Pater Grün und Pfarrer Hänsel auf der Spur der Sehnsucht

Anselm Grün und Günter Hänsel
Julia Martin / Abtei Münsterschwarzach
Pfarrer Günter Hänsel (l.) ist 32 Jahre alt, Pater Anselm Grün ist 81: Mit ihren Gedanken verbinden sie auch Generationen im Glauben.
Spirituelle Gedanken
Pater Grün und Pfarrer Hänsel auf der Spur der Sehnsucht
Für Anselm Grün und Günter Hänsel gehört die Sehnsucht zum Menschen. Für sie liegt in der Sehnsucht eine Spur Gottes. Der Sehnsucht auf der Spur zu bleiben, ist für sie auch ein spiritueller Weg und kann jungen Menschen Halt und Orientierung geben.

Oft ist es die Sehnsucht, die am Anfang steht. Manchmal lässt sie sich nicht klar bestimmen oder näher fassen. Es ist ein Sehnen nach etwas, das unbestimmt bleibt. Eine Sehnsucht, die über diese Welt hinausgeht oder einer Tür gleicht, durch die wir hindurchgehen können. In der Sehnsucht spüren wir auch, dass etwas verschüttet oder verloren gegangen ist. Manchmal geht mit der Sehnsucht Unruhe einher, eine unruhige Lebendigkeit. Unruhe, die auch Momente der Traurigkeit und Trauer kennt, einer ungestillten Sehnsucht.

Die Sehnsucht ist es, die uns als Menschen lebendig hält. Sie lässt uns suchen, fragen und aufbrechen. Wenn wir in den weiten und offenen Himmel blicken, wird unsere Sehnsucht nach Weite und dem Unbekannten geweckt. Durch die Wolken hindurch tut sich manchmal ein Fenster zum Himmel auf. In den Versen drückt es die evangelische Theologin Dorothee Sölle so aus:
"Wir brauchen licht
um denken zu können
wir brauchen luft
um atmen zu können
wir brauchen ein fenster
zum himmel" 

Das "Fenster zum Himmel" steht für Unbegrenztes, für Verbundenheit, für die Schönheit der Erde, für die Sehnsucht nach Gottesspuren. Wir sind davon überzeugt, dass es auch in unseren Tagen eine Sehnsucht nach Halt, Vergewisserung und geistlicher Tiefe gibt.

Der Kirchenhistoriker Volker Leppin, Professor an der Universität Yale, hat ein neues Buch mit dem Titel "Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung. Vom Mittelalter bis zur Aufklärung." veröffentlicht. Leppin trauert nicht der Zeit vor der Aufklärung nach, möchte auch nicht hinter ihr zurück oder blendet Gewalt und Unterdrückung aus. Das vormoderne Europa ist unauflöslich Teil der Geschichte des modernen Europas. Kritisch beleuchtet Leppin auch die einfache Erzählung der Überlegenheit der Moderne gegenüber der Vormoderne. Sich darauf einzulassen, bedeutet auch sich von Überlegenheit zu verabschieden.

Einst war Gott überall

Es geht ihm darum, in der Vormoderne Impulse für unsere Gegenwart zu finden, die von der Aufklärung verdrängt wurden. Für das vormoderne Christentum war Gott überall: in der Natur, im Menschen, in Gegenständen, an heiligen Orten. Die Menschen blickten selbstverständlich mit einem Bewusstsein der Gottesgegenwart auf die Welt.

Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst meint Volker Leppin: "In unserem heutigen säkularen, entzauberten Bewusstsein haben wir Gott überwiegend aus unserer Welt verdrängt. Er ist noch irgendwo ganz weit weg im Himmel. Für Menschen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war Gott hingegen ungemein präsent. Der ‚Zauber‘ bestand darin, dass diese Welt nicht einfach nur aus Zahlen, Daten, Chemie oder Physik besteht, sondern dass sie Gott widerspiegelt."  Volker Leppin kommt zu dem Schluss: "Für die moderne Welt bleibt es dabei: Gott ist nicht da.

Diese entzauberte Welt aber ist nach wie vor dieselbe, über die man sagen konnte: Gott ist überall. Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte – eine Mitte zwischen beidem kann es nicht geben. Aber der Blick, der nichts von Gott sieht, kann von dem lernen, der ihn überall sieht. Und so lernen, wie begrenzt jeder Blick ist. Der damals wie der heute."  Volker Leppin legt mit diesem Buch nicht nur ein beeindruckendes kirchenhistorisches Werk vor, sondern öffnet neu für das Gespür und die Sehnsucht für Gottes Gegenwart. Es braucht Orte und Zeiten, wo die Offenheit für Gottesspuren zu Hause ist. Im gemeinsamen Suchen und einer inneren Offenheit kann sich etwas öffnen: Die Sehnsucht nach dem Geheimnis des Lebens, das Gott ist.

In kleinen Momenten Gottes Gegenwart spüren 

Die Sehnsucht Gottes nach dem Menschen steht am Anfang. Gott hat den Menschen ins Dasein gerufen und ihn bei seinem Namen gerufen. In der Sehnsucht Gottes nach dem Menschen steht ein Versprechen: Da ist eine Verbindung, zu Gott, die trägt und die hinter allem steht. Diese Ahnung lässt sich nicht erarbeiten. Sie ist unverfügbar und widerfährt einen. Zeiten der Gewissheit und des Zweifelns gehören dazu. Gott ist immer zugleich der Nahe und Verborgene. Es sind oft kleine Momente, die uns Gottes Gegenwart erahnen lassen: die Schönheit der Natur, Momente der Stille und tröstende Musik. Viele Menschen beklagen sich darüber, dass sie Gott nicht spüren. Doch die Sehnsucht können sie spüren. Die Sehnsucht ist die Spur, die Gott in unser Herz gegraben hat. In der Sehnsucht nach Gott ist Gott schon erfahrbar.

Für den heiligen Augustinus ist das Beten vor allem der Weg, uns mit unserer Sehnsucht in Berührung zu bringen. Wir beten nicht, damit Gott unsere Bitten erfüllt, sondern wir beten, damit in uns die Sehnsucht nach Gott geweckt und wach gehalten wird. Die frühen Mönche wollten die Aufforderung des heiligen Paulus erfüllen: "Betet ohne Unterlass!" (1 Thess 5,17) Augustinus meint nun, wir können unmöglich ständig Worte des Gebetes sprechen: "Wenn du das Beten nicht unterbrechen willst, dann unterbrich nicht das Sehnen. Deine ununterbrochene Sehnsucht ist deine ununterbrochene Gebetsstimme." Die Psalmen sind für Augustinus Lieder der Sehnsucht, die wir hier in der Fremde singen, um uns nach unserer Heimat zu sehnen und sie in der Sehnsucht schon wahrzunehmen.

Zukunftskraft der Mystik

Mutig neu für Gottesspuren zu öffnen, das könnte die Zukunftskraft der Mystik sein. In 1960er-Jahren in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils hat der katholische Theologe Karl Rahner die Bedeutung der Mystik hervorgehoben: "Der Fromme von morgen wird ein ¸Mystiker‘ sein, einer, der etwas ¸erfahren‘ hat, oder er wird nicht mehr sein, weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch die im voraus zu einer personalen Erfahrung und Entscheidung einstimmige, selbstverständliche öffentliche Überzeugung und religiöse Sitte aller mitgetragen wird, die bisher übliche religiöse Erziehung also nur noch eine sehr sekundäre Dressur für das religiös Institutionelle sein kann."  Karl Rahners Worte wirken so, als hätte er sie in unserer Zeit geschrieben.

Karl Rahner versteht Theologie immer als Ausdruck einer Erfahrung. Und Mystik bedeutet für ihn wesentlich: Gott erfahren. Es geht nicht um irgendwelche Theorien, sondern darum, die Erfahrung, die wir mit Gott machen, angemessen auszudrücken, so zur Sprache zu bringen, dass andere mit den eigenen Erfahrungen in Berührung kommen, die sie von Gott gemacht haben und immer wieder machen. Rahner will seine Leser und Leserinnen nicht belehren, sondern sie einführen in die Erfahrung Gottes. Und er ist überzeugt, dass jeder in der Tiefe seines Herzens etwas von Gott schon erfahren hat.

Ähnlich wie Dorothee Sölle, für die die Mystik immer auch eine politische Dimension hat, spricht der katholische Theologe Johann Baptist Metz von der Mystik der offenen Augen, von einer Mystik, die auf die Probleme der Welt schaut und trotz aller scheinbaren Gottesferne Gottes Wirken in allem Geschehen erkennt.

Junge Menschen blicken mit Sorge in die Zukunft

Viele junge Menschen blicken angesichts der vielfältigen Krisen mit Sorge in die Zukunft: kriegerische Auseinandersetzungen, Wohnungsknappheit, Klimawandel und soziale Unsicherheit. Unter ihnen gibt es deshalb eine Sehnsucht nach Halt, nach Verwurzelung und Orientierung. Junge Menschen dabei zu begleiten und zu unterstützen, Gottes Spuren zu entdecken, ist wichtig. In Zeiten der Stille und Ruhe, der Gemeinschaft und des gemeinsamen Nachdenkens, kann die Gewissheit wachsen: Mein Leben ist wertvoll. Gott hat mir dieses Leben geschenkt und begleitet mich. Er hat mich mit einer Aufgabe in diese Welt gestellt und ich grabe meine persönliche Lebensspur ein. Das kann Hoffnung und Sinn geben.

Junge Menschen brauchen heute die Ermutigung mit ihrer Sehnsucht in Verbindung zu sein und sie zu spüren. Junge Menschen sehnen sich auch nach Freiheit, nach Liebe, nach Verbundenheit, nach Sinn. Es geht darum, so von Gott zu sprechen, dass ihre konkreten Sehnsüchte angesprochen werden. Gott ist nicht nur der Gott, dem wir in der Schönheit der Natur begegnen, sondern er ist auch in uns. Auf dem Grund unserer Seele ist ein heiliger Raum, in dem Gott in uns wohnt. Viele sagen: Ich spüre weder den heiligen Raum noch Gott. Doch wenn wir uns vorstellen: Jenseits aller Gedanken und Emotionen ist auf dem Grund meiner Seele ein Raum der Stille, in dem ich frei bin von den Erwartungen und Bewertungen der Menschen, in dem ich ganz ich selber bin, frei von dem Druck, mich darstellen, mich beweisen, mich rechtfertigen, mich selbst optimieren zu müssen, in dem ich verbunden bin mit Gott, mit der Natur und mit den Menschen, dann spüren die Menschen die Sehnsucht nach diesem heiligen Raum der Stille, in dem Gott in ihnen wohnt.

In der Sehnsucht spüren sie schon etwas von dem, wonach sie sich sehnen. Das Fenster zum Himmel drückt eine Sehnsucht aus: Da ist mehr. Da ist Weite, Frieden, Hoffnung und vielleicht Erfüllung.