Grübel: Christliches Abendland bedeutet Nächstenliebe

Markus Grübel, Beauftragter der Bundesregierung für Religionsfreiheit, im Interview
Markus Grübel von der CDU, Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit.

Foto: Martin Warnecke/IIRF

Markus Grübel (CDU) will sich als Beauftragter Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit dafür einsetzen darf, dass alle Menschen ihre Religion frei ausüben dürfen.

Im April wurde Markus Grübel (CDU) ins neugeschaffene Amt des "Beauftragten der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit" berufen, das im Entwicklungsministerium angesiedelt ist. Im evangelisch.de-Interview spricht er über seinen Glauben, seine Aufgabe und die Situation der Religionsfreiheit in Deutschland.

Herr Grübel, wie war der erste Monat im Amt als Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit?

Markus Grübel: Sehr spannend, aber auch sehr anstrengend. Ich war in der neuen Funktion schon im Nordirak und habe Bagdad, Erbil, West-Mossul, Dohuk und verschiedene Flüchtlingslager besucht. Da habe ich auch mit jesidischen Mädchen und Frauen gesprochen, die mehrere Jahre in der Hand des IS waren und misshandelt und missbraucht wurden. Außerdem habe ich neben Baba Sheikh, dem geistlichen Oberhaupt der Jesiden, auch noch einige christliche Vertreter getroffen. Und auf dem Kirchentag in Münster habe ich die Gelegenheit genutzt, mich mit Vertretern der Kirchen des Ostens zu treffen. Ich habe in den vergangenen Wochen aber auch ganz praktische Dinge gemacht: Mein Büro eingerichtet und die Ausschreibungen für die drei Stellen fertiggemacht, die mir der Haushaltsausschuss bewilligt hat.

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Markus Grübel

Markus Grübel (CDU) ist Bundestagsabgeordneter und seit 2018 der erste "Beauftragten der Bundesregierung für die weltweite Religionsfreiheit".

Wie definieren Sie Ihre Aufgabe?

Grübel: Religionsfreiheit ist ein fundamentales Menschenrecht. Manche behandeln es so, als ob es ein Menschenrecht zweiter Klasse wäre, das gegenüber anderen Rechten zurücktreten muss – dem ist aber nicht so. Zum einen arbeite ich daran, das Bewusstsein für die Bedeutung dieses Menschenrechts in der Gesellschaft zu stärken. Es ist auch Bewusstseinsbildung, dass darauf aufmerksam gemacht wird, dass dort, wo dieses Menschenrecht Religionsfreiheit nicht gewährt wird, auch andere Menschenrechte in der Regel nicht gewährt werden. Zum anderen habe ich den konkreten Auftrag, den Bericht der Bundesregierung über die Situation der Religionsfreiheit in der Welt fortzuschreiben. Das wird eine Hauptaufgabe sein. Der Bericht soll dazu nutzen, Dinge heraus zu stellen und auch das Augenmerk der Politik und der Öffentlichkeit auf die Situation zu lenken. Er soll aber auch Handlungsempfehlungen gegenüber Politik, Wirtschaft und vielen anderen Gruppen aussprechen. Es ist ja gleichzeitig auch ein Teil der Arbeit, über die Themen zu informieren und das eben nicht nur alle zwei Jahre, wenn der Bericht veröffentlicht wird, sondern dann wenn Entscheidungen anstehen.

Wie steht es um die Religionsfreiheit in Deutschland?

Grübel: Verglichen mit dem Rest der Welt leben wir auf einer Insel der Glückseligen. Das Christentum ist in unserer heutigen Form ja auch eine Religion der Freiheit, der Toleranz und der Achtung von anderen – auch anderen Lebensentwürfen und anderen Lebensformen. Aber wir sehen auch, dass es noch die andere Seite gibt: zum Beispiel, dass Menschen, die in Deutschland Kippa tragen, misshandelt werden; dass Frauen, die in Deutschland Kopftuch tragen, im Bundestag als "Kopftuchmädchen" diffamiert werden, was wiederum die Hemmschwelle senkt, Mädchen und Frauen mit Kopftuch im Alltag zu bedrängen. Wir haben auch erlebt, dass christliche Flüchtlinge von muslimischen Flüchtlingen bedrängt wurden. Es gibt also auch in Deutschland Handlungsfelder.

Was wird denn hier getan, um diese Defizite aufzuarbeiten?

Grübel: Zuerst einmal haben wir eine sehr aufmerksame Presse und auch eine sehr hohe Solidarität in der Politik - "Berlin trägt Kippa" ist da ein Stichwort. Außerdem haben wir eine hohe Sensibilität der Kirchen und das ist das Gute heute: dass sie sich die evangelische und die katholische Kirche auch für andere Religionen einsetzen, eine "Überkreuzsolidarität". Es gibt immer wieder Streit, zum Beispiel, wenn es um den Moscheebau in einer Stadt geht. Ich habe erlebt, dass die evangelische und die katholische Kirche gesagt haben: Ja, wir sind dafür, dass auch die Muslime in Würde ihre Religion ausüben können.

Wie stehen Sie zur Kreuz-Debatte?

Grübel: Bei der Kreuz-Debatte spielt der Wahlkampf sicher auch eine Rolle. Kreuze stehen in Bayern am Wegesrand, auf Berggipfeln und hängen in Wohn- und Gaststuben. Warum sollte es nicht in Amtsstuben hängen? Das Kreuz ist Zeichen der Mahnung und Erinnerung – Mahnung, sich selbst nicht absolut zu setzen  weil es eine höhere Instanz gibt und Erinnerung, christliche Werte wie Nächstenliebe zu leben.

Nehmen Sie in Deutschland eine wachsende Religionsfeindlichkeit wahr?

Grübel: Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich nehme eher eine Art Gleichgültigkeit wahr, Deutschland wird säkularer. Wir haben es bei den Themen Beschneidung und Schächten gemerkt, wo andere Menschenrechte und teils auch Tierrechte sozusagen gegen die Religionsfreiheit gestellt wurden und die Religionsfreiheit dadurch abgewertet wurde. Aber daraufhin zu sagen, die Religionsfeindlichkeit hätte zugenommen, finde ich zu weitgehend. Aber wir haben religionsfeindlichen Tendenzen und wir müssen wachsam sein. Und jeder Einzelfall von religionsfeindlichem Verhalten ist ein Fall zu viel.

2017 wurden in Deutschland erstmal "christenfeindliche Straftaten" vom BKA erfasst – wie ordnen Sie die Tatsache ein, dass diese gesonderte Klassifizierung nötig geworden zu sein scheint?

Grübel: Zunächst einmal bedauere ich, dass die Politik das machen musste. Aber ich finde den Schritt richtig: Wir brauchen belastbare Zahlen, um daraus Handlungsbedarfe abzuleiten. Durch belastbaren Zahlen wissen wir, dass etwas getan werden muss. Und daran kann man auch den Erfolg der Maßnahmen messen. Umso differenzierter die Statistik, umso aussagekräftiger ist sie und deshalb ist diese Statistik gut.

Ich habe es zum Beispiel auch sehr begrüßt, dass der Pressekodex den Paragraphen geändert hat, in dem die Nennung der Ethnie eines Verdächtigen oder Täters verboten war. Ich finde, dass auch die Herkunft genannt werden sollte. Man sollte die Angaben aber verantwortungsvoll nutzen und nicht immer "dem" Islam oder "den" Ausländern Dinge zuzuordnen. Nein, dann kommt der nächste Schritt: Das bedeutet zum Beispiel zu überlegen, wie die gleiche Altersgruppe, die jetzt bei Flüchtlingen dominant ist, in der deutschen Bevölkerung aussieht. Der erste Schritt ist die Statistik, der zweite Schritt ist aber, sie richtig zu lesen und zu bewerten. Der dritte Schritt ist, die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Was macht denn das Christentum und unser christliches Abendland aus?

Was können Sie zur Situation der Juden in Deutschland sagen?

Grübel: Wir haben Antisemitismus in Deutschland, das ist klar. Wir hatten ihn von rechts-außen, wir hatten ihn von links-außen, wir haben jetzt eine neue Form, die über Flüchtlinge nach Deutschland gekommen ist. Das ist erklärbar, weil viele dieser Menschen mit dem Gedanken aufgewachsen sind, dass die Juden für alles Schlechte verantwortlich sind und dort Juden systematisch schlecht geredet werden. Und die Flüchtlinge bringen diese anerzogene Denkweise nach Deutschland mit. Und darum ist es mir sehr wichtig klar zu sagen, dass wir Antisemitismus nicht dulden und dagegen einschreiten.

Werden Religionen in Deutschland von Nationalisten benutzt, obwohl es ihnen eigentlich gar nicht um die Religion an sich geht?

Grübel: Ja. Ich muss da immer an die Forderung aus einer bestimmten politischen Richtung denken, das christliche Abendland müsse bewahrt werden. Und da sage ich: Was macht denn das Christentum und unser christliches Abendland aus? Natürlich der christliche Glaube, aber der predigt ja Barmherzigkeit, Toleranz und Nächstenliebe. Und wer das christliche Abendland verteidigen will, der muss auch diese Werte verteidigen. Und bei allem, was er tut und sagt, muss er überlegen, ob er, wenn er das tut und sagt, auch wirklich christliche Werte verteidigt. Denn wenn es so ist, dann verteidigt er in der Tat das christliche Abendland. Oft folgen den bösen Worten aber auch böse Taten. Darum: Wehret den Anfängen. Nur nach dem christlichen Abendland zu rufen, aber nicht danach zu handeln, ist nicht glaubwürdig.

Mein Glaube gibt mir Kraft und Sicherheit

Sie waren in Einsatzgebieten der Bundeswehr und haben gesehen, was auch religiös motivierte Konflikte anrichten können. Welches Potential sehen Sie denn in den Religionen?

Grübel: Die Religionen, die sich oft streiten, haben auch die Fähigkeit zusammenzukommen. Und wir erleben eine große Hilfsbereitschaft von Christen, von christlichen Gemeinschaften und von Kirchen weltweit. Wir erleben, wie Friedensverhandlungen und Friedensgespräche über Kirchen stattfinden und deshalb lässt sich sagen, dass die Kirchen und Religionsgemeinschaften viel Großes und Segensreiches leisten. Dieses Potential haben sie auch.

Was bedeuten Glaube und Religion für Sie als Katholik?

Grübel: Ich bin christlich-katholisch erzogen worden, ich bin ein gläubiger Mensch, übe meine Religion sehr gerne aus, gehe auch gerne in die Kirche und verstehe, wenn andere das auch tun. Und darum ist es für mich selbstverständlich, dass andere, die woanders aufgewachsen sind und die eine andere religiöse Erziehung und Prägung hatten, ihre Religion frei ausüben wollen. Und dafür kann ich mich in meiner neuen Funktion einsetzen, dass Menschen ihre Religion ausüben können und das nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt. Mein Glaube gibt mir Kraft und Sicherheit.