KI im Religionsunterricht – Chance oder Gefahr?

Schülerin spricht in Chat Bot im Smartphone
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Wer steht im Mittelpunkt: Mensch oder die Maschine?
Funktioniert das überhaupt?
KI im Religionsunterricht – Chance oder Gefahr?
Der Umgang mit Künstlicher Intelligenz ist ein allumfassendes Thema an deutschen Schulen. In der Praxis ist sie bereits kaum noch wegzudenken, auch im Religionsunterricht. Aber wie sieht ein guter und sinnvoller Umgang mit ihr aus? Und welche Gefahren gibt es zu beachten?

Künstliche Intelligenz hat den Schulalltag grundlegend verändert. Es gibt ein klares Davor und ein Danach. Die Veränderungen, die sie mitbringt, werden sowohl gefeiert als auch verteufelt. Besonders groß ist der Einfluss textbasierter Chatbots wie ChatGPT oder Gemini. Mit geringem Aufwand können Schüler:innen in sekundenschnelle Texte und Ausarbeitungen fabrizieren, die sie in eigenständiger Arbeit mehrere Stunden gekostet hätten. Viele Lehrkräfte wurden anfangs von der KI überrumpelt und müssen nun ihr Lehrkonzept überarbeiten. Doch auch genau darin liegen die Chancen und der Nutzen von ChatGPT und Co.

Inzwischen haben Schulen und Lehrer sich an die Existenz dieser Chatbots gewöhnt. Viele erkennen den Unterschied zwischen generiertem Text und eigens erbrachter Leistung. Es fällt auf, wenn Schüler:innen, die sonst Probleme haben im Unterricht mitzukommen, perfekte Ergebnisse liefern oder spezifische Fachwörter verwenden. In einem kurzen Gespräch lässt sich dann der tatsächliche Kenntnisstand feststellen. Das hält die Schüler:innen zwar nicht immer ab, es dennoch zu versuchen, aber schutzlos gegenüber der KI sind die Lehrkräfte nicht.

KI kann eine Art Lehrkraft für zuhause sein

Zumindest innerhalb des Klassenraums gibt es auch klare Regelungen und Kontrollmöglichkeiten. Zudem bieten Plattformen wie "fobizz" inzwischen zugeschnittene Inhalte für Schüler:innen und Lehrkräfte zur Unterrichtsvorbereitung oder das Arbeiten in einem digitalen Klassenraum. Die Schüler:innen können ihre Kenntnisse überprüfen, indem sie beispielsweise Dialoge mit Einstein oder Martin Luther führen.  

Im Religionsunterricht treffen Schüler:innen auf Fragen nach Sinn, Glauben, Ethik und Identität. KI kann dabei zunächst unterstützen: Sie liefert Hintergrundwissen zu religiösen Traditionen, erklärt biblische Texte oder stellt verschiedene ethische Positionen gegenüber. Gerade für die individuelle Förderung kann das hilfreich sein, etwa wenn Lernende auf unterschiedlichen Niveaus arbeiten oder sich eigenständig Themen erschließen sollen. Obwohl sie teilweise mit fehlerhaften Quellen arbeitet, kann Künstliche Intelligenz eine Art individueller Lehrkraft für zuhause sein, die immer zur Verfügung steht. 

Gleichzeitig liegt darin eine zentrale Gefahr. Anders als in vielen anderen Fächern geht es im Religionsunterricht nicht primär um richtige oder falsche Antworten, sondern um Fragen nach Gut und Böse, nach Gewissen, Verantwortung und persönlicher Überzeugung. Religionsunterricht lebt davon, dass Schüler:innen eigene Standpunkte entwickeln, Zweifel formulieren und im Austausch mit anderen zu einem reflektierten Urteil gelangen. Wenn KI diese Prozesse vorwegnimmt oder ersetzt, droht genau dieser Kern verloren zu gehen. Statt eigener Auseinandersetzung tritt dann die Übernahme vorgefertigter Antworten.

Die Rolle der Lehrkraft verändert sich

Ein sinnvoller Einsatz von KI im Religionsunterricht sollte daher genau an dieser Stelle ansetzen. Nicht als Ersatz für Denken und Diskussion, sondern als Werkzeug, das diese Prozesse anregt. So kann es etwa sinnvoll sein, KI-generierte Antworten kritisch zu analysieren, sie mit eigenen Überlegungen zu vergleichen oder gezielt nach blinden Flecken zu fragen. 

Für Lehrkräfte bedeutet das eine veränderte Rolle. Sie werden weniger zu reinen Wissensvermittlern, sondern stärker zu Moderatoren und Vermittlern von Lernprozessen. Die KI wird selbst zum Unterrichtsgegenstand: Wie entstehen Antworten? Welche Perspektiven fehlen? Und wie lässt sich zwischen plausibel klingenden und tatsächlich tragfähigen Argumenten unterscheiden? Auch der generelle Umgang mit KI ist ein Thema, das ethische Fragen aufwirft, die im Religionsunterricht behandelt werden können. Als Beispiel zu nennen wären das Verhältnis von Mensch und Maschine, das Entstehen und die Nutzung von Daten, sowie das Problem mit KI-generierten Fake-News.

In der Theorie bietet die KI also vielfältige Möglichkeiten, um den Wissenstransfer und das Interesse der Schüler:innen zu steigern. Die Praxis zeigt eine große Bandbreite. In der 2025er Ausgabe des "Loccumer Pelikan", einem Magazin herausgegeben vom religionspädagogischen Institut (RPI) Loccum, wurden Berichte von Forscher:innen, Lehrkräften, Eltern und Schüler:innen zum Thema KI aufgenommen. Diese zeigen unter anderem, dass die Meinung und das Nutzerverhalten der Eltern für die Schüler:innen eine wichtige Rolle spielen. Ebenso treten die Unterschiede von Gymnasium und Brennpunktschulen auch hier zutage. Wenn die Lehrkraft als Autoritätsperson nicht anerkannt wird, ist es schwer Regeln durchzusetzen. Große Klassen führen zu schlechteren Kontrollmöglichkeiten. Einig sind sich Lehrkräfte, Eltern und Schüler:innen darin, dass ein offener Umgang mit dem Thema notwendig ist. 

Während der Fokus bei der Debatte um KI-Nutzung oftmals auf den Schüler:innen liegt, haben Lehrkräfte im Schulalltag ebenso eine große Verantwortung. Erfahrungsberichte von Lehrkräften im "Loccumer Pelikan" zeigen: Wenn sie den Schüler:innen eine verantwortliche Handhabe mit KI zeigen können und auf ihre Probleme hinweisen, wird das in der Regel gut aufgenommen. So berichtet Lehrerin Kristina Hepper: "Grundsätzlich melden mir die Klassen zurück, dass sie oftmals noch neue Impulse und Sichtweisen für die Beantwortung des Frage-Impulses erhalten. Gerade was aktuellere Entwicklungen angeht, finden sie auch Fehler in der KI-Antwort, welche die Schülerinnen und Schüler zunächst ungläubig zurücklassen, da sie ja glauben, unmöglich klüger als eine KI sein zu können."

Gleichzeitig stehen auch die Lehrkräfte vor der Entscheidung, welchen Zweck KI für sie erfüllen soll. Und die Versuchung, mühsame Unterrichtsvorbereitung komplett der KI zu überlassen, wird noch verlockender, wenn man überarbeitet und gestresst ist. 

Papst Leo XIV. hat in seiner Enzyklika "Magnifica Humanitas" darauf hingewiesen, dass Künstliche Intelligenz nicht als moralisch neutral verstanden werden kann. Sie sei zwar ein "wertvolles Hilfsmittel", müsse aber zugleich "entwaffnet werden". Gemeint ist damit nicht die Technik an sich, sondern ihr unkontrollierter Einfluss auf gesellschaftliche und ethische Entscheidungsprozesse.

Übertragen auf den Religionsunterricht bedeutet das: Wenn Schüler:innen mit KI arbeiten, greifen sie nicht auf eine neutrale Instanz zurück. Die Antworten, die sie erhalten, sind geprägt von Daten, Programmierung und impliziten Wertentscheidungen. Untersuchungen des Theologen und Religionspädagogen Mariusz Chrostowski zeigen unter anderem, dass Chatbots nationale Stereotype reproduzieren und diese oft unkritisch von Schüler:innen übernommen werden.

Der Religionsunterricht spiegelt damit die grundlegende Herausforderung des Schulsystems mit Künstlicher Intelligenz wider. KI kann Lernen erleichtern, aber sie sollte nicht die persönliche Auseinandersetzung ersetzen. Wenn der Mensch die Beurteilung von Gut und Böse, von richtig und falsch – das Denken an sich – an die KI übergibt, lässt er sich von ihr lenken. Deshalb kommt es darauf an, ihren Einsatz bewusst zu gestalten. Gerade der Religionsunterricht erinnert daran, dass Bildung mehr ist als Wissensvermittlung. Im Mittelpunkt steht der Mensch – nicht die Maschine.