"Wo fange ich an?" Das werde ich häufig gefragt. Oft sind es Menschen, denen eine Solidarität mit LGBTQI+ Personen am Herzen liegt. Oder es sind feministische Theolog*innen, die ins Gespräch kommen wollen. Oder die Anfrage kommt von queeren Personen selbst – auf der Suche, die eigenen Erfahrungen in der Theologie wiederzufinden und nicht ständig das Gefühl haben zu müssen, einen Spagat zwischen zwei Welten zu machen. Wo also anfangen?
Queere Theologien auf deutsch…
Ein Hoch auf die Vorgänger*innen, die den Weg queerender Theologie vor mir geebnet haben. Im deutschsprachigen Raum gehört als ein Knotenpunkt sicherlich dieser Blog kreuz und queer. Wie gut, dass bspw. Kerstin Söderblom ihre Beiträge auch als Sammelband veröffentlicht hat. Wer einen niedrigschwelligen Einstieg sucht, wird hier schnell fündig. Auch die Arbeit von Basisorganisationen wie bspw. HuK, LuK und QuiKT haben queere Themen vorangebracht. Hier sind wichtige Orte entstanden, an denen queere Lebenserfahrung theologisch erzählbar werden.
Auch mit Blick auf den wissenschaftlichen Diskurs gibt es im deutschsprachigen Raum erste Anknüpfungspunkte. So schrieb Andreas Krebs 2023 eine abwechslungsreiche Einführung mit dem Namen "Gott queer gedacht". Sie ist anhand theologischer Themen aufgebaut und präsentiert eine Bandbreite internationaler queertheologischer Entwürfe. Mittlerweile sind auch zwei Sammelbände erschienen, die weitere Einblicke in den deutschsprachigen Diskurs geben, und gleichzeitig versuchen die Brücke in den englischsprachigen Raum zu schlagen. Beide Bände sind open Access verfügbar: Queere Theologie. Perspektiven aus dem deutschsprachigen Raum (2024) und Queering Theology. Transformative Perspektiven und Praxis queerender Theologien (2026).
Queere/nde Theologien auf englisch
Wie bereits im letzten Beitrag erwähnt, läuft der Diskurs im englischsprachigen Raum schon länger und ist – vereinfacht gesprochen – auch an den Universitäten und in den Kirchen präsenter. Die Diskussionen um queere Theologien beginnen hier in den späten 50er und frühen 60er Jahren. Sie spitzen sich in den 90er Jahren zu und werden im Jahr 2000 mit dem Erscheinen von Marcella Althaus-Reids Indecent Theology "erwachsen" (Patrick Cheng). Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es drei Introductions bzw. Einleitungen in das Feld queerer Theologien. Ich finde dies insofern spannend, da das Genre der Einführungsliteratur ein Zeichen dafür ist, dass ein Thema so etabliert und ausdifferenziert ist, dass es eines Überblickes und einer Einführung bedarf. Die drei englischsprachigen Introductions sind zudem sehr unterschiedlich. Hier zeigen sich die Vielfältigkeit und die Spannungslinien. Dieser Spur lohnt es sich zu folgen.
Patrick Cheng, Radical Love (2011)
Im Jahr 2011 veröffentlichte der Theologe Patrick Cheng die erste Einleitung unter dem Titel "Radical Love. An Introduction to Queer Theology". Diese Einführung bietet nicht nur einen Überblick seit den 60er Jahren, sondern auch eine eigene Interpretation dessen, was das Queere an der Theologie ist. Für Cheng läuft alles auf das Konzept der "radikalen Liebe" hinaus, das für ihn "im Herzen sowohl der christlichen Theologie als auch der Queer-Theory" liegt (Cheng 2011: x). "Radikale Liebe" – so Cheng weiter– "[...] ist eine Liebe, die so extrem ist, dass sie unsere bestehenden Grenzen auflöst.“ (Cheng 2011: x). Es ist eine Art der Liebe, die die menschlichen Grenzen und die darin verfassten binären Konstruktionen und damit verbundene Machtstrukturen überwindet. Es ist diese grenzüberschreitende, auf Gerechtigkeit zielende Liebe, die der Kern des Christentums und der Queer Theory ist. Wer Theologie so queert, die*der denkt von der befreienden Liebe her und nicht etwa von Schöpfungsordnungen oder Heiligkeitsgesetzen. Chengs Ansatz ist ein Gegenprogramm zu queerfeindlichen theologischen Aussagen mit der zentralen Behauptung: Richtig verstanden ist das Christentum immer schon queer.
Linn Marie Tonstad, Beyond Apologetics (2018)
Einen anderen Ansatz verfolgt Linn M. Tonstad. Für sie geht es bei queerer Theologie: "[...] nicht um (die) Apologetik der Inklusion sexueller & geschlechtlicher Minderheiten ins Christentum […], sondern um Visionen für einen gesellschaftspolitischen Wandel, der die Unterscheidungsgewohnheiten verändert, die geschlechtlichen & sexuellen Minderheiten sowie vielen anderen minorisierten Bevölkerungsgruppen schaden; dafür ist queer ein angemessen (un)passender Begriff." (Tonstad 2018, 3). Tonstad hält nachdrücklich fest: Queere Theologie müsse mehr sein als Selbstverteidigung. Wer immer wieder dafür argumentiert, dass queer Menschen auch religiös sind, lässt sich auch immer wieder auf die Anfrage ein, dass es auch anders sein könnte. Tonstad stellt den Gedanken vom Kopf auf die Füße. Es gibt queere Christ*innen. Die Frage ist nicht, ob es sie geben kann. Die Frage ist vielmehr, wie mit ihnen umgegangen wird. Was sind die Verhältnisse, die queeres Leben an den Rand drängen? Und welche Rolle spielt das Christentum dabei?
Tonstad versteht queer als queeren: Das heißt, nicht in erster Linie als Frage der Identität, sondern als kritisches Hinterfragen. So wird aus dem statischen Begriff (queer) eine kritische Herangehensweise (queeren). Beim Queeren geht es nicht darum, das richtige Etikett oder die richtige Formulierung zu finden. Es geht vielmehr darum herauszustellen, wie Theologie herrschende Hierarchien und Ausschlüsse mitproduziert werden (Tonstad 2018, 64). Queeren ist dann ein Diagnoseinstrument für jede Theologie. Es öffnet den Raum, dass Verhältnisse auch anders sein könnten. Es ist der erste Schritt auf dem Weg der Veränderung.
Chris Greenough, Queer Theologies. The Basics (2020)
Die dritte und jüngste Einleitung ist kein eigener Entwurf im engeren Sinn. Chris Greenough arbeitet enzyklopädisch. Zweierlei lässt sich hier trotzdem gut zeigen: Einerseits die Entwicklungslinien, die in queerer Theologie zusammenkommen. Und andererseits die Tatsache, dass queere Theologie – entgegen einigen Vorurteilen – kein westliches Phänomen ist, sondern mittlerweile in verschiedenen internationalen Diskursräumen angekommen ist bzw. dort eigene Wurzeln und Geschichte hat. Wer sich für eine historische und eine intersektionale Perspektive interessiert, wird bei Greenough fündig oder liest am besten gleich den Womanistische Queere Theologischen Entwurf „Our Lives Matter“ von Pamela Lightsey.
Aus dem Herzen über den Kopf in die Hände
Das Genre der Einleitungsliteratur zeigt deutlich: Queer/ende Theologien sind kein einheitliches Feld. Es gibt unterschiedliche Ansätze, die nicht spannungsfrei nebeneinanderstehen und die unterschiedlichen Ziele verfolgen. Es lohnt sich daher, mehr als eine Einleitung zu lesen. So kommt man vielleicht dem auf die Spur, was das eigene Verständnis von queer/enden Theologien ausmachen kann. Wenn Sie mich fragen: Für mich beginnt eine gelingende queerende Theologie bei meiner eigenen Lebenserfahrung. Aus dem Community Organizing gibt es dafür das schöne Bild des Herzens, welches genau für diesen exitentiellen Ausgangspunkt steht. Die Perspektive des kritischen Queerens hilft dann vielleicht diese Erfahrungen einzuordnen und im größeren Zusammenhang zu verstehen: Die Verhältnisse sind menschengemacht und können deswegen auch andere sein. Diese Kopfperspektive eröffnet dann die Frage – was kann ich tun, damit es nicht so bleibt, wie es ist. Dafür stehen symbolisch die Hände. Queerende Theologien ist für mich also eine HerzKopfHandTheologie.




