Corona-Pandemie stürzt US-Kirchen in eine Existenzkrise

USA Kirche in Corona-Krise

© Paul Ratje/AFP/Getty Images

Die Kirchengemeinden in den USA finanzieren sich aus Kollekten und Spenden. Da aufgrund der Corona-Pandemie keine Gottesdienste stattfinden, wird das Geld in den Gemeinden knapp.

Corona-Pandemie stürzt US-Kirchen in eine Existenzkrise
Die rund 350.000 Kirchengemeinden in den USA finanzieren sich aus Kollekten und Spenden. Beinahe alle Gottesdienste finden wegen der Corona-Pandemie vorläufig nur online statt. 33 Millionen US-Amerikaner haben ihre Jobs verloren. Das Geld in den Gemeinden wird deshalb knapp.

Der Nationale Verband der Evangelikalen berichtete Mitte April, dass zwei Drittel der befragten Kirchen Einnahmen verloren hätten. Beinahe die Hälfte der protestantischen Pastoren sprachen bei einer Erhebung des evangelikalen Instituts "Barna Group" Ende März von einem deutlichen Spendenrückgang. Der Verzicht auf Gottesdienste sei ein "riesiges finanzielles Problem für unsere Kirchen", sagt die evangelisch-methodistische Bischöfin Cynthia Fierro Harvey im Informationsdienst ihrer Kirche.

"House of Hope", eine evangelikale Megakirche in Atlanta, verzeichnet nach Angaben ihres Pastors Dewey Smith einen Rückgang um 20 Prozent. Bei Krisen kämen Menschen normalerweise zu den Kirchen mit der Bitte um Hilfe, sagt Smith der Zeitung "The Atlanta Journal-Constitution". Zum ersten Mal sehe er jedoch, dass es die "Kirchen mit der Angst zu tun bekommen", vor allem weil sie Verpflichtungen haben oder Hypotheken bezahlen müssen.

"Manche Kirchen werden verschwinden"

Von den finanziellen Einbrüchen am härtesten betroffen seien die Gemeinden mittlerer Größe, sagt der baptistische Pastor Bill Wilson, Direktor der in North Carolina ansässigen Beratergruppe "Center for Healthy Churches". Kleine Gemeinden hätten oft keinen angestellten Pastor und kaum feste Ausgaben. Kirchen mit hundert Mitgliedern und mehr hingegen müssten Gehälter für Pastoren und Mitarbeiter zahlen. Diese regelmäßigen Zahlungen machten rund 50 Prozent der Auslagen aus. Die meisten Gemeinden verfügten zudem über keine nennenswerten Rücklagen.

Etwa ein Viertel bis ein Drittel der US-Gemeinden müssten sich jetzt ernsthaft fragen, ob und wie sie überleben, sagt Wilson dem Evangelischen Pressedienst: "Manche Kirchen werden verschwinden", sagt er. Dabei gehe es nicht allein um die Schwierigkeiten der Pandemie. Viele protestantischen Gemeinden haben seit Jahrzehnten Mitglieder verloren. Am meisten spendeten Mitglieder im Alter von über 60 Jahren.

Impulse für die Zukunft

Kirchen dürfen bei einem staatlichen Corona-Rettungspaket mitmachen, das Arbeitgebern vorübergehend bei der Lohnfortzahlung hilft. Die Regierung gewährt Darlehen, die unter bestimmten Umständen nicht zurückgezahlt werden müssen. Tausende Kirchen haben bereits Anträge gestellt - trotz der in protestantischen US-Kirchen verbreiteten Haltung, Kirche und Staat müssten getrennt sein. Der Missionsverband der anglikanischen Episkopalkirche hat ein Darlehen von drei Millionen US-Dollar beantragt, weil man mit reduzierten Zahlungen von Gemeinden rechnet.

Doch viele Kirchenvertreter bleiben optimistisch: Jetzt sei zu erleben, dass Kirche mehr sei als das Kirchengebäude, sagt Wilson. Man mache zudem die Erfahrung, dass sich schwerfällige Gemeinden außerordentlich schnell umstellen können. Vor der Krise hätten nur etwa 40 Prozent der Gemeinden eine aktive Präsenz im Internet gehabt. Inzwischen seien es über 90 Prozent.

Möglicherweise werde es nach der Krise keinen Weg mehr zurück geben, sagt die methodistische Bischöfin Harvey in einem Ausblick in die nahe Zukunft. Ganz früher hätten Methodisten an den Straßenecken gepredigt. Vielleicht seien die neuen Straßenecken heutzutage im Internet zu finden.

In einigen Bundestaaten werden Forderungen nach Lockerungen der Corona-Restriktionen laut, auch für die Kirchen. Wilson zeigt sich hier skeptisch. Gemeinden müssten sich vielmehr auf einen "Marathon" einstellen. Bald würden die meisten US-Amerikaner persönlich einen Covid-19-Infizierten kennen, der gestorben oder schwer krank geworden ist. Da ältere Menschen besonders gefährdet seien, könne er sich nicht vorstellen, dass viele Senioren in naher Zukunft zu größeren Veranstaltungen gehen werden, warnt Wilson. Und die Älteren stellen immerhin einen großen Teil der Gottesdienstbesucher.