Im Jahr 2020 ging der evangelische Theologe Joachim Lenz als Propst nach Jerusalem. Dort war er für die deutschsprachige Gemeinde zuständig und vertrat die Interessen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Heiligen Land.
Eine Pandemie und viele Konflikte später kehrt Lenz zurück nach Deutschland und will dennoch die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben, sagt er in einem Interviewe mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
epd: Herr Lenz, Ende Juli verlassen Sie Jerusalem nach sechs Jahren als Propst. Fällt Ihnen der Abschied schwer oder überwiegt die Vorfreude auf die Rückkehr nach Deutschland?
Joachim Lenz: Es gibt ein lachendes und ein weinendes Auge. Ich freue mich darauf, wieder in einer anderen Atmosphäre zu leben. Mir ist klar, dass sich auch in Deutschland vieles verändert hat. Als ich vor sechs Jahren ging, gab es keinen Drohnenkrieg, und Russland wurde noch nicht als unmittelbare Bedrohung gesehen.
Trotzdem werde ich es nicht vermissen, morgens zuerst nachzusehen, ob in der Nacht wieder Raketen geflogen sind. Ein englischer Kollege hat einmal gesagt: Wenn man dieses Land verlässt, fällt der Luftdruck. Das trifft es ziemlich gut.
Gleichzeitig mache ich gerade vieles zum letzten Mal. Ich könnte eine lange Liste von Menschen und Aufgaben aufzählen, die ich vermissen werde.
Vor zwei Wochen habe ich meine letzte Andacht in der Schule Talitha Kumi in Beit Jala im palästinensischen Autonomiegebiet gehalten. Dort gemeinsam mit muslimischen und christlichen Schülerinnen und Schülern eine Andacht zu gestalten, die niemanden vereinnahmt und trotzdem trägt, ist etwas Besonderes.
Herrnhuter Stern als Vorbote des Friedens
Was hat Sie in den vergangenen sechs Jahren als Jerusalemer Propst persönlich am stärksten geprägt?
Lenz: Als ich mich vor Kurzem im Kreis der Heads of Churches, der Kirchenleitungen in Jerusalem, verabschiedet habe, habe ich gesagt: Ich war jetzt sechs Jahre hier - das waren eine Pandemie und vier Kriege. Alle nickten. Zugleich habe ich erfahren, dass trotz allem immer noch etwas möglich ist. Ich habe miterlebt, wie die Kirchen und die Christinnen und Christen es hier schaffen, den Kopf über Wasser zu halten.
Wir haben nach dem Terrorangriff der Hamas einen Herrnhuter-Stern in unserer Kirche aufgehängt. Er soll dort bleiben, bis Frieden wird. Ich habe mich bis heute nicht getraut, ihn abzunehmen. Wir feiern weiterhin Gottesdienste, veranstalten Konzerte und Andachten - wir sind einfach weiter da.
Besonders beeindruckt haben mich unsere arabischsprachigen Geschwister in den palästinensischen Gemeinden. Sie leben unter großem Druck, gerade im Westjordanland und auch in der Jerusalemer Altstadt. Trotzdem geben sie die Hoffnung nicht auf. Das gilt auch für die Jugendlichen an der Schule Talitha Kumi. Viele erleben, dass ihre Eltern versuchen auszuwandern. Und doch begegnen sie der Zukunft nicht mit Bitterkeit oder Gewalt. Diese Hoffnung zu erleben, war für mich etwas ganz Besonderes.
Der Druck auf die Christen steigt
Wie hat sich die Situation der christlichen Gemeinden während Ihrer Amtszeit verändert?
Lenz: Die Situation ist in diesen sechs Jahren noch einmal schwieriger geworden. Der Druck steigt - sozial und wirtschaftlich. Die Menschen im Westjordanland sind zum allergrößten Teil ohne Arbeit. Meine letzte Zahl für Bethlehem ist zwar schon ein Jahr alt, aber damals lag die Arbeitslosigkeit bei 80 Prozent. Entsprechend groß ist der Druck, das Land zu verlassen.
Aus unserer Partnerkirche, der Evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land, höre ich, dass in den vergangenen zwei Jahren rund 40 Familien ausgewandert sind. Das ist ein erheblicher Aderlass. Natürlich betrifft diese Situation nicht nur die Christinnen und Christen. Wir machen weniger als zwei Prozent der Bevölkerung aus. Entsprechend haben die Kirchen vor Ort keine große Stimme. Gleichzeitig wird aus allen Kirchen berichtet, dass die israelische Verwaltung erkennbar weniger Rücksicht auf die Kirchen nimmt.
Grundsteuern werden erhoben, die seit Jahrhunderten nicht erhoben wurden. Es gibt weder in der Jerusalemer Stadtverwaltung noch auf Regierungsebene Ansprechpersonen für die Kirchen. Als vor einigen Wochen eine katholische Ordensfrau brutal zu Boden gestoßen und getreten wurde, gab es viel Solidarität aus der israelischen Gesellschaft. Aber kein einziger Politiker kam.
Kirchen versuchen, die Türen offenzuhalten
Welche Rolle können die Kirchen in einer so festgefahrenen Konfliktlage überhaupt noch spielen?
Lenz: Wir versuchen, im Kleinen die Türen offenzuhalten - nicht nur für Deutschsprachige, auch für viele andere - und den ökumenischen Partnerkirchen möglichst viel an Unterstützung zukommen zu lassen. Wir versuchen auch, diejenigen zu stärken, die sich hier für eine gerechte und friedliche Zukunft einsetzen.
Dazu gehören die Rabbis for Human Rights, Women Wage Peace, der Parents Circle und andere Menschenrechtsorganisationen, die sich auf beiden Seiten unermüdlich um Verständigung bemühen.
Als Gemeinde haben wir finanziell nur einen sehr engen Spielraum, auch weil uns durch den ausbleibenden Pilgertourismus Einnahmen fehlen. Trotzdem hat der Kirchengemeinderat auch in diesem Jahr den alljährlichen Marsch für Menschenrechte und Frieden wieder finanziell unterstützt. Wir versuchen, die Guten anzuschieben.
Welche Botschaft möchten Sie den Kirchen und der Politik in Deutschland mitgeben?
Lenz: Wir haben als Deutsche und als Kirchen eine besondere Aufgabe, Antisemitismus entschieden entgegenzutreten. Daran gibt es für mich überhaupt keinen Zweifel. Die Existenz des Staates Israel ist, wie die evangelischen Kirchen sagen, ein Zeichen der Treue Gottes.
Aber dass unsere arabischsprachige Schwesterkirche und die kleinen christlichen Kirchen trotz allem immer noch da sind, ist für mich ebenfalls ein Zeichen der Treue Gottes. Die Kirchen und die Menschen hier verdienen unsere Unterstützung. Viele leben in einer sehr gewaltvollen und ungerechten Situation. Das auszusprechen, ist unsere Aufgabe.




