Niedersachsen führt Schulfach Christliche Religion ein

Klassenzimmer in Schule
Hans Georg Vorndran/Fundus
Mit dem Schuljahr 2026/27 wird in Niedersachsen schrittweise der Religionsunterricht "Christliche Religion" eingeführt, der von der evangelischen und der katholischen Kirche gemeinsam verantwortet werden soll.
Ab Schuljahr 2026/2027
Niedersachsen führt Schulfach Christliche Religion ein
Mit der Vorstellung des neuen Schulfachs "Christliche Religion" will das Land Niedersachsen auf moderne religiöse Bildung setzen: Ab dem Schuljahr 2026/2027 wird in dem Bundesland schrittweise der neue, von evangelischer und katholischer Kirche gemeinsam verantwortete Religionsunterricht "Christliche Religion" eingeführt.

Mit dem bundesweit einmaligen Fach setze Niedersachsen ein wegweisendes Zeichen für Dialog, Kooperation und moderne religiöse Bildung, betonte Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) bei der Vorstellung der Lehrpläne kurz vor Pfingsten in Hannover. 

Dankbar für das Erreichte zeigten sich auch die Bevollmächtigte der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track, und der Leiter des Katholischen Büros Niedersachsen, Prälat Felix Bernard. Lob kam von den Regierungsfraktionen von SPD und Grünen im Landtag.

Das neue Fach wird von August an zunächst in den Klassen 1 und 5 unterrichtet und ersetzt in den darauffolgenden Jahren sukzessive an allen allgemeinbildenden Schulen den bisherigen evangelischen und katholischen Religionsunterricht. Damit reagiere das Land auch auf die wachsende konfessionelle, religiöse und weltanschauliche Pluralität in den Schulen, teilte das Ministerium mit. Der konfessionell getrennte Unterricht konnte zuletzt wegen zu geringer Nachfrage vielerorts nicht mehr angeboten werden.

Wachsende Pluralität in den Schulen

Die neuen Kern-Curricula stellen den Angaben zufolge die Lebenswirklichkeit junger Menschen stärker als bisher in den Mittelpunkt und setzen sie in Beziehung zu den christlichen Ressourcen und interreligiösen, gesellschaftlichen und interdisziplinären Perspektiven. Das Fach eröffne damit neue Räume für Dialog, Perspektivwechsel und Verständigung in einer vielfältigen Gesellschaft.

Gäfgen-Track erläuterte: Es gehe darum, die Jugendlichen fit zu machen für eine herausfordernde Zukunft, ihnen die Augen zu öffnen für ein "nicht-fundamentalistisches Verständnis von Religion". Dazu gehöre die Frage, wie Religionen zum Frieden beitragen können. "Religion ist immer dann gut, wenn sie gebildete Religion ist". Die evangelische Theologin warnte: Das Wissen um die christliche Religion schwinde. "Diese Gesellschaft verliert ihre christliche, religiöse und kulturelle Prägung mehr und mehr." In die Lücke drängten Populismen und Fundamentalismen.

52 Prozent evangelisch oder katholisch

Prälat Bernard betonte, das neue Fach solle die Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht nivellieren und verwies auf die Fortschritte der Ökumene in den vergangenen Jahrzehnten. Die Gemeinsamkeiten seien "viel größer als das Unterscheidende". Er hoffe, dass der neue Unterricht die Ökumene weiter fördere. 

Im Schuljahr 2024/2025 nahmen nach Ministeriumsangaben rund 65 Prozent der Schüler:innen in Niedersachsen am evangelischen, katholischen oder konfessionell-kooperativ erteilten Religionsunterricht teil. Der Anteil der Schüler:innenr, die der evangelischen oder katholischen Kirche angehören, lag 2024 bei rund 52 Prozent. Rund 4.000 Kinder nehmen derzeit in Niedersachsen am islamischen Religionsunterricht teil.

Hintergrund: Religionsunterricht in Deutschland

Der Religionsunterricht ist in Deutschland das einzige Schulfach, das verfassungsrechtlich verankert ist. Nach Artikel 7 des Grundgesetzes ist der Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ein ordentliches Lehrfach. Er muss "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften" erteilt werden. In den meisten Bundesländern bildet dieser Artikel die Grundlage des Religionsunterrichtes, auch in Niedersachsen.

Besuchen mindestens zwölf Kinder und Jugendliche einer Religionsgemeinschaft eine Schule oder mehrere benachbarte Schulen, so kann für diese eigener Unterricht erteilt werden, sofern eine Lehrkraft zur Verfügung steht. Der Religionsunterricht wird nicht nur für evangelische und katholische Kinder und Jugendliche angeboten. Auch jüdische und muslimische sowie alevitische und christlich-orthodoxe Schülerinnen und Schüler können ihn erhalten. Mit diesen Religionsgemeinschaften haben viele Länder eine Vereinbarung über Lehrpläne, Lehrbücher und die Ausbildung der Lehrkräfte geschlossen.

Besonderheiten in manchen Bundesländern

Ausnahmen gibt es in den Ländern Bremen, Berlin und Brandenburg. Dort wird das Fach aufgrund verfassungsmäßiger Besonderheiten vom Staat angeboten, ohne direkte Rückkopplung mit den Religionsgemeinschaften. Einen Sonderweg im bundesweiten Vergleich geht Hamburg, weil der kirchlich mitverantwortete Religionsunterricht dort auch Juden, Muslime und Aleviten miteinbezieht.

Die Fächer Evangelische und Katholische Religion werden in der Regel an allen Schulen angeboten. In Niedersachsen kann dieser Unterricht seit 1998 auch konfessionell-kooperativ erteilt werden. Die Lehrkräfte beider Konfessionen erarbeiten dabei einen schulinternen Arbeitsplan und unterrichten abwechselnd konfessionell gemischte Lerngruppen.

Niedersachsen mit neuer Stoßrichtung

Dieser Weg wurde in Niedersachsen zum neuen Schulfach "Christliche Religion" weiterentwickelt. Damit bedarf es für den konfessionell-kooperativen Unterricht keiner Genehmigung mehr. Die Inhalte werden von den evangelischen Kirchen und den katholischen Bistümern gemeinsam verantwortet. Das Fach ist grundsätzlich offen für weitere Interessierte, die keiner Kirche angehören. Mit dem neuen Modell übernehmen die beiden großen Kirchen in Niedersachsen nach eigenen Angaben zum ersten Mal in Deutschland gemeinsam die Verantwortung für den Religionsunterricht.

Schülerinnen und Schüler ab dem fünften Schuljahr, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, sind zur Teilnahme am Unterricht in Werte und Normen verpflichtet. In der gymnasialen Oberstufe, im Beruflichen Gymnasium und im Kolleg können sie stattdessen auch das Fach Philosophie wählen.