TV-Tipp: "Leben ist mehr! – Plötzlich ist alles anders"

Fernseher vor gelbem Hintergrund
Getty Images/iStockphoto/vicnt
3. April, ZDF, 13.15 Uhr:
TV-Tipp: "Leben ist mehr! – Plötzlich ist alles anders"
Krimis werden zumeist aus Sicht der Ermittlungs-Teams erzählt, deshalb enden die Filme in der Regel mit der Lösung des Verbrechens. Das wirkliche Leben erzählt solche Geschichten dagegen aus Sicht der Hinterbliebenen. Dokufilm über einen Notfallseelsorger.

Für die Angehörigen enden die Verbrechenserinnerungen oftmals nie; und das gilt deshalb indirekt auch für Albi Roebke. Er kommt, wenn die Polizei wieder abrückt: Roebke ist seit gut 25 Jahren Notfallseelsorger in Bonn sowie im Rhein/Sieg-Kreis. Damals haben die beiden Kirchen ein entsprechendes System gegründet und Freiwillige gesucht, er hat sich gemeldet; seither ist er dabei.

Nathalie Suthor durfte Roebke für ihr Porträt "Plötzlich ist alles anders" begleiten, allerdings nicht zu aktuellen Einsätzen: zum einen natürlich, weil sich derlei nicht planen ließe, zum anderen, weil sich sich die Menschen, denen er beisteht, in Ausnahmesituationen befinden und es mehr als pietätlos wäre, sie in solchen Momenten mit einem Kamerateam zu konfrontieren. Aber die Autorin war dabei, als Roebke mehrere Frauen besuchte, zu denen er bis heute Kontakt hält. Die Ereignisse, in deren Rahmen sie ihn kennengelernt haben, liegen zum Teil schon viele Jahre zurück, doch sie betrachten ihn nach wie vor als wichtigen Anker. 

Die ZDF-Reihe "Leben ist mehr!" stellt an christlichen Feiertagen Personen vor, die sich ohne Eigennutz engagieren. Die kurzen Filme sollen zum Nachdenken anregen und Perspektiven öffnen. Roebke ist wie geschaffen für dieses Konzept. Der evangelische Pfarrer hat im letzten Jahr ein Buch veröffentlicht, das sinngemäß den gleichen Titel trägt wie Suthors Porträt: "Und plötzlich ist nichts mehr wie es war" (Verlag S. Fischer). Der Zusatz fasst zusammen, worum es auch in dem Film geht: "Ein Notfallseelsorger über Schicksalsschläge und Hoffnung". Empathie bringt Roebke schon von Berufs wegen mit, aber dass er haargenau weiß, wie es den Betroffenen geht, hat mit seiner eigenen Biografie zu tun: 2015 hatten seine Eltern und sein Bruder einen schweren Autounfall. Der Vater starb sofort, die Mutter noch in der der gleichen Nacht, eine Woche später auch der Bruder. Damals hat er erlebt, welch’ absurde Versuche das menschliche Gehirn unternimmt, um irgendwie die Kontrolle wiederzuerlangen: Das erste, was ihm durch den Kopf ging, war der Gedanke an die Mangofrüchte, die er den Eltern kurz zuvor gebracht hatte und die nun schlecht würden. 

Dem Pfarrer selbst hat damals der Glaube Kraft gegeben, aber natürlich sind längst nicht alle Menschen, denen er beisteht, ebenfalls gläubig. Doch selbst wenn: Oft genug münden tragische Vorfälle geradewegs in Momente des profunden Zweifels. Warum hat Gott zugelassen, dass eine geliebte Person stirbt? Gerade deshalb passt die Sendung ausgezeichnet zum Karfreitag: Roebke erinnert an Jesu’ letzte Worte: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Jesus, sagt Roebke, hat alle Tiefen des menschlichen Leidens erfahren, aber an Ostern ist er wieder auferstanden, und deshalb gebe es "Hoffnung in allem Leiden".

Die Narben allerdings bleiben, auch daraus macht die Reportage keinen Hehl; erst recht, wenn Kinder vor ihren Eltern sterben, und das womöglich durch ein Gewaltverbrechen. Roebke besucht unter anderem eine Frau, deren Tochter vor dreizehn Jahren vom Schwager der Mutter ermordet worden ist. Der Seelsorger war für die Schule zuständig, die das Mädchen besuchte, so ist der Kontakt zustande gekommen. Anfangs, erzählt die Frau, sei sie skeptisch gewesen, aber dann habe sie die Gespräche mit ihm sehr schnell schätzen gelernt: weil er sich in der Tat als jemand entpuppte, "der sich um meine Seele sorgt." Roebke wiederum sagt, er habe von ihr gelernt, "was Menschen aushalten" und wie viel Vertrauen sie in die Welt haben können; für ihn ist das natürlich Gottvertrauen.
Das Buch wie auch der Film behandeln letztlich die Frage, was das heißt eigentlich: "Das Leben geht weiter", wenn man sich doch, wie eine andere Frau erzählt, nach einem tragischen Ereignis "fremd in der eigenen Welt" fühlt. Roebke macht den Menschen nichts vor. So erklärt sich auch der Titel des Buches, das er gemeinsam mit der Journalistin Lisa Harmann verfasst hat. Sie ist ebenfalls Notfallseelsorgerin, auch sie hat mehrere Todesfälle in ihrer Familie verkraften müssen. Gott, sagt Roebke, lasse etwas Neues entstehen, doch es sei auch klar: "Das Alte ist weg". Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war, und was passiert ist, "bleibt sinnlos und schrecklich." Aber die Leute finden trotzdem die Kraft, weiterzuleben, und diese mutmachende Hoffnung vermittelt auch der Film.