - auch Tarnsprache sind.  Wenn man die Form beherrscht, kann man den Stallgeruch imitieren, der für die Akzeptanz in den Institutionen der verfassten Kirche nach wie vor wichtig ist.

Diese Akzeptanz ist besonders wichtig für alle, die die Kirche von innen verändern wollen. Wer heute Pfarrer*in wird und #digitalekirche gestalten will, muss erstmal zeigen, dass sie "klassische Kirche" kann. Wer komplett ohne Stallgeruch von außen kommt, läuft gerne mal in die geschlossene Stalltür, bevor sie aufgemacht wird. Vielen Menschen, die Kirche digitalisieren wollen, liegt meiner Erfahrung nach aber die Kirche sehr am Herzen. Dann wirken sie natürlich "wahnsinnig engagiert" - es ist ihnen ein Herzensanliegen.

Mir ja auch. Die evangelische Kirche ist eine der wenigen verbliebenen Stimmen, die mit viel Rückhalt kompromisslos für Menschlichkeit einstehen kann. Ja, das ist politisch, gerade jetzt. Das kommt aber nicht aus dem Wunsch des politischen Machterhalts, sondern aus Aufgabe der Nachfolge Jesu Christi, begründet in der Schrift. (<<< Haben Sie's gemerkt? Das war auch ein solcher Satz aus der Kirchensprache. Auch wenn er stimmt.) Ich gehöre aber nicht zu den "Superfrommen". Ich zweifle an vielen Glaubensdingen, mein Gottesbild ist eher eine Mischung aus Deismus und Pantheismus als Theismus. Luthers "Freiheit eines Christenmenschen" hat mein Verständnis von Christsein definiert, aber ich lese sehr selten theologische Schriften. Ich bin kein Theologe, dafür evangelischer Pfadfinder. Ich zweifle aber nicht daran, dass ich nach außen auch als "wahnsinnig kirchlich engagiert" erscheine. Ich arbeite schließlich im weitesten Sinne für den Verein. Allein das sorgt schon dafür.

Wenn ich mit Menschen über Kirche rede, die diesen Eindruck von mir haben, aber selbst nicht kirchlich verbunden sind, muss ich im Dialog diese Beziehung erstmal ausloten. Wo man selbst steht und wo die Person gegenüber steht, ist für ein gelingendes Gespräch eben wichtig.

Das können Sie übrigens alle am 23. September ausprobieren. Wir (evangelisch.de und chrismon) machen mit bei der Aktion "Deutschland spricht". Dabei beantworten Sie sieben politische Ja/Nein-Fragen (und fünf offene Fragen, um sicherzustellen, dass es echte Menschen sind), und hinterlegen ihre Kontakt-E-Mail. Dann findet die "Zeit" auf der Basis der Ja/Nein-Fragen eine*n Gesprächspartner*in, die ganz anderer Meinung ist als Sie, und Sie treffen sich dann am 23. September zu einem persönlichen Gespräch. Ich fände es super, wenn dabei die Mischung aus "Superchristen" und evangelischen Skeptikern stimmt. Deswegen - macht mit und redet mit(einander)!

Vielen Dank für's Lesen & Mitdenken!


Im Blog Confessio Digitalis schreibe ich meine Beobachtungen, Links und Interviews zu den Themen Digitalisierung, Digitale Kirche und digitalisierte Welt auf. Ich bin erreichbar auf Twitter als @dailybug.

P.S.: Ich habe zwei Rückmeldungen bekommen, die mich darauf hingewiesen haben, dass "Digitalis" auch der Name der Fingerhut-Pflanzen ist, die zu Gift verarbeitet werden können. Das lässt den Blogtitel "Confessio Digitalis" natürlich ein bisschen fies klingen. Andererseits behandelt man mit Digitalis-Präparaten auch Herzprobleme. Und dass das digitale Herz der Kirche besser schlägt, ist mir natürlich ein Anliegen. Deswegen lasse ich den Namen des Blogs erstmal so - nehmt es als Präparat.