evangelisch.de: Wie sind Sie dazu gekommen, bei den Pop-Gottesdiensten mitzuwirken und die Songs großer Popkünstler:innen zu interpretieren?
Tine Wiechmann: In Heidelberg habe ich in verschiedenen Zusammenhängen Popmusik in der Kirche gemacht. Hierbei lernte ich Vincenzo Petracca, den Citykirchen-Pfarrer der Heiliggeistkirche, kennen. Wir entwickelten gemeinsam das Format der Pop-Gottesdienste. Zunächst beschäftigten sie sich vor allem mit Künstler:innen, die wir persönlich spannend fanden, wie Madonna oder Peter Gabriel. Die Gottesdienste wurden gut angenommen und wuchsen in der Region. Mit dem großen Medienecho zum Taylor-Swift-Gottesdienst 2024 gab es dann noch einmal einen großen Schub. Ich freue mich, dass das Interesse seitdem beständig hoch blieb.
Sind Sie selbst Fan von Pop? Oder welche Musik hören Sie privat?
Tine Wiechmann: Ich bin ein großer Pop-Fan, wobei mein persönlicher Geschmack meistens nicht ganz aktuell ist. Neben der Musik an sich finde ich die Kultur um die Musik und was sie über den Zeitgeist aussagt sehr spannend. Privat höre ich aber nicht nur Popmusik. Je nach den Umständen, wie der Stimmung, der Situation oder Jahreszeit läuft bei mir ganz Verschiedenes wie zum Beispiel Barock, Blues oder Progressive-Rock.
Sarah Neder ist Redakteurin bei evangelisch.de und arbeitet daneben als freie Journalistin und Autorin. Nach Stationen bei der FAZ und der Offenbach-Post zog sie nach Manchester, wo sie unter anderem für den Tagesspiegel und den Dumont-Reiseverlag schreibt. Seit November 2020 gehört sie zum evangelisch.de-Team.
Was ist für Sie die größte musikalische und emotionale Herausforderung daran, bekannte Pop-Songs in einem kirchlichen Kontext zu singen?
Tine Wiechmann: Das bringt je nach Künstler:in, Song und Umständen ganz verschiedene Herausforderungen mit sich. Im Taylor-Swift-Gottesdienst habe ich ein Lied gesungen, das sie für ihre an Krebs erkrankte Mutter schrieb, nicht lange nachdem meine eigene Mutter an Krebs gestorben ist; das war emotional nicht leicht, aber auch schön. Bei der Interpretation von provokanten Lady-Gaga-Songs habe ich gehofft, dass die Besucher:innen mit uns nachvollziehen, dass hier ein lyrisches Ich spricht und der Song als Kunstwerk, nicht als Gemeindelied im Gottesdienst zu verstehen ist; auch das hat einen Druck erzeugt. Wir interpretieren die meist sehr aufwändig im Studio produzierten Titel mit einer vierköpfigen Band live in einer riesigen Kirche. Darum arrangiere ich sie hierfür um; das sind dann keine Coverversionen, die möglichst nahe ans Original reichen wollen, sondern eigenständige Interpretationen. Insofern habe ich den Eindruck, dass niemand von mir erwartet, wie die jeweiligen Stars zu klingen. Anständig üben muss ich natürlich trotzdem, aber auch das ist eine schöne Herausforderung.
Wie verändert sich Ihre Interpretation der Songs, wenn sie nicht auf einer Konzertbühne, sondern im Rahmen eines Gottesdienstes stattfinden?
Tine Wiechmann: Da gibt es für mich verschiedene Modi: Manchmal wird ein Song als Aussage über Religion von Vincenzo Petracca ausgelegt. Er führt dann intensiv in die Liedtexte ein und verknüpft sie mit Bibelstellen, Interviewaussagen der Künstler:innen oder theologischen Informationen. In diesen Fällen versuche ich diese Aspekte in meiner Interpretation hervorzuheben. Manchmal vermitteln die Lieder selbst eine christliche Botschaft, dann gebe ich mir Mühe, den Besucher:innen den Trost, die Hoffnung oder Liebe ganz direkt zu singen. In unseren Gottesdiensten gab es dabei für mich immer sehr intensive Momente der Verbindung mit Besuchenden. Da ist ein Blick, eine Geste, wir öffnen uns und erkennen einander für einen Moment. Das ist eine Gemeinschaft im Glauben; das erlebe ich auf Konzertbühnen nicht.
"In unseren Gottesdiensten gab es dabei für mich immer sehr intensive Momente der Verbindung mit Besuchenden"
Welche Rolle spielt für Sie die Verbindung von Popmusik und Spiritualität?
Tine Wiechmann: Ich halte diese Verbindung für sehr fruchtbar. Meine Beschäftigung mit dem Thema hat mir gezeigt, dass es mehr Künstler:innen gibt, deren nähere Betrachtung hier lohnt, als ich dachte: Harry Styles singt von einem Gebet, Adele von der Angst, von Gott verworfen zu werden. Auch aktuelle Musik setzt sich also vielfältig mit Religion auseinander, das Thema ist relevant und in der Welt. Für manche Menschen ist dieser Zugang intuitiver und weniger fremd und ich freue mich, diese Menschen so in die Kirche einladen zu können. Ich persönlich kann mich in der Popmusik mit mehr Leichtigkeit und unmittelbarer ausdrücken, das genieße ich natürlich auch. Generell denke ich aber, dass kein Musikstil an sich für die Kirche besser oder schlechter geeignet ist als ein anderer. Wenn Menschen hörend oder handelnd beispielsweise vertrauter mit zeitgenössischer klassischer Musik sind, gelten vermutlich ähnliche Argumente.
Wie reagieren Ihrer Erfahrung nach die Gottesdienstbesucher:innen auf die Musik?
Tine Wiechmann: Die Reaktionen reichten von Verbundenheit und Freude bis zu Wut darüber, dass wir solche Gottesdienste veranstalten. Aber in der Regel erreichen mich viele positive Rückmeldungen. Ich freue mich besonders, wenn Menschen sich persönlich gesehen und angesprochen fühlen. Ich selbst bin in einer atheistischen Familie aufgewachsen und war als junge Erwachsene auf der Suche nach Gott. Klassische Gottesdienste empfand ich damals für mich als wenig zugänglich, da ich den Eindruck hatte, ich sollte Lieder und Liturgien kennen, um richtig mitmachen zu können. Wenn Menschen, egal ob sie regelmäßig in die Kirchen gehen oder nicht, einen Impuls für ihren Glauben finden und vielleicht sogar eine neue Tür aufgeht, macht mich das froh.
Wo sehen Sie die Zukunft solcher Pop-Gottesdienste: eher als Ausnahmeformat oder als festen Bestandteil kirchlicher Praxis?
Tine Wiechmann: Dieses spezielle Format ist keines für einen wöchentlichen Gottesdienst. Die Auswahl der Künstler:innen würde schnell beliebig. Außerdem ist die Vorbereitung zu intensiv, das ist wöchentlich nicht zu leisten. Solange unser halbjährliches Format weiterhin so gut besucht wird, möchte ich es aber als festen Bestandteil fortführen. Darüber hinaus denke ich, dass Popmusik in der Kirche zum Beispiel in Form von Gemeindegesang eine größere Rolle spielen kann. Das funktioniert aber nur, wenn die Gemeinden vor Ort das auch wollen und die Menschen, die sie machen, gut dafür ausgebildet sind.
Wer nun Tine Wiechmann einmal live erleben will, kann das zum Beispiel beim Ed Sheeran-Gottesdienst am 11. Oktober 2026 in der Heiliggeistkirche in Heidelberg tun. Weitere Infos gibt es auf der Webseite der Gemeinde.




