Wenn der Kinderschirm zum Drachenflügel wird

Geräuschemacherin Simone Nowicki
epd-bild/Aaron Kniese
Die professionelle Geräuschemacherin Simone Nowicki (im Foto in ihrem Lager in Worms) erzeugt mit dem orangenen Gummiband ein Würgegeräusch.
Geräusche machen als Beruf
Wenn der Kinderschirm zum Drachenflügel wird
Alte Filmstreifen ersetzen raschelndes Herbstlaub, Beutel mit Maisstärke die Schneewanderung, zerknautschter Porree brechende Knochen. Es gibt keinen Klang, den Simone Nowicki nicht täuschend echt nachahmen könnte: Sie ist Profi-Geräuschemacherin.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) haben ihr Geschäftsmodell bislang nicht nachhaltig stören können: Simone Nowicki wird von Film- und Videospiel-Produzenten engagiert, für handgemachte Ton- und Klanginstallationen von Museen gebucht oder für Hörbuch-Aufführungen live auf die Bühne geholt. Egal, wo die Mainzerin gebraucht wird - immer hat sie einen riesigen Haufen Dinge dabei, die andere vielleicht als Plunder bezeichnen würde: alte Filmstreifen, Gemüsereiben, kaputte Schirme, Beutel mit Maisstärke.

Bis zu 100 Kilogramm an Gerätschaften schleppt sie zu ihren Terminen. Nowicki verdient ihren Lebensunterhalt als professionelle Geräuschemacherin. Besonders gruselige Stoffe haben es ihr angetan, wenn sie es in dunklen Häusern quietschen und knarzen lässt. "Im Horrorbereich bin ich für das Kopfkino zuständig", sagt die 33-Jährige.

Sie hat aber auch schon bei einem Live-Gaming-Konzert des Veranstaltungsformats "Let's Play" gemeinsam mit einem großen Orchester in der voll besetzten Hamburger Elbphilharmonie einen bekannten Streamer beim Computerspielen begleitet und vertretungsweise an der Vertonung von "Drei ???"-Hörspielen mitgewirkt.

Geräusche-Schatzkammer im Haus der Oma

Obwohl Nowicki mittlerweile viel in Deutschland herumkommt, bleibt das Haus ihrer Großmutter am Stadtrand von Worms zentraler Angelpunkt für ihre Arbeit. Ein wildes Sammelsurium von Gerätschaften ist dort im einstigen Kohlenkeller verstaut - ihr Geräuschedepot. Manche der Regale sind beschriftet. "Käfer, Raschel, Holzig, Klimper" steht auf einem.

Viele Dinge stammen von Flohmärkten. Stolz zeigt die Geräuschemacherin ihren jüngsten Einkauf - einen großen altmodischen Papageienkäfig. Richtig gerüttelt eigne sich der hervorragend für ein aktuelles Projekt, in dem unter anderem ein Bergwerksfahrstuhl vorkommt. Manche Utensilien braucht Nowicki für nahezu jeden Auftrag - eine große Anzahl verschieden beschaffener Fußboden-Platten etwa gehört zur Kernausstattung, denn Schritte sind eigentlich immer zu hören.

Keine Erwähnung im Abspann

Eine offizielle Ausbildung gibt es nicht für den Beruf, der auch als "Foley-Künstler" bezeichnet wird - Namensgeber Jack Foley (1891-1967) gilt als einer der Pioniere der Filmvertonung. Bis in die Anfangszeit des Kinos reicht die Geschichte der Branche zurück. Denn schon Stummfilme waren keineswegs stumm: Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Aufführungen live von Musikern und Geräuschemachern begleitet.

Die Mehrzahl der Geräuschekünstler und Geräuschekünstlerinnen - sehr viele sind Frauen - sei lange unbekannt geblieben und ihr Anteil auch an späteren Filmproduktionen verkannt worden, bedauert Nowicki. So sei die Britin Beryl Mortimer, die für die Geräuschkulisse von Kultfilmen wie "Lawrence von Arabien", Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" und der frühen James-Bond-Streifen verantwortlich war, oft noch nicht einmal im Abspann erwähnt worden.

Wenn es brutal wird, zu Gemüse greifen

Diese Unsichtbarkeit würde die studierte Filmwissenschaftlerin Nowicki gerne überwinden, auch deshalb promoviert sie zurzeit an der Frankfurter Goethe-Universität zum Handwerk des Geräuschemachens als Teil der Kinogeschichte. Das Vorhaben sei nicht einfach, denn auch in Archiven gebe es zu vielen Protagonisten kaum Material. Nowickis Schätzungen zufolge arbeiten aktuell bundesweit 40 bis 50 Berufskolleginnen und -kollegen. In den USA existiert mittlerweile sogar eine eigene Gewerkschaft der "Foley Artists".

Manchmal, wenn die Mainzerin sich einen Film anschaut, kann sie heraushören, wer für die Geräusche zuständig war. Auch sie selbst hat ihre Lieblingsklänge und bevorzugten Gerätschaften, etwa eine klapprige Gemüsereibe vom Sperrmüll, mit der man kurioserweise das Hupen eines Oldtimers imitieren kann. Manchmal lohnt es, Gegenstände noch zusätzlich ein wenig zu beschädigen, damit sie akustisch richtig zur Geltung kommen.

Den Kinderregenschirm, mit dem Nowicki das Geräusch von Drachenflügeln darstellt, hat sie extra kaputt gemacht. Der Flügelschlag klingt beim ruckartigen Öffnen und Schließen seither noch authentischer. Immer dann, wenn es in den Geschichten brutal wird, greifen Geräuschemacher gerne zu Gemüse. Paprika müssen daran glauben, wenn ein Messerstecher zur Tat schreitet.

Porree wird zerknautscht, wenn Knochen brechen, und einmal hat Simone Nowicki auch schon einen Kürbis mit einer Axt malträtiert, als es galt, eine Enthauptung zu vertonen. Für den Nasenbruch bei einer Prügelei hingegen reichten auch Nudeln aus. Bei manchen Projekten habe sie ganz erhebliche Mengen an Lebensmitteln verbraucht, etwa für ein Live-Hörspiel über den Hannoveraner Massenmörder Fritz Haarmann, erzählt sie: "Im Anschluss haben wir eine Lauchsuppe gekocht."