Seit der Wirtschaftsflügel der CDU das Recht auf Teilzeitarbeit infrage stellt, ist in Deutschland eine Diskussion um die sogenannte "Lifestyle"-Teilzeit entbrannt. Auch der evangelische Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (kda) in Nürnberg und München hat das "Spannungsfeld Arbeitszeit" zum Jahresthema 2026 seiner Erwachsenenbildung gemacht. Warum er die Forderungen nach mehr Erwerbsarbeit kritisch sieht, erläutert kda-Leiter Peter Lysy im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst.
epd: Herr Lysy, arbeiten wir Deutschen zu wenig, wie es Teile der CDU behaupten?
Peter Lysy: Man muss gut differenzieren. Die wöchentliche Arbeitszeit in Deutschland - über die jetzt diskutiert wird - liegt mit 34,3 Stunden unter dem europäischen Durchschnitt von 36,8 Stunden. Das liegt jedoch daran, dass wir eine höhere Teilzeitquote als andere Länder haben. Es heißt eben gerade nicht, dass Vollzeitkräfte bei uns im Schnitt weniger arbeiten als woanders.
Die hohe Teilzeitquote ist übrigens eine Erfolgsgeschichte, weil es uns in den vergangenen Jahren gelungen ist, vor allem viele Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, die früher gar nicht gearbeitet hätten. Daher ist auch das Gesamtarbeitsvolumen, also die Zahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden, in Deutschland so hoch wie noch nie.
Die meisten Teilzeitbeschäftigten haben laut Statistischem Bundesamt dafür konkrete Gründe - nur bei 28 Prozent war es lediglich "der eigene Wunsch". Kann man da von "Lifestyle"-Teilzeit sprechen?
Lysy: Die allermeisten Menschen, die nicht in Vollzeit Erwerbsarbeit leisten, übernehmen zusätzlich weitere Aufgaben. Sie betreuen Kinder, pflegen Angehörige oder üben ein Ehrenamt aus. Wer macht die ehrenamtliche Arbeit in den Kirchengemeinden? Senioren und Frauen. In ihrem Antrag wollte die Mittelstandsunion einen Unterschied hinkriegen zwischen genehmigungsfähiger und nicht genehmigungsfähiger Teilzeit - zwischen akzeptablen Gründen, in Teilzeit zu arbeiten, und nicht akzeptablen. Ich frage mich, wer diesen Unterschied beurteilen soll.
Würde das die arbeitsrechtliche Logik umdrehen? Bisher hat man als Arbeitnehmer generell das Recht auf Teilzeit.
Lysy: Ja, man hat das Recht, auf Antrag Teilzeit zu bekommen. Die betriebsbedingten Gründe, einen solchen Antrag abzulehnen, müssen gewichtig und nachvollziehbar sein. Würde man das ändern, wäre nicht mehr der Arbeitgeber in der Begründungspflicht für die Ablehnung, sondern der Arbeitnehmer müsste seinen Teilzeitantrag begründen.
Schwierig wäre auch, wie der Arbeitgeber die Gründe überprüfen soll, etwa welchen Pflegegrad der Angehörige hat, um den Betreuungsbedarf zu belegen, oder ob nicht auch Oma und Opa sich um das Kind kümmern könnten, damit Mama und Papa Vollzeit arbeiten können. Meines Erachtens würde das zu viel mehr Bürokratie und damit zusätzlichen Kosten in den Betrieben führen. Zudem stünde dann schnell die Frage im Raum, ob und wie Arbeitgeber in das Privatleben ihrer Beschäftigten eingreifen.
Wenn gesagt wird, die Deutschen arbeiten zu wenig - welcher Begriff von Arbeit steckt dahinter? Sind Kinderbetreuung, Pflege und Ehrenamt keine Arbeit?
"Niemand misst, was etwa Ehrenamt, Kinderbetreuung oder auch Erholung zum gesellschaftlichen Wohlstand beitragen."
Lysy: Mit "Arbeit" meinen wir allzu oft nur die Erwerbsarbeit, weil sich allein diese im Bruttoinlandsprodukt niederschlägt. Niemand misst, was etwa Ehrenamt, Kinderbetreuung oder auch Erholung zum gesellschaftlichen Wohlstand beitragen. Und dieser drückt sich auch nicht nur im BIP aus. Durch diesen eingeschränkten Arbeitsbegriff ist das Thema Teilzeit meines Erachtens stark ideologisch aufgeladen.
Dabei braucht die Gesellschaft auch die Hausarbeit, auch das Kümmern um andere Menschen. Einer verzweifelten Freundin eine Stunde lang zuzuhören kann auch Arbeit sein, aber das kann man nicht messen. Hier dann von Care-Arbeit zu sprechen, löst unser Wahrnehmungsproblem nicht. Vielmehr sollten wir nicht allgemein von "Arbeit" reden, wenn wir eigentlich nur "Erwerbsarbeit" meinen.
Ist Arbeit nur etwas Negatives, das man als Mensch vermeiden will?
Lysy: Ich sehe nicht, dass die Menschen nicht arbeiten wollen. Es gibt viele unterschiedliche Einstellungen zur Arbeit: von dem, der sich genau ausrechnet, dass das Geld aus seiner Teilzeit zum Leben reicht, bis hin zu dem, der leidenschaftlich 60 Stunden oder mehr die Woche arbeitet. Dieses Spektrum gibt es über alle Generationen hinweg, insofern stimmen auch die Vorurteile gegen die angeblich arbeitsscheue "Generation Z" nicht.
Trotzdem: Wird nicht mehr Erwerbsarbeit nötig werden, um unser Wohlstandsniveau zu halten?
Lysy: Klar ist: Wir haben inzwischen in manchen Bereichen nicht nur einen Fachkräfte-, sondern sogar einen Arbeitskräftemangel, der sich durch den demografischen Wandel zu verstärken droht. Es ist offen, ob wir das derzeitige Arbeitszeitvolumen halten können, aber auch, ob wir es halten müssen, um unseren Wohlstand zu sichern.
Die Frage ist, ob unser Wohlstand an der Menge der geleisteten Erwerbsarbeit hängt oder ob wir ihn nicht mit effizienteren Prozessen sichern können. Die Steigerung der Effizienz war in Deutschland immer ein Erfolgsfaktor. Darum verstehe ich nicht, warum man sich jetzt so auf die Arbeitszeit einschießt. Auch die Vorstöße, Arbeitszeit zu flexibilisieren, gehen ja in diese Richtung.
Was ist die evangelische Sicht auf Arbeit?
Lysy: Der evangelische Berufsbegriff umfasst jede Form von Arbeit. Im "Be-Ruf" steckt der "Ruf Gottes". Wir Menschen sind berufen, an dem Ort, an den wir gestellt sind, mit den Menschen, denen wir da begegnen, und bei all dem, was uns dabei vor die Füße fällt, uns einzubringen, zu dienen. Diese Verantwortung kann sehr vielfältig sein: für den Kunden, das Team, die Kinder, den Verein, die Eltern. Weil wir dürfen und können, sollen wir uns auch kümmern, mit den Gaben, die uns gegeben sind. Wir sind ermächtigt und beschenkt zum Tun.
Arbeit ist nichts, was uns knechten müsste oder was wir aus irgendeiner abstrakten Pflicht oder allgemeinen Moral zu erledigen hätten. Sie gehört vielmehr zu unserem Auftrag in der Welt, für den Gott jeden und jede von uns mit Gaben ausstattet, die wir miteinander teilen, da wir als Gottes Geschöpfe einander zugewiesen und aufeinander angewiesen sind.


