Suggestive Fröhlichkeit

Suggestive Fröhlichkeit
... sowie der traurige (aber breit besprochene) Witz der sog. Böhmermann-Affäre. Die wichtigsten Sätze der Quatschvogel-Ansprache sind auch als GIFs zu haben. Für handfesteren türkisch-deutschen Medienstress dürfte Can Dündar sorgen. Unklarheiten, warum E-Mails an den Bundestag die Medien-Agenda rockten (und wie der Ex-Bild-Zeitungs-Mann Nicolaus Fest es wieder tut). Außerdem: Sind öffentlich-rechtliche Popradio-Hörer "dummes Vieh"? Neues von den Funkes und Funk.

Nur falls es Ihnen nicht begegnet sein sollte*: Der Entertainer Jan Böhmermann hat sich erstmals bewegtbild-öffentlich zur nach ihm benannten deutsch-türkischen Staatskrise geäußert.

Die deutschsprachige Medienlandschaft reagiert in ihrer grundsätzlich schönen, wenngleich häufig durch Uniformität nervenden Breite, indem sie die gut siebenminütige Ansprache (Youtube) überall sowohl in Worten zusammenfasst als auch via Youtube einbettet.

So dokumentiert dwdl.de in gewohnter Intensität nahezu den gesamten Wortlaut. Die Lieder, die Böhmermann gegen Ende des Videos "im Hinausgehen trällert", reicht sueddeutsche.de nach. Am grundsätzlichsten-zufriedensten ("das hohe Lied der Meinungs- und Kunstfreiheit") fasst welt.de zusammen, am ausführlich-länglichsten Michael Hanfeld bei faz.net, am zeitsparendsten der österreichische Standard. Noch zeitsparender aber komprimierten die Onlinejournalismus-Pioniere* von bento.de, dem Junge-Leute-Portal des Spiegel.

Nicht in ihrem konventionellen Startseiten-Aufmacher noch am Donnerstag morgen, sondern in zwei GIF-Graphiken, die sie via Twitter verbreiteten. Sie zeigen in heiter paradoxer Form (da die Bedeutung in der Bewegung, die der Witz der Form ist, gar nicht liegt) Böhmermanns beide wichtigsten Sätze.

Der eine ist ein Humor-, heißt es Mem?, das auch Olli Welke und weniger feingeistige Entertainment-Kollegen gerne und noch oft aufgreifen werden. Der andere Satz ist der, dessentwegen Anne Fromm in der TAZ mit der Einschätzung Böhmermanns als "ungewohnt seriös" überrascht.

Böhmermann ist schließlich nicht doof, auch wenn einzelne seiner Witze es sind (wobei welche genau jeweils vom Blickwinkel der Betrachter abhängen mag). Weil das Publikum ihn zwar für einen Quatschvogel und/ oder Künstler halten soll, aber nicht für einen Total-Egomanen, hat er natürlich ein paar Takte zur finsteren Lage der Medienfreiheit und Menschenrechte in der Türkei gesagt, die sich seit seinem Schmähgedicht sogar noch (vermutlich ohne Kausalzusammenhang) drastisch verfinstert hat.

Was meint denn der Berliner Tagesspiegel? Er findet die Sache noch nicht hinreichend gemolken, sondern würde gerne jetzt eine echte Staatsaffäre draus machen. Es

"mehren sich Zweifel, ob Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dessen" - Böhmermanns - "Satire auf den türkischen Präsidenten Erdogan im gesamten Zusammenhang zur Kenntnis genommen hat, bevor sie den Auftritt öffentlich 'bewusst verletzend' nannte. Trotz grundsätzlicher Auskunftspflicht verweigert das Bundeskanzleramt die Antwort auf eine entsprechende Anfrage: 'Der der Einschätzung der Bundeskanzlerin vorgelagerte Beratungs- und Abstimmungsprozess unterfällt dem Kernbereich exekutiver Eigenverantwortung', teilte das Kanzleramt dem Tagesspiegel mit",

enthüllt Jost Müller-Neuhof. Uiuiui.

[+++] Dabei zieht ein echtes Problem für die deutsch-türkischen Medien-Beziehungen, deren abstruses Verwicklungspotenzial inzwischen international bekannt ist, an völlig anderer Front auf. Der türkische Journalist Can Dündar kündigte in einem türkischsprachigen Interview (journo.com.tr) "die Gründung einer Online-Zeitung in Deutschland", ja, in Berlin an. Schon mal übersetzt haben das Pressevertriebs-Medium dnv-online.net ins Deutsche und die DPA ins Englische.

Dündar ist der wohl bekannteste Vertreter der rabiat verfolgten türkischen Opposition überhaupt und hat in dieser Eigenschaft wohl jedem deutschsprachigen Medium in diesem Jahr mindestens ein Interview gegeben. Vermutlich weiß die türkische Regierung keinen Journalisten außerhalb ihres unmittelbaren Machtbereichs, den sie lieber auch noch zum Schweigen bringen würde. Die disponiblen Prioritäten der deutschen Bundesregierung sind ihr ebenfalls vertraut. Und wie diese sich gegenüber Dissidenten aus anderen verbündeten Staaten, Edward Snowden zum Beispiel, verhält, ist noch viel länger bekannt. Da dürften auf deutscher Seite viele handfestere Gelegenheiten kommen, eine Haltung zu entwickeln und zu demonstrieren.

[+++] "Ist es eine Meldung wert, dass ein ehemaliger leitender 'Bild'-Journalist, dessen Vertrag nach einem islamophoben Kommentar aufgelöst wurde, der AfD beitritt?"

Lorenz Maroldt scheint heute in seinem "Checkpoint"-Newsletter auch nicht völlig überzeugt davon. Man könnte ja abwarten, ob es meldenswerte Umstände gibt. Aber es war halt sein Tagesspiegel, der als erster Wind davon gesteckt bekam, dass die AfD auf einer für heute angekündigten Pressekonferenz Nicolaus Fest (siehe z.B. diesen Altpapierkorb oder das Altpapier "Nicolaus Fest gehört zu Springer" ebenfalls aus dem Jahr 2014), der außerdem Sohn eines noch viel bekannter gewesenen Herausgebers ist, als neues Mitglied präsentieren wollen würde. Und weil sich im breiten deutschen Mainstream einzelne Medien weniger durch spezielle Inhalte unterscheiden als dadurch, wer was früher hat und idealerweise später anderswo als Quelle zitiert wird, meldete er es eben mit einem vorsichtigen "offenbar" im Vorspann schon mal.

Weiterverbreitungsmedienmedien sprangen gerne darauf an. Und der Spiegel hat, was schnelles Verbreiten betrifft, auch noch einen Ruf zu verlieren sowie ein gut sortiertes Telefonbuch. Er rief bei Fest an, der die Nachricht mit einem fröhlichen "Ich ärgere mich natürlich, dass das vor der Pressekonferenz am Donnerstag herauskommt" dann auch "nicht dementieren" mochte.

Wenn das Zwei-Quellen-Prinzip sich so rasch von selbst erledigt, müssen alle anderen natürlich mit-melden. Was auch immer man von Fest hält: Publizist genug, um auf der PK selbst zwei oder drei Sätze rauszuhauen, die so provokant sind, dass alle sie erst recht melden müssen (und am Rande ihre früheren Meldungen verlinken können), wird er wohl sein.

Falls also ein weiterer Beleg für strukturelle Nachteile der aktuellen Medienlandschaft, die zwar schön breit ist, in der aber alle immer melden, was alle melden (und sich fürchterlich erschrecken, wenn sie eine Meldung noch nicht haben), gebraucht werden sollte: Da isser.

"Gemeldet wird es jedenfalls fast überall, auch im Tagesspiegel - nicht dass Sie hinterher sagen, Sie hätten es nicht gewusst",

beruhigt (sich) dann Maroldt in seinem Frühmorgen-Newsletter.

[+++] Ein Shootingstar in den bei Medien beliebten Charts der meistzitierten Medien ist "Deutschlands beliebtester Rechercheverbund", das öffentlich-rechtlich-private Joint Venture WDR-NDR-SZ. Vor zwei Wochen (Altpapier) hatte ein bis zu vierköpfiges Team über E-Mails "von einem gewissen Heinrich Krammer, mit der Adresse 'hq.nato.int', was auf das Hauptquartier des Militärbündnisses Nato hindeutete", die tatsächlich aber "nach Ansicht von Regierungsexperten auf russische Hacker" hindeuteten, berichtet, berichtet, berichtet.

"Die vielleicht wichtigste Frage lautet aber: Warum wurde die Sache überhaupt derartig hochgekocht? Nüchtern betrachtet ist diese Art von Angriff auf den Bundestag nicht ungewöhnlich: Im BSI-Bericht zur Lage der IT-Sicherheit in Deutschland wurde ausgeführt, dass 2015 pro Tag etwa 15 Angriffe auf Regierungsnetze detektiert wurden. Alle zwei Tage wurde ein Angriff beobachtet, der einen nachrichtendienstlichen Hintergrund nahelegt. Für das Bundestagsnetz dürfte das ähnlich aussehen und doch lesen wir nicht ständig Meldungen darüber, gerade, wenn ein Angriff nicht erfolgreich war. Noch dazu wurden die Mitarbeiter im Bundestag bereits vor der Information des BSI über ein erhöhtes Phishing-Mail-Aufkommen informiert und zur Umsicht beim Öffnen von Mails gewarnt",

so wie ja eigentlich jeder gewarnt wird, der E-Mails erhält und schreibt, meint nun netzpolitik.org.

[+++] Die SZ-Medienseite bespricht heute gar keine Netflix-Produktion. Noch'n kleiner Scherz. Tut sie natürlich. Daneben versucht sie aber auch, an ehemaliges Renommee anzuknüpfen und einen Impuls für eine gerade gar nicht geführte, aber notwendige Diskussion zu geben.

"Hans-Peter Stockinger, 78, lernte Buchhändler und arbeitete als Hafenarbeiter und Zeitungsredakteur. Von der Gründung 1975 bis zur Fusion mit dem SDR 1998 war er Programmchef von SWF3", heißt es unter dem Interview mit Stockinger, der darin kräftig gegen die dümmlichen Radiosender vom Leder zieht, die sich aus solchem "öffentlich-rechtlichen Pop-Radio" später entwickelt haben.

"Was beim Radiohören heute am meisten nervt, ist doch diese suggestive Fröhlichkeit. Im Grunde genommen hat das schon mit Radio Luxemburg angefangen, unserer härtesten Konkurrenz bei SWF3. Ständig fragen die Moderatoren: 'Wie ist denn die Stimmung bei Euch?' Was für ein Bild haben die denn von ihren Hörern? Dummes Vieh, gerade intelligent genug, um bei Gewinnspielen anzurufen",

lautet eine seiner Aussagen.

"Heute treffe ich oft Radioleute, die sich von ihrem Programm distanzieren und darüber zu Zynikern geworden sind. Sie delegieren die Verantwortung für ein Programm, das sie nicht mögen, an irgendwelche Consultants, die kommerzielle wie öffentlich-rechtliche Anbieter mit denselben Rezepten abspeisen ..."

beginnt eine weitere. Falls Sie mehr davon lesen wollen: Das kostet 0,79 Euro bei Blendle.

* kleiner Scherz


Altpapierkorb

+++ "'Influencer Magazin mit Shopping-App' ist ein bisschen, als hätte man diese Drückertouren, bei denen man Rentner in Reisebussen in die Provinz gefahren und so lange in den Clubraum eines Landgasthofs gesperrt hat, bis sie alle Heizdecken gekauft haben, nicht als 'Herrlicher Tagesausflug mit All-you-can-eat-Buffet' angepriesen, sondern als 'Verkaufsgespräch bei abgedunkelten Fenstern inklusive Dosenklößchen, ausgefuchster emotionaler Erpressung und versperrten Fluchtwegen' ..." (Michalis Pantelouris bei uebermedien.de, halb frei online). Da geht's um den Untertitel der Zeitschrift mit dem kürzeren, aber nicht sinnvolleren Haupt-Titel Selfie's, die sich online sogar die globale Domain selfies.com sichern konnte. Auf der Webseite steht irgendwie gar kein Impressum (wär das nicht was für Abmahnanwälte? zu spät, jetzt doch ein "imprint"), sie stammt aber von den Funkes. +++

+++ Die wiederum niemand verwechseln sollte mit dem neuen ARD-ZDF-funk (funk.net). Das am Freitag hier erwähnte epd-medien-Interview mit den Funk-Machern Florian Hager und Sophie Burkhardt steht inzwischen frei online. +++

+++ Der deutsche Fußball startet auch ins nächste Jahrzehnt öffentlich-rechtlich: "ARD und ZDF zeigen 2020 alle Spiele der Fußball-Europameisterschaft live" (hier nebenan). +++ "Was ARD und ZDF dafür bezahlen, auch in vier Jahren wieder zu zeigen, wie 24 Mannschaften in 51 Spielen den Europameister ermitteln – unklar" (wuv.de). +++

+++ Das Argument "Als der Preußen-Prinz Georg Friedrich im August 2011 in Schloss Sanssouci heiratete, übertrug der RBB drei Stunden live" ist vielleicht nicht das allerschärfste Argument, das sich Ende 2016 gegen das RBB-Fernsehen führen lässt. Schließlich heiraten Preußen-Prinzen nicht wöchentlich oder monatlich. Aber es ist eines, das der Tagesspiegel in seiner Bestandsaufnahme des Programms, das verändert werden soll, verwendet.  +++ Außerdem ebd.: guter Rat für den RBB von seinem ehemaligen und dem aktuellen UFA-Mitarbeiter Jan Lerch. +++ Und eine schöne Geste von Markus Ehrenberg: ein Redakteurs-geschriebener Nachruf auf Hans Korte. +++

+++ "US-Journalisten des Portals Propublica" haben ein "Addon vorgestellt, das Nutzern auf einen Blick zeigen soll, welche Informationen Facebook über sie gesammelt hat" (t3n.de). Allerdings läuft das Addon auf Chrome, dem Browser des Datenkraken Google. +++

+++Noch auf der SZ-Medienseite: eine Bilanz nach einem Jahr der Gruner+Jahr-Zeitschrift Barbara ("110000 bis 120000 Hefte hat der Verlag im vergangenen Jahr durchschnittlich verkauft"), und ein Bericht über die gedruckte linke Wirtschaftszeitung Oxi (siehe Altpapier). "Bisher haben ... nur 'einige hundert' Sympathisanten Oxi als eigenständigen Titel abonniert. Diese Zahl müsse 'schnell stark erhöht werden'", schreibt René Martens. +++

+++ Auf der FAZ-Medienseite: gründliche Kritik Jürg Altweggs am französischen Gesetz namens "Egalité et Citoyenneté" und Lob für die ZDF-"Zoom"-Reportage "Putins geheimes Netzwerk - Wie Russland den Westen spaltet", für die "die Sendezeit von 45 Minuten am Dienstagabend gar nicht ausreichte, um alles zu erzählen. Das ZDF hat zum Nachlesen erfreulicherweise eine eigene Website eingerichtet": webstory.zdf.de/putins-geheimes-netzwerk. +++

+++ Wegen der laut Yahoo US-amerikanischen Gesetzen entsprechenden, europäischen allerdings widersprechenden Kooperation des E-Mail-Anbieters (netzpolitik.org) leitet nun "die irische Datenschutz-Behörde ... nach eigenen Angaben Untersuchungen" ein, "weil Yahoo in dem Land seine europäische Zentrale hat" (futurezone.at). +++

+++ Stefan Niggemeier hat nicht mitbekommen, dass Lutz Hachmeister sein langes Gespräch mit dem Brainpool-Gründer Jörg Grabosch nicht "für die 'Medienkorrespondenz' ... geführt" hat, die es kürzlich veröffentlichte, sondern fürs "Jahrbuch Fernsehen". Aber er war selbst in Aserbeidschan, über das Grabosch sich auch auslässt, und ärgert sich daher darüber (uebermedien.de). +++

+++ Über Donald Trump als "Reduktionsmonster" schreibt wiederum in epd medien Torsten Körner. +++

+++ "Den taz-Artikel, den Lafontaine als Ergebnis neoliberaler Kampfpresse schmäht, hat ausgerechnet Ulrike Herrmann geschrieben: unsere wirtschaftspolitische Korrespondentin, die kundig wie keine andere im Land neoliberale Politik auseinandernimmt. Bizarr, ausgerechnet diese Korrespondentin greift er an. Es ist ein Detail, aber es gehört zur Tragik dieses Mannes ...": Da ärgert sich die TAZ in Gestalt ihres Chefredakteurs. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.

 

 

 

weitere Blogs

Skurrile Minderheiten, die sich zu Opfern stilisieren, beklagt Sahra Wagenknecht in ihrem neuen Buch. Sie unternimmt damit den Versuch, den Einsatz für die Rechte Ärmerer gegen den Einsatz für Menschen, die Diskriminierung wegen ihrer Sexualität erleiden, auszuspielen. Damit betreibt die Politikerin ein gefährliches Spiel.
Neben das Prinzip ‚Heimat in der Gemeinde finden‘ wird  - auch durch den materiellen Einbruch -  in 20-30 Jahren ein starkes anderes getreten sein. Das könnte man ‚Mitspielen‘ nennen.
In den USA können Sie nun sehr schnell „Erde zu Erde“ werden.