So erging es Christen jüdischer Herkunft in der NS-Zeit

Deportation von Juden, die sich als Christen taufen ließen in KZ´s

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Den "gelben Stern" mussten auch als Juden geltende Christen tragen.

So erging es Christen jüdischer Herkunft in der NS-Zeit
Es gibt Christen, die während der Verfolgung in der NS-Zeit von ihrer eigenen Kirche nicht geschützt wurden. Die Nationalsozialisten wollten die Christen jüdischer Herkunft in ihrem Rassenwahn genauso wie die Juden vernichten. Die evangelische Kirche hatte zu der Verfolgung der Christen mit jüdischen Wurzeln lange geschwiegen. Über das dunkle Kapitel kirchlichen Versagens hat Historikerin Prof. Ursula Büttner geforscht. Uns erzählt sie darüber.

Prof. Ursula Büttner, Sie haben Jahrzehnte lang über die Christen jüdischer Herkunft zur NS-Zeit geforscht. Wie groß war diese Gruppe?

Ursula Büttner: Es gibt keine sicheren Zahlen. Diese rassistischen Kategorien der "Nicht-Arier", sowie der Christen jüdischer Herkunft wurden erst durch den Rassen-Wahn der Nationalsozialisten geschaffen. Schätzungen belaufen sich auf 120.000 Christen mit jüdischen Wurzeln. Zählt man deren Ehepartner und Partnerinnen hinzu sowie ihre Kinder, dann kommt man auf rund 400.000 Menschen.

Wie wurden diese Christen jüdischer Herkunft denn behandelt?

Büttner: Für die Nationalsozialisten waren sie Juden und wurden genauso behandelt, nämlich verfolgt, bis hin zum Mord. Das heißt, alle Maßnahmen der Ausgrenzung und Schikane trafen sie im gleichen Umfang. Sie wurden aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt und im Krieg seit Ende 1941 auch in die Vernichtungslager deportiert. Die Berufsverbote ab 1933 und deren Verschärfung ab 1935 betrafen sie genauso wie die Juden. Auch ihre Ehepartner oder Partnerinnen, die den sogenannten "Arier-Nachweis" nicht hatten, verloren ihre Jobs. Ihre Wohnungen wurden später beschlagnahmt, auch ihre Guthaben. Ihre Kinder wurden in den Schulen diskriminiert, später ganz ausgeschlossen. Jugendliche mit jüdischen Wurzeln fanden keine Jobs. Viele lebten in bitterer Armut. Ab 1941 mussten die Christen jüdischer Herkunft genauso den Judenstern tragen wie ihre nicht-christlichen Verwanden. Ihnen wurde dadurch ihre deutsche und nach ihrem Empfinden auch ihre christliche Identität abgesprochen. Dabei waren viele schon seit Generationen getaufte Christen, zumindest aber als Kind getauft. 

Ab 1941 mussten Juden und als Juden geltende Christen den "gelben Stern" tragen, und die Deportationen in die Todeslager begannen.

Wie verhielt sich die Kirche, die "Deutschen Christen", die auf einer Linie mit den Nationalsozialisten waren, und wie die "Bekennende Kirche" (BK), die sich als Opposition verstand?

Büttner: Beide Gruppen haben zu der Verfolgung der Christen und Christinnen jüdischer Herkunft in der Gesellschaft weitgehend geschwiegen. Man muss zwischen den beiden Richtungen unterscheiden. Die "Deutschen Christen", die in den meisten Landeskirchen die leitenden Ämter besetzten, sind die Nationalsozialisten in der Kirche. Deren Ziel war es, alles Jüdische aus der Kirche zu entfernen. Das betraf sowohl Menschen mit jüdischen Wurzeln als auch Elemente in der Bibel und im Gesangbuch. Da gab es radikalere und weniger radikale. Ab 1939 lehnten sie die Taufe von Menschen jüdischer Herkunft ab, und ab Ende 1941 wollten sie diese Glaubensgeschwister auch in den Gottesdiensten und nach dem Tod auf den Friedhöfen nicht mehr bei sich haben. Die Heirat war schon seit 1935 durch die "Nürnberger Gesetze" verboten. Zur Erinnerung: Ab 1941 mussten Juden und als Juden geltende Christen den "gelben Stern" tragen, und die Deportationen in die Todeslager begannen.

Ursula Büttner erzählt, welches Ziel die Nationalsozialisten verfolgten.

Und die "Bekennende Kirche"?

Büttner: Die "Bekennende Kirche" war die Opposition zu den gleichgeschalteten Christen. Sie lehnte es entschieden ab, den im Staat geltenden sogenannten "Arier-Paragrafen" von 1933 auch in der Kirche einzuführen. Der schrieb vor, Menschen mit jüdischen Wurzeln aus allen öffentlichen Ämtern auszuschließen, hier also aus den kirchlichen Ämtern, insbesondere dem Pastorenamt. 

Wie argumentierte die "Bekennenden Kirche"?

Büttner: Sie argumentierten, dass der Ausschluss der Christen jüdischer Herkunft sich gegen die Taufe richte und damit Häresie sei. Widerstand von der "Bekennenden Kirche" gab es nur in Bezug auf das innere Leben der Kirche. Die staatliche Verfolgung und der Ausschluss der sogenannten nicht-arischen Christen und der Juden aus der Gesellschaft wurden nicht kritisiert, weil die Überzeugung herrschte, dass die Kirche dem Staat nicht hineinreden dürfe. Die "Bekennde Kirche" hat infolgedessen bis auf ein paar Ausnahmen weitgehend geschwiegen zu dem Unrecht. Und als 1941 alle Juden und "nicht-arischen" Christen den Judenstern tragen mussten, forderten auch von ihnen manche  ihre Glaubensgeschwister auf, den Gottesdiensten fern zu bleiben.

Ursula Büttner spricht über das Verhalten bzw. Nichtverhalten der evangelischen Kirche.

Woher kam der Hass gegen Christen jüdischer Herkunft und Juden, der auch in der Kirche geteilt wurde? Denn diese Menschen waren teilweise seit Jahrhundert assimiliert. Die nicht-arischen Christen wurden ihrer Identität als Christen beraubt.

Büttner: Es gibt leider eine sehr lange Geschichte des Antisemitismus und Judenhasses in Deutschland, die ursprünglich von Christen ausging. Ich erinnere an antijüdische Auslegungen der Bibel und die mittelalterlichen Pogrome. Bis ins 19. Jahrhundert waren Juden von vielen Berufen ausgeschlossen, konnten nur als Bänker oder Händler arbeiten. Es gab ein tiefverwurzeltes Gefühl der Fremdheit. Im 19. Jahrhundert wurde das durch den wachsenden Nationalismus und am Ende des Jahrhunderts in noch gefährlicherer Weise durch den Rassismus verstärkt. Das Ressentiment, dass Juden keine Deutschen und sogar eine fremde Rasse seien, war im deutschen Bildungsbürgertum weit verbreitet, und die Pastoren teilten es voll und ganz.

Aber es gab doch eine Emanzipation der Juden ...

Der Weg der jüdischen Bevölkerung zur bürgerlichen Gleichberechtigung und rechtlichen Gleichstellung begann erst Ende des 18. Jahrhunderts und dauerte mit zeitweisen Rückschlägen bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Nationalsozialisten knüpften am Anfang an die alte Diskriminierung an, indem sie die Juden als "fremde Rasse" einteilten und isolierten. Sie sprachen den sogenannten "Nicht-Ariern" das Deutschtum und Menschsein ab. Sie wollten sie ausrotten, auch die Christen jüdischer Herkunft. 

Gab es keine warnenden Stimmen?

Nur vereinzelt. In den Kirchen gab es wenig Solidarität mit den Mitgliedern, die jüdische Wurzeln hatten. Eine Ausnahme war die Berliner Gymnasiallehrerin, die Historikerin und Theologin Elisabeth Schmitz. Sie gehörte zur "Bekennenden Kirche". Sie verfasste 1935 eine Denkschrift, in der sie gegen die Diskriminierung der Christenjuden und der Juden protestierte. Sie sah die mörderische Absicht der Nazis voraus. Aber ihr Protest stieß auf taube Ohren. Auch nach der Pogromnacht 1938 haben es nur ganz wenige Pastoren in ihren Predigten gewagt, die Verbrechen und die schwere Verletzung der zehn Gebote zu verurteilen. Erst 1943 haben  sich einzelne Vertreter und Gremien der "Bekennenden Kirche" öffentlich gegen die Verfolgung der Juden und Christen jüdischer Herkunft gewandt, aber da war es zu spät. Die Deportationen in die Vernichtungslager waren schon im vollen Gange. 

Wie war die Situation nach dem Krieg? Wie viele Christen mit jüdischen Wurzeln haben überlebt?

Büttner: Das  wissen wir nicht. Von den Geretteten überlebten die meisten in "Mischehe". Einige überlebten im Untergrund mit Unterstützung von christlichen Freunden oder Helferkreisen. Die Ermordeten und durch Suizid ums Leben gekommenen christlichen Verfolgten werden erst jetzt in mühsamer Arbeit in einigen Kirchen und Gemeinden ermittelt.

Man muss leider sagen, dass es in den Kirchen erst spät ein Einsehen gab, dass man den Christen jüdischer Herkunft und den Juden ganz viel schuldig geblieben ist. Die alten Vorurteile und Ressentiments wirkten weiter. Die Aufarbeitung des furchtbaren Versagens angesichts des millionenfachen Unrechts und Mords an den Juden begann in den Kirchen erst in den 1980-er Jahren. Sogar erst um die Jahrtausendwende wurde stärker thematisiert, dass die eigenen Kirchenmitglieder mit jüdischer Herkunft keinen Schutz in ihrer Kirche fanden. Inzwischen bemühen sich viele Kirchenkreise und Gemeinden, daran in Ausstellungen und Veröffentlichungen zu erinnern.

 

Eine Vortragsreihe der Evangelische Akademie der Nordkirche, unter anderem  in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Jerusalem-Akademie. Die Kirche die Christinnen und Christen jüdischer Herkunft während der NS-HerrschaftWeitere Vorträge am 15. und 22. Oktober, jeweils 19 Uhr. Themen: "Friedrich Weißler. Ein Jurist und bekennender Christ im Widerstand gegen Hitler" und "Judenhass und Judenmission. Das Verhältnis der Hamburger Landeskirche zum Judentum, vor, während und nach der NS-Zeit". Ort: Christuskirche Eimsbüttel in Hamburg