Herzasyl

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Spiritus Blog mit Beatrice von Weizsäcker
Geistvoll in die Woche
Herzasyl
Geflüchtete und ein toter Wal mit zwei Namen. Wer bei uns keinen Platz hat und wer viel.

Berlin. Friedrich Merz ist stolz auf sich. Zwar steht der Kanzler im Politikerranking ganz unten. Auch wehleidet er öffentlich über die Kritik in den sozialen Medien: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“, sagte er im Spiegel. Aber (Vorsicht: Ironie): Gott sei Dank hat er ja Alexander Dobrindt. Der Innenminister macht seine Sache gut. Findet Merz. Und freut sich. Der CSU-Mann streicht die Integrationskurse für Geflüchtete und Asylbwerber:innen. Sollen die doch nach Hause gehen. Bravo! Vor allem die aus der Ukraine. Yes! Die Zahl der Geflüchteten geht zurück. Hurra! Die der abgelehnten Asylanträge steigt. Jippie! Das eine hat zwar mit dem anderen nichts zu tun. Aber egal. Die Rausländerpolitik wirkt.

Ortswechsel: das Meer. Ein Buckelwal strandet am Timmendorfer Strand. Bagger, Boote, Gurte, Frachtkahn, nichts bleibt unversucht, ihn zu retten. Gleich zwei Namen hatte das Tier. Hope nennen ihn die einen. Timmy die anderen. Liveticker, Eilmeldungen, Top-Thema, überall im Netz. YouTube-Filmchen, ohne Ende. Wikipedia-Eintrag, laufend fortgeschrieben. Die Zeitungen philosophierten, kommentierten, interviewten, was das Zeug hält. Vom Boulevard bis zur FAZ. Im Sturm eroberte der Wal das deutsche Herz. Was für eine Migrationsgeschichte! Gelungen schon am ersten Tag. Auch wenn das Tier am Ende tot ist. Herzzerreißend ist das.

Ironie off.

Neulich lernte ich ein neues Wort. Herzasyl heißt es. Jemand schrieb es mir, den ich vermisste. „Es gibt, egal wo wir beide sind, Herzasyl – ein tragbares Zuhause.“ Jetzt ist das Vermissen zwar nicht kleiner, aber die Gewissheit größer. Die Gewissheit der Unverbrüchlichkeit. Des Zusammengehörens. Ein Zuhause im Herzen des anderen zu haben, ist ein großes Glück. Ein Zuhause, das immer da ist und nicht verloren gehen kann.

Seither geht mir das Wort nicht mehr aus dem Kopf. Selbst wenn ich an die Politik denke. An die Ausländerpolitik der Bundesregierung zum Beispiel. An ihre Missachtung von Migrant:innen. An das unsägliche Kanzler-Gerede vom „Stadtbild“. An seinen Satz: „Fragen Sie mal Ihre Töchter.“ An die Ausländerfeindlichkeit, die dabei mitschwingt, ob beabsichtigt oder nicht. Kein Wunder, dass das viele Menschen in die Arme der AfD treibt. Es gibt keine Gnade. Ein Zuhause wird verwehrt. Wie herzlos das ist.

Beim Wal war das ganz anders. Als er am 23. März zum ersten Mal bei uns strandete, landete er direkt im deutschen Herzen. Dort ist er geblieben. Kein Mensch, der übers Meer geflüchtet ist, hat je so viel Mitgefühl bekommen. Dabei versuchten allein 2025 mehr als hundertfünfzigtausend Menschen, über das Mittelmeer Richtung Europa zu fliehen. Fast zweitausend starben oder werden vermisst. Doch kaum jemanden kümmert es. Wie auch, wird doch fast nie darüber berichtet. Und wenn, dann allenfalls in einer Randnotiz. Asyl ist unerwünscht; genauso wie die Menschen. Das Herz ist leer. 

Was ist das bloß für eine Welt, in der ein Tier zwei Namen hat und so viel Platz. Und Menschen in Not oft namenlos bleiben und keinen Platz bekommen. Noch nicht einmal in unseren Herzen. Ob sie leben oder tot sind. Herzasyl gibt es für sie nicht.

Dabei wäre es so einfach. 

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