Bischöfe rufen nach Moria-Brand zu aktiver Hilfe für Flüchtlinge auf

Feuer in Moria

©Getty Images/Angelos Tzortzinis

Eine Gruppe verläßt das Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos, nachdem am 9.9.2020 ein Großbrand ausgebrochen war.

Bischöfe rufen nach Moria-Brand zu aktiver Hilfe für Flüchtlinge auf
Nach dem verheerenden Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria verlieren die beiden großen Kirchen ihre Geduld mit der europäischen Flüchtlingspolitik. "Es muss endlich gehandelt werden", heißt es etwa in einem eindringlichen Appell der EKD.
09.09.2020
epd/evangelisch.de

Die Kirchen dringen nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos auf eine europäische Lösung für die Verteilung der Schutzsuchenden auf aufnahmebereite Länder. Die Leitenden Geistlichen der 20 Mitgliedskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) riefen am Mittwoch in einer an die deutsche Ratspräsidentschaft und den Bundesinnenminister gerichteten Erklärung dazu auf, die Angebote von deutschen Bundesländern und Kommunen anzunehmen, Geflüchtete aus den griechischen Lagern aufzunehmen. Eine gemeinsame Erklärung der Leitenden EKD-Geistlichen hatte es den Angaben zufolge zuletzt 2015 gegeben.

In der Nacht zum Mittwoch hatte ein Feuer große Teile des mit mehr als 12.000 Menschen völlig überfüllten Lagers auf Lesbos verwüstet. Wie die offenbar mehreren Brände entstanden, war zunächst unklar. Tausende Menschen brachten sich nach Informationen der Hilfsorganisation medico international vor den Flammen in Sicherheit und irren nun über die Insel. Berichte über Verletzte oder Tote lagen zunächst nicht vor.

Ein Feuer fegte durch Griechenlands größtes Flüchtlingslager, das wegen Covid-19 unter Quarantäne gestellt worden war.

"Akt von kollektiver Verantwortung" gefordert

Der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, erklärte auf Twitter: "Wir dürfen die Augen nicht länger vor dem Leid unserer Mitmenschen verschließen. Ihnen jetzt zu helfen und sie aufzunehmen ist unsere Pflicht - und daran wird sich die Menschlichkeit Europas messen lassen müssen." Die katholische Laienbewegung Sant'Egidio erklärte am Mittwoch, wenn "Europa noch auf der Höhe seiner Traditionen von Zivilisation und Menschlichkeit sein will, muss es sich in einem Akt von kollektiver Verantwortung um dieses Problem kümmern."

Der katholische Flüchtlingsbischof Stefan Heße sagte: "In die Betroffenheit über das Elend der Schutzsuchenden mischt sich die Bestürzung über das politische Versagen." Man müsse es wohl so offen sagen: "Es handelt sich um eine Katastrophe mit Ansage", erklärte der Vorsitzende der Migrationskommission und Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. 

Bedford-Strohm: "Sofort und dauerhaft" helfen

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm erklärte: "Mit diesem Appell wollen wir an die auf erschreckende Weise deutlich gewordene Dringlichkeit erinnern, den Geflüchteten, die in den Lagern unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, sofort und dauerhaft zu helfen." In ihrem Appell mahnen die Leitenden Geistlichen der evangelischen Landeskirchen, sie seien "erschüttert über das Leid, das erneut über die schutzsuchenden Menschen gekommen ist, und entsetzt, dass es der Europäischen Union trotz vielfacher Warnungen nicht gelungen ist, diese Eskalation der menschenunwürdigen Situation in dem Lager zu verhindern". Es müsse "endlich gehandelt werden".

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, ist bestürzt über die Situation im Flüchtlingslager Moria.

Der evangelische Migrationsexperte Manfred Rekowski forderte, nach dem Brand in Moria ein Zeichen für eine europäische Aufnahme Geflüchteter zu setzen. Ein abgestimmtes europäisches Handeln bei der Aufnahme von Geflüchteten sei "dringend notwendig, ja überfällig", sagte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Die Gemeinschaft Sant'Egidio rief alle Länder der Europäischen Union auf, unverzüglich die Flüchtlinge aufzunehmen, die beim Brand im Lager Moria alles verloren haben: "Es sind Asylbewerber, die seit Monaten oder teilweise seit Jahren unter extrem prekären Umständen leben, nachdem sie lange und sehr gefährliche Reisen auf der Flucht vor Krieg oder unerträglichen Zuständen zurückgelegt haben; die große Mehrheit stammt aus Afghanistan." Es seien überwiegend Familien. Insgesamt handele es sich um ungefähr 13.000 Personen und davon 40 Prozent Minderjährige. 

Medienberichten zufolge standen in der Nacht auch Wohncontainer in Flammen, weshalb die Behörden das Lager evakuierten.

Die kirchlichen Hilfswerke Diakonie und Caritas forderten eine sofortige Evakuierung der geschwächten Menschen. "Diese katastrophale Lage duldet keinen Aufschub", betonte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. Caritas International kündigte für die Versorgung in Moria 50.000 Euro Soforthilfe an. 

In der Nacht zum Mittwoch hatte ein Feuer große Teile des mit mehr als 12.000 Menschen völlig überfüllten Lagers auf der griechischen Insel Lesbos verwüstet. Wie die offenbar mehreren Brände entstanden, war zunächst unklar. Tausende Menschen brachten sich nach Informationen der Hilfsorganisation medico international vor den Flammen in Sicherheit und irren nun über die Insel. Berichte über Verletzte oder Tote lagen zunächst nicht vor.

Flüchtlingslager Moria:

Moria auf der Insel Lesbos ist mit mehr als 12.000 Bewohnern das größte griechische Flüchtlingslager. In den vergangenen Jahren kam es bei Protesten gegen die Lebensbedingungen in den überfüllten Zelten immer wieder zu Bränden. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) setzte die Zusammenarbeit mit den Behörden beim Transport geretteter Flüchtlinge vom Hafen zum EU-Hotspot-Lager Moria wegen der Missachtung von Mindeststandards zweitweise aus.

Aufgrund der geografischen Lage der Insel in der nördlichen Ägäis vor der türkischen Küste ist Lesbos seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 das Ziel von Booten, die in den ersten Morgenstunden übersetzen. In den vergangenen Monaten soll die griechische Küstenwache einige der Boote in türkische Gewässer abgedrängt haben. Nichtregierungsorganisationen warfen den griechischen Behörden daraufhin illegale Zurückweisung von Flüchtlingen auf See vor.