Orte der Sicherheit

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Spiritus Blog mit Bettina Schlauraff
Geistvoll in die Woche
Orte der Sicherheit
Darüber, dass Kirche in diesen Zeiten Schutz und Stabilität gibt.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Die Pforten öffnen sich zu einem der vielen AfD-Bürgerdialoge in der ostdeutschen Provinz. Ob ich meine Jacke öffnen könne, fragt der breitschultrige Securitymann. ‚Bitte‘ sagt er - mit Blick auf meinen Collarkragen. „Muss nur gucken, dass Sie nichts dabei haben.“ Ich nicke, öffne die Jacke, zeige Handy, Autoschlüssel, Taschen leer. Mit den Kolleginnen setzen wir uns in die letzte Reihe. Der Mann, mit dem wir vor der Tür beim Warten ins Gespräch gekommen waren, schlägt gerade kräftige in Männerhände. Hier ist seine Zone. Ob er das AfD Programm kenne, hatte ihn die Kollegin gefragt. „Nö“, hatte er geantwortet, das sei nicht nötig.  „Ick wollte ja nur ma guckn…“. 

An der Tür staut es sich, weil alle Fotos mit dem Spitzenkandidaten machen wollen, der wie ein Bravoposterboy vor einem Rollup steht. Er schlägt männlich in die Hände der Männer und umarmt nahbar die älteren weiblichen Fans. Überhaupt nur Fans hier. Treue Anhängerschaft. In jedem Ort findet sich eine andere Mischung von Menschen, von Seniorinnen im Strickpullover bis zum Hardcore-Rechten. Fragen hat hier heute niemand. Vor uns die tätowierte Männerreihe mit Alkoholfahne fragt lästernd und schenkelklopfend einander „Haste ne Frare?“ „Ja: Wo jibts det Bier??“. 

Einem neuen Führerkult gleich empfängt die jubelnde Menge ihren mit erhobene Armen breit lächelnd durch den Mittelgang einziehenden Spitzenkandidaten. Brausender Applaus, Rufe, Begeisterung. Dazwischen wir. Ruhig. Manche mit verschränkten Armen. Einige Kolleginnen und Frauen und Männer aus den Gemeinden. Wir sitzen dazwischen und machen den Unterschied. Klatschen nicht, stehen nicht jubelnd auf. Bleiben sitzen. Machen fragende Minen. Stimmen nicht zu. Schütteln Köpfe. Müssen manchmal lachen angesichts der Absurdität einiger Antworten. Zeigen: wir haben keine Angst. Wir lassen Euch nicht das Feld. "Parolenhaft" geht es um die Frage nach der Bevorzugung weißer deutscher Kinder im Kindergarten oder wie man unwillige Frauen bewegt, mehr deutsche Kinder zu gebären. 

Ein Abgeordneter ruft, man dürfen den Ukrainekrieg nicht ethisch oder moralisch bewerten und sie machen leere Versprechungen aller Art mit gut getakteten Gelegenheiten, nach jedem fünften Satz zu applaudieren und zu jubeln. So vergeht die Zeit weitgehend inhaltsfrei und mit Halbwahrheiten. Sehr dünner Boden und viel Einschwören auf die Landtagswahl. Eine Menge von Menschen sitzt hier, an denen das Leben sichtbare Spuren hinterlassen hat. Die vermutlich echte Gründe haben, unzufrieden und enttäuscht zu sein. Sie setzen ihre Hoffnung auf diese Partei. Nach anderthalb Stunden sagt die Kollegin, jetzt würde es reichen. Als wir aufstehen, springt die Security zu uns und begleitet uns. Man sieht die Unsicherheit über das, was wir vorhaben könnten. Wir blicken fest in ihre Augen und die der Umsitzenden und gehen einfach hinaus. Einer von vielen Abenden dieser Art.

Ein anderer Tag, dazwischen. Eine ungleich kürzere Szene. Ich sitze in der kleinen Kapelle. Vor mir dringt das Morgenlicht durch die kleinen Fenster der runden einladenden Apsis. Gleich werde ich hier eine Andacht halten. Noch ist niemand weiter da. Als ich in das hereinbrechende Licht schaue, die klaren Formen, die leicht flackernden Kerzen, spüre ich wie nie, dass dieser Ort hier sicher ist. Ich weiß es plötzlich: dass unsere Kirchen bergende Orte sein werden. Als mir bewusst wird, was ich da gerade denke und fühle, berührt es mich sehr. Das hatte ich nicht geahnt. Wieviel mehr die Worte und Verheißungen, die Kirchenwände voller Gebete und Verkündigung in diesen Tagen Orte der Sicherheit sein könnten. Orte der inneren Sicherheit einer Botschaft, die ein Reich Gottes zugesagt hat. Orte der äußerer Sicherheit in einer Gemeinschaft, die in sich inhomogen ist, aber stabil menschenfreundlich. Wenig später beginnt die Andacht. Wir lesen einen Text, der Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis Mut gegeben hat: "Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht;heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist,und das mit Sanftmut und Ehrfurcht..." (1.Petr.) Gemischt mit dem Licht der Kapelle ist das für heute unser täglich Brot. 

 

#challenge: Üben, sich sicher zu fühlen im Ort des Glaubens.

 

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