Mit Nadeln, Garn und Freundinnen ins Kino: Unermüdlich klappern die Nadeln, als sich Mitte Februar 70 fast ausschließlich weibliche Filmfans zum gemeinsamen Stricken, Häkeln und Filmgucken in der Karlsruher Kinemathek treffen. Weil Selbstgestricktes auch bei jungen Frauen beliebt ist, setzen immer mehr Kinos auf den Trend - auch in München, Frankfurt, Hamburg oder Berlin.
Die 18-jährige Yara ist das erste Mal im Karlsruher "Maschenkino". Sie strickt gerade an einem dunkelgrauen Rippenpullover: "Ich finde die Idee cool, gemeinsam mit anderen im Kino zu stricken." Begleitet wird sie von ihrer Freundin Karo (18), die nicht strickt, sondern die Gelegenheit zum Zeichnen nutzt. Weil das Licht während des Films nur gedimmt wird, sind nicht nur Strickmuster, sondern auch Block und Zeichenstift gut zu erkennen.
Ursula Niessen-Ursprung von der Karlsruher Kinemathek trägt dem Anlass entsprechend eine gestrickte, pinkfarbene Gliederkette: "Stricken ist generationsübergreifend und macht in Gemeinschaft einfach mehr Spaß als allein vor dem Fernseher", sagt sie. Auf der Leinwand läuft an diesem Tag "Einfach mal was Schönes" von Karoline Herfurth. Aber hat man denn überhaupt etwas von dem Film, wenn man gleichzeitig strickt?
Stricken ist beruhigend
Im Karlsruher Maschenkino sind die meisten Zuschauerinnen so routiniert, dass sie kaum auf Wolle und Nadeln sehen müssen. Dagmar (57) strickt seit ihrer Kindheit, weil es "so schön beruhigend" ist, wie sie sagt. Aktuell arbeitet sie an einem grauen Trachtenjanker für ihren Mann. Begleitet wird sie von ihrer Tochter Constanze (31). Die Grundschullehrerin strickt einen flauschigen, roséfarbenen Schal und erzählt, wie begeistert ihre Viertklässler von kleinen, gehäkelten Tierfiguren sind.
Stricken ist nicht nur beim Filmschauen, sondern auch an Filmsets beliebt. Vor mehr als 30 Jahren lernte Hollywood-Schauspielerin Julia Roberts das Stricken während eines Drehs, wie sie dem US-Sender CBS sagte. Auch Schauspieler Ryan Gosling erlernte an einem Filmset zu stricken. Das sei einer der entspannendsten Tage seines Lebens gewesen, sagte er im Rückblick. Und die einstige US-Präsidentengattin Michelle Obama postete vor einiger Zeit auf Instagram: Stricken sei eine "kleine, unbedeutende Tätigkeit, die die eigene Selbstwirksamkeit steigert".
Akt politischen Widerstands
Christina ist extra aus dem etwa 35 Kilometer entfernten Schwarzwaldort Dobel ins "Maschenkino" nach Karlsruhe gekommen, gemeinsam mit ihren Begleiterinnen Beate, Marlies und Gabriele. Über das Handarbeits-Internetportal ravelry.com sind sie auch international vernetzt und wissen, dass in den USA derzeit rote Mützen gestrickt werden - als Symbol des Protests gegen die Einwanderungsbehörde ICE und ihr gewaltsames Vorgehen in Minneapolis. Das Strickmuster für die "Melt the ICE"-Mütze hat Beate auch gekauft: "Aus Solidarität, obwohl ich selbst keine Mützen trage."
Mitarbeiter Paul S. Neary vom Wollgeschäft "Needle&Skein" in einem Vorort von Minneapolis hatte die Idee, die rote Zipfelmütze "nisselue" nachzustricken, die die norwegische Widerstandsbewegung als Protest gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg nutzte. Die Idee ging Mitte Januar viral, sodass in manchen Geschäften das rote Garn ausging. Für den 26. Februar wurde sogar zu einem weltweiten Protesttag aufgerufen: mit roten Mützen für Werte wie Demokratie, Menschenwürde und Zusammengehörigkeit.
Geschichte des widerständigen Strickens
Wollene Handarbeiten hatten schon im 18. Jahrhundert etwas Widerständiges. Während der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts strickten die französischen "Tricoteuses" gegen das aristokratische wie patriarchale Herrschaftssystem an. Im Zweiten Weltkrieg wurden in Belgien strickende Frauen in der Nähe von Bahnhöfen als Spioninnen engagiert.
Mit rechten und linken Maschen, die sich auch für binäre Codes eignen, dokumentierten sie die Bewegungen von Soldaten, Waffen und anderer Ausrüstung. Und als in Deutschland in den 1980ern Studierende im Hörsaal und grüne Abgeordnete im Bundestag strickten, galt das vielen als Protest gegen etablierte Konventionen.
Im Karlsruher Maschenkino ist der Film inzwischen zu Ende gegangen. Christina, Beate, Marlies und Gabriele verabreden sich zum nächsten gemeinschaftlichen Stricken. Sie treffen sich jede Woche, meist in einem Café. Warum? Man produziert eigene Kleidung, die passt und etwas Besonderes ist, sind sie überzeugt. Außerdem habe man so immer ein Geschenk parat.


