Erste oder zweite Familie – getragen vom großen „Ja“

Schärpenträger mit Mama beim ILBS in Sevilla
MLC München
Schärpenträger mit Mama beim ILBS in Sevilla
Gottes Ja
Erste oder zweite Familie – getragen vom großen „Ja“
"Du bist mein geliebtes Kind", diesen Zuspruch braucht jede Person, um sich selbst zu bejahen und wachsen zu können, ist unser Autor überzeugt.

Das Wochenende vom 15. bis 18. Januar stand in Sevilla ganz unter dem Vorzeichen von Stiefeln und Leder: Der Verein International Leather and Boots Spain (ILBS) lud zum zehnten Mal zur Wahl des Mister ILBS.

Gewählt wurde Miguel Pires – aber heimlicher Star des internationalen Treffens war die Mutter von Andy, dem Bavarian Mister Fetish. Selbst im Gruppenfoto der internationalen Schärpenträger ist sie zu sehen. Unübersehbar, dass hier eine Mutter ihrem Sohn volle Unterstützung gibt! Die Kommentare im WhatsApp-Kanal des Münchner Löwen Clubs, dem Heimatverein des Bavarian Mister Fetish, sind entsprechend eindeutig: „Mama ist der Hammer“, schreibt jemand, ein anderer: „Mein Vater spricht noch heute nur von meiner ‚Veranlagung‘“. Andy selbst sagt: „Mama ist vom ganzen Club gefeiert und adoptiert worden“ und ein anderer ergänzt: „Viele waren zu Tränen gerührt“.

Die Mutter selbst sagt: „Was ich in Sevilla erlebt habe, wird unvergesslich sein. Ich als Mutter wurde in die Mitte genommen. Diese Liebe, diese Freundlichkeit und Herzlichkeit haben mich sehr beeindruckt. Was mich sehr traurig macht, ist, dass viele in der Szene oft so wenig Rückhalt oder Verständnis von den Eltern erfahren. Ist denn mein Kind nach dem Outing weniger mein Kind? Natürlich haben alle Eltern eine ‚Idealvorstellung‘, wie das Leben des Kindes sein soll. Die funktioniert in der Realität nur selten.“

Was in diesen Worten zum Ausdruck kommt, ist ein bedingungsloses Ja zum Anderen, hier zum eigenen Kind. Ein Reflex des bedingungslosen Ja, das Gott zu jeder und jedem sagt. Dieses doppelte Ja trägt uns, gibt uns Freiheit, als die zu leben, die wir sind.

Andy selbst sagt über den Rückhalt durch seine Eltern: „Schon seit meiner Schulzeit war ich immer ein wenig ‚außen vor‘ – Nerd, schwul, dann Gothic, später Fetisch. Aber durch all diese Kapitel haben mich meine Eltern mit Liebe und Verständnis begleitet. Dabei ist mir sehr bewusst, dass ich mit diesem bedingungslosen Rückhalt meiner Familie unglaubliches Glück habe – das ist in der queeren Szene leider keine Selbstverständlichkeit.“

Wo dieser Rückhalt da ist, da gibt er Kraft. Aus der engen Verbundenheit mit den Eltern, aus der Erfahrung, so geliebt zu werden, wie ich bin, entspringen dann möglicherweise auch ähnliche Ideale und Haltungen. Noch einmal Andy: „Meine Eltern sind meine großen Vorbilder: Meine Mutter setzt sich stets für andere ein, sie hat die Großeltern und auch die Schwester häuslich gepflegt und übernimmt immer Verantwortung für andere. Von meinem Vater, einem ehemaligen Polizisten, habe ich ein ausgeprägtes Gespür für Gerechtigkeit geerbt. Diese Werte prägen mich bis heute.“

Und wo dieser Rückhalt nicht da ist? Aus dem eingangs erwähnten Zitat aus dem Chat klingt eine tiefe Enttäuschung durch, die über Jahre anhält. Ein inniges Verhältnis zu den Eltern ist dann kaum mehr möglich – oder nur, wenn das eigene Sexualleben, die eigenen Partnerschaften ausgeblendet werden. In Seelsorge- und Beratungssituationen erlebe ich oft, dass Queers, die von ihren Eltern Ablehnung erfahren, oft über Jahre Schwierigkeiten haben, sich selbst so anzunehmen, wie sie sind. Mir ist es in solchen Gesprächen dann umso wichtiger zu betonen: „Du bist – so wie du bist – Gottes geliebtes Kind, Gott sagt bedingungslos Ja zu dir!“

Für viele, die in der Ursprungsfamilie Ablehnung erfahren, ist es wichtig und eine große Unterstützung, in der queeren Szene eine zweite Familie zu finden – sei es in Coming-Out-Gruppen, in der Queer-Gemeinde oder im Fetish-Verein. Noch einmal Andy: „Der Verein ist auch für uns die ‚zweite Familie‘. Curtis, mein Mann, als Vorstand, ich aktuell als Titelträger, aber auch sonst sehr engagiert in allem, was der Verein erfordert. Das Kernteam des Vereins kommt einer Großfamilie gleich. Wir beide sind dort jetzt seit zehn Jahren, haben Corona überstanden, viele Projekte begleitet, Jubiläen gefeiert, aber auch schmerzliche Momente wie den Tod von sehr geschätzten Mitgliedern erlebt. Dabei hat sich gezeigt, dass der MLC für viele Mitglieder weit mehr als ein Vergnügungsort ist. Die Online-Stammtische gaben unseren Mitgliedern und Freunden Halt in der schweren Zeit von Corona, in der viele mit Vereinsamung zu kämpfen hatten – auch, weil manche eben keinen guten Draht zu ihren Familien haben. Zu den Trauerfeiern verwandelte sich unser Vereinsheim abermals und bot den Gästen einen liebevollen und angemessenen Raum, um von unseren Mitgliedern in der Form Abschied zu nehmen, wie wir sie wirklich kannten und wie wir es in der Öffentlichkeit möglicherweise nicht hätten tun können.“

Ganz ähnliche Erfahrungen ließen sich ganz sicher aus vielen Queer-Gemeinden berichten.

„Der Mensch wird am Du zum Ich“, hat der jüdische Philosoph Martin Buber gesagt. Wir brauchen ein Gegenüber, wir brauchen Verbundenheit, wir brauchen eine Stimme, die zu uns sagt: „Ja, es ist gut, dass du da bist – und dass du so bist, wie du bist.“ Auf dieses Ja können wir antworten – mit Liebe, mit Verantwortung, mit Engagement. Nicht immer müssen wir mit dem Gegenüber einer Meinung sein, wir können und dürfen unseren Standpunkt vertreten – weil wir ja zugleich den Standpunkt des oder der anderen achten und auch zu ihnen sagen: „Es ist gut, dass du da bist.“ So gegenseitig bejaht können wir gemeinsam wachsen.

Dieses gegenseitige Bejahtsein hat übrigens auch Andys Mutter erfahren: „Wir als Eltern sind von Anfang an in München durch Andy und Curtis aufgenommen worden. Es hat eigentlich nur wenige Menschen gegeben, die es merkwürdig fanden, dass wir als Eltern bei manchen Veranstaltungen dabei waren. Auch in unserem heimischen privaten Umfeld hat es gelegentlich komische Blicke gegeben. Aber für uns war und ist es wichtiger, am Leben von Andy teilzuhaben.“ 

Wir sind eben eine große, bunte Familie!

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