"In Corona-Zeiten wollen die Menschen Seelsorge und Orientierung"

Polizeipfarrer in Corona Pandemie sind unter schweren Belastungen im Amt

©imago/Lars Berg

Menschen suchen in der Krise Seelsorge und Orientierung - auch bei der Polizeiseelsorge. Doch auch Polizeipfarrer sehen sich angesichts zunehmender Belastungen für Beamte in Corona-Zeiten neuen Konflikten ausgesetzt.

"In Corona-Zeiten wollen die Menschen Seelsorge und Orientierung"
Bayerischer Oberkirchenrat Blumtritt im Gespräch
In der bayerischen Landeskirche ist Oberkirchenrat Stefan Blumtritt für "gesellschaftliche Dienste" zuständig, mit besonderen Formen der Seelsorge sowie dem Schulbereich. Im Gespräch erläutert der evangelische Theologe die Bedeutung der Polizeipfarrer angesichts zunehmender Belastungen für Beamte und die schwierige Lage der Altenheimseelsorge in Corona-Zeiten. Zudem sieht er eine wachsende Wertschätzung für den konfessionellen Religionsunterricht. Menschen, so sein Fazit, wollen in der Krise Seelsorge und Orientierung.

epd: Die Polizei sieht sich inmitten einer kritischen Debatte, die Polizisten selbst klagen über Anfeindungen und wachsende Belastungen. Zu Ihrem breitgefächerten Verantwortungsbereich gehört auch die Polizeiseelsorge. Was kann sie in dieser angespannten Situation tun?

Stefan Blumtritt: Die Polizei ist wie auch die Kirche ein Teil der Gesellschaft und damit ein repräsentativer Querschnitt mit allen Strömungen, Denkmustern, Ideologien und Aversionen, die es auch in der Gesellschaft gibt. Die Polizeiseelsorge, gewünscht und beauftragt vom Staat, berät, begleitet und unterstützt die Beamtinnen und Beamten, gerade auch bei schwierigen Einsätzen. Die Polizeiseelsorgerinnen und Polizeiseelsorger geben den berufsethischen Unterricht, in dem die zentralen Probleme angesprochen werden, auf die die Polizisten auch in ihrem Dienst stoßen. Außerdem stehen die Pfarrer den Beamten für individuelle Seelsorge zur Verfügung. Diese umfassende seelsorgerliche Begleitung wird angesichts der wachsenden Belastungen der Polizistinnen immer wichtiger.

Wie sehen diese zunehmenden Belastungen aus und was lässt sich dagegen tun?

Blumtritt: Die Polarisierung in der Gesellschaft hat zugenommen, das spüren die Polizisten beispielsweise bei Demonstrationen. In meinen früheren beruflichen Stationen war ich mit der Polizei bei Demonstrationen dabei, aus Aggression ist inzwischen blanker Hass geworden. Eine zunehmende Belastung ist, dass die Polizisten die staatlichen Corona-Maßnahmen durchsetzen müssen, was zu neuen Konflikten führt. Aus beruflichen Erfahrungen weiß ich, dass die Polizeibeamten und -beamtinnen sehr bereit sind, ihre Aufgaben gut und im Sinne ihres rechtlichen Auftrags zu erfüllen, besonders, wenn sie das Gefühl haben, sie bekommen Rückendeckung aus der Gesellschaft, von Politik und auch der Kirche. Denn es muss bei aller Kritik am Verhalten von Polizeibeamten und -beamtinnen klar sein, dass die Polizei für den Rechtsstaat und das demokratische System einsteht. Wegen der grundlegenden Prinzipien von Demonstrationsrecht und Meinungsfreiheit müssen Polizisten und Polizistinnen auch Kundgebungen schützen, deren inhaltliche Anliegen sie persönlich ablehnen. Sie garantieren dadurch aber den Rechtsstaat.

In Dessau bietet die vermutlich erste Polizeikirche Deutschlands vor allem Polizeibeamten als Stätte der Begegnung und Besinnung Halt. Zudem soll die Kirche offenstehen für Gedenken an im Dienst verstorbene Beamte (Archivbild).

 

Von Corona sind neben der Polizei auch die kirchlichen Dienste betroffen, die sich um die Menschen in den Altenheimen kümmern.

Blumtritt: Unsere Altenheimseelsorge hat alles nur Mögliche getan, um ältere Menschen weiterhin zu begleiten. Allerdings war ihre Situation extrem schwierig. Denn wegen der staatlichen Schutzbestimmungen konnten unsere Leute längere Zeit nicht in die Senioren- und Pflegeheime gehen. Als Kirche sind wir dem Schutz des Lebens - auch vor Corona - in ganz besonderer Weise verpflichtet, stehen also auch unter einer stärkeren Beobachtung mit dem, was wir wie tun. Erschwerend kam noch hinzu, dass die verschiedenen Träger der Altenheime völlig unterschiedlich reagiert haben: Während in ein und derselben Stadt die einen Einrichtungen einen sehr rigiden Kurs gefahren sind, haben die anderen Kontaktmöglichkeiten zugelassen. Diese Ungleichbehandlung schafft natürlich Verwirrung und führt zu Unmut. Deshalb ist es unser großes Anliegen, dass in Zukunft in derartigen Fällen der Zugang von Seelsorgern in Altenheimen einheitlich geregelt wird. 

Es gab aber auch die allgemeine Kritik, dass die Kirche in Corona-Zeiten eher abgetaucht ist?

Blumtritt: Natürlich hat uns Corona am Anfang wie ein Schlag ganz massiv getroffen. Allerdings haben sich dann viele Gemeinden und Pfarrerinnen und Pfarrer blitzschnell auf die Situation eingestellt und haben alles getan, was möglich war - Zaungespräche, Postkartenaktionen, persönliche Besuche, Telefonketten, Seelsorgegespräche und vieles mehr. Deshalb trifft dieser Vorwurf nicht zu. Wer allerdings ein spektakuläres Kirchenwort zu Corona erwartet hatte, das alle Probleme auf einen Schlag löst, ist natürlich enttäuscht.

Lässt sich schon absehen, wie Corona die Kirche verändert hat?

Blumtritt: Für eine Großorganisation überraschend schnell hat die Kirche die Digitalisierung vorangetrieben und neue Kommunikationswege gefunden, nicht nur in Seelsorge und Verkündigung, sondern auch in der Verwaltung. Innerhalb von 14 Tagen waren überall Homeoffice-Arbeitsplätze eingerichtet. Für die bereits angestoßenen Reformprozesse war Corona ein Turbokatalysator. Statt auf die Entscheidungen einer obersten Dienstbehörde warten zu müssen, können die Fachleute vor Ort direkt über Stellenzuschnitte oder Einsatz von Personal bestimmen. Im Lockdown ist vor allem sehr deutlich geworden, dass es in der Gesellschaft einen ganz großen Bedarf an Orientierung, an kirchlicher Seelsorge gibt. Das war früher in diesem Ausmaß nicht spürbar.

Gilt das auch für den konfessionellen Religionsunterricht, in dem existenzielle Fragen im Mittelpunkt stehen?

Blumtritt: Ganz klar. Dieser Unterricht hat durch Corona eine neue Wertschätzung erfahren. Denn in ihm werden so grundsätzliche Fragen wie Einsamkeit, Gemeinschaft, Liebe, Hoffnung oder Tod und Trauer behandelt, die gerade für Kinder und Jugendliche in diesen Zeiten wichtig sind. Die Kehrseite ist allerdings, dass dieser Unterricht, der auf Austausch, persönlichem Gespräch und diskursivem Erarbeiten der Themen beruht, durch den Lockdown außergewöhnlich beeinträchtigt war, weil eben kein Präsenzunterricht möglich war.

Wie haben die Lehrkräfte auf diese Situation reagiert?

"Ein Quantensprung ist jetzt schon das neue digitale Schulbuch für den Religionsunterricht."

Blumtritt: Zuerst gab es bei vielen natürlich Verunsicherung. Doch sehr schnell haben die Lehrkräfte digitale Möglichkeiten erschlossen, technische Ausstattung herbeigeschafft und tolle Projekte auf die Schiene gesetzt: In Nürnberg wurde beispielsweise ein Konzept für den digitalen Religionsunterricht mit Stundenentwürfen und Zoom-Konferenzen erarbeitet und online gestellt, das Religionspädagogische Zentrum hat schnell ein Beratungstelefon geschaltet und Materialien entwickelt. Ein Quantensprung ist jetzt schon das neue digitale Schulbuch für den Religionsunterricht. Klar ist aber auch, dass der Religionsunterricht in die Gesamtsituation an den Schulen eingebaut ist mit allen Problemen der Digitalisierung. Es reicht nicht, wenn man unter digitalem Unterricht lediglich neue Ausspielkanäle sieht, oder dass die Lehrkraft ein womöglich handschriftlich verfasstes Arbeitsblatt ins Netz stellt, die Schüler das ausfüllen, abfotografieren und digital zurückschicken. Der digitale Schub in der Schule muss viel umfassender sein - animierte Formate, didaktisch-pädagogische Konzepte, Filme und ganz neue Formen der Interaktion zwischen Lehrern und Schülern. Davon wird dann ganz besonders der Religionsunterricht profitieren, der ja auf Diskurs - vor allem auch unter den Schülern - angelegt ist.

Aber es gab doch bereits eine ganze Reihe von Versuchen, den Religionsunterricht attraktiver und zukunftsfähig zu machen.

Blumtritt: Wir haben umfassende Konzepte entwickelt, die bereits ihre Praxistauglichkeit bewiesen haben. Mit dem breitangelegten Projekt RU 2026 haben wir die Situation ausgewertet und Standards für die Qualität und die Organisation dieses Unterrichts geschaffen. Jetzt geht es darum, zukunftsweisende Modelle zu entwickeln, wie der Religionsunterricht auch in 15 Jahren funktionieren kann - womöglich unter veränderten gesellschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen. Wir brauchen da einen langen Vorlauf, weil die konzeptionellen Weiterentwicklungen und die staatlichen Genehmigungsverfahren ihre Zeit benötigen. Ein erster Schritt auf diesem Weg ist das Projekt "Konfessioneller Religionsunterricht mit erweiterter Kooperation" in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche. Dieses Projekt wird wegen Corona um ein Jahr verlängert. Bei den Schulen kommt diese Unterrichtsform nach unseren bisherigen Erfahrungen jedenfalls an.

Wie sehen Sie einen islamischen Religionsunterricht?

Blumtritt: Es steht mir überhaupt nicht zu, anderen Konfessionen oder Religionen Ratschläge zu geben, wie sie einen konfessionellen Religionsunterricht einführen und gestalten sollen. Allerdings würde ich den Islamunterricht nicht in unser Konfessionsmodell aufnehmen wollen. Das wäre eine Ausweitung zu einer Art religionskundlichem Werteunterricht. Unser Auftrag als Kirche ist jedoch, den Schülerinnen und Schülern Orientierung auf christlicher Grundlage zu geben. Dadurch werden sie auch befähigt, von einem festen Standpunkt aus einen qualifizierten interreligiösen Dialog zu führen, der in unserer multireligiösen Gesellschaft immer wichtiger wird.

Der Religionsunterricht, wie auch immer organisiert, ist aber nur ein Teilbereich für kirchliche Bildungsarbeit.

Blumtritt: Die Bildung ist für die evangelische Kirche schon von ihrer Tradition her ein umfassender Begriff. Wir verstehen Bildung als Lebens- und Biografiebegleitung in allen Situationen und Phasen - von der Kita über die Schule und Familie bis hin zur Erwachsenenbildung und Angeboten für Senioren. Dieser Bildungsansatz, der ja nicht kommerziell ausgerichtet ist oder der Leistungsoptimierung dient, trägt dazu bei, dass sich die Menschen in einer immer komplexeren Welt zurechtfinden können. Der Strategieprozess zu diesem Bildungskonzept ist fast abgeschlossen. 

Wie sehen die Auswirkungen dieses Prozesses aus?

"Die Kirche macht oft eine hervorragende Arbeit, davon dringt aber zu wenig nach außen. Wir müssen also unsere Kommunikation verbessern."

Blumtritt: Es kommt beispielsweise zu Fusionen von Bildungswerken vor allem in der Region, sie sollen immer mehr zu Kommunikationsplattformen für gesellschaftliche Fragestellungen werden, als Grundthemen kristallisieren sich für mich Seelsorge, Öffentlichkeitsarbeit und Medien heraus. Die Kirche macht oft eine hervorragende Arbeit, davon dringt aber zu wenig nach außen. Wir müssen also unsere Kommunikation verbessern, und zwar auch im Zusammenspiel zwischen Öffentlichkeitsarbeit und dem ebenfalls unverzichtbaren unabhängigen kirchlichen Journalismus, wie er etwa im Evangelischen Presseverband gebündelt ist. Ein Schwerpunkt muss natürlich angesichts der problematischen Entwicklungen im Netz die Medienpädagogik sein.

Welche Auswirkungen wird die Corona-Krise auf kirchliche Bildungseinrichtungen haben, werden Tagungshäuser auf der Strecke bleiben?

Blumtritt: Diese Gefahr sehe ich derzeit so nicht, auch für die Bildungshäuser greift der kirchliche Corona-Nothilfefonds. Ob es zu Schließungen von Einrichtungen kommen muss, lässt sich frühestens in zwei Jahren sagen. Es geht aber gar nicht in erster Linie um ein wirtschaftliches Problem, sondern um neue Anforderungsprofile und Formate während und nach Corona. In unserem Bildungskonzept müssen wir deshalb überlegen, welche klar profilierten Aufträge und Anforderungen diese Häuser umsetzen sollen. Die Mitarbeitenden in den Bildungshäusern - von der Hauswirtschaft über die pädagogischen Kräfte bis hin zu den Leitungen - sind jedenfalls mit einem geradezu brennenden Feuereifer dabei, die Corona-Zeit zu überbrücken und neue, digitale Angebote auf die Beine zu stellen.

Die vielen kirchlichen Reformprozesse und die Konzentration auf Corona scheinen das Megathema Klima und Klimaschutz und das kirchliche Umweltprogramm "Grüner Gockel" völlig in den Hintergrund gedrängt zu haben.

Blumtritt: Diese Einschätzung kann ich überhaupt nicht teilen, in den Gemeinden wird nicht "Der Hahn ist tot" angestimmt. Ganz im Gegenteil, den Lockdown, in dem viele Aktivitäten nicht stattfinden konnten, haben viele Gemeinden genutzt, sich dem Programm "Grüner Gockel" anzuschließen und sich zu überlegen, wie sie in ihrem Bereich nachhaltig wirtschaften können. Der Klimaschutz wird immer ein zentrales Thema für die Kirche bleiben, weil es da um nicht weniger als die Bewahrung der Schöpfung geht.

In Bayern kümmern sich jeweils zwei hauptamtliche katholische und evangelische Polizeipfarrer zusammen mit rund 30 weiteren beauftragten Seelsorgern um 40.000 Polizisten und Polizistinnen. Die Polizeipfarrer geben berufsethischen Unterricht, führen Fortbildungen durch, begleiten die Polizisten bei schwierigen Einsätzen und stehen ihnen für seelsorgerliche Gespräche zur Verfügung. Da diese Pfarrer und Pfarrerinnen nicht in die polizeiliche Hierarchie eingebunden sind, können sich ihnen die Beamte auch mit persönlichen Sorgen und Nöten anvertrauen. Die Polizeiseelsorge wurde 1920 auf Bestreben der katholischen Frauenrechtlerin und Politikerin Ellen Ammann gegründet - zunächst mit einem hauptamtlichen katholischen Seelsorger.