Wie predigt man über den Holocaust?

Gottesdienst in der Versöhnungskirche auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau
epd-bild/Benno Grieshaber
Gottesdienst in der Versöhnungskirche auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau am 27.1.2008 (Archivbild).
Holocaust-Gedenk-Gottesdienste
Wie predigt man über den Holocaust?
Wie kann ein Gottesdienst zum Holocaust-Gedenktag aussehen? Zwei Menschen, die Gedenkandachten gestalten, suchen nach einer Sprache zwischen Verantwortung, Demut und Trost.

Kerzen werden entzündet, Namen gelesen, Musik erklingt. Der 27. Januar, Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, ist in vielen Gemeinden ein fester Termin für Gedenkgottesdienste, Andachten, stille Minuten.

Und doch stellt sich jedes Jahr die gleiche Frage: Wie kann im Gottesdienst über den Holocaust, über das "unaussprechliche Grauen", gesprochen werden, ohne es in Phrasen zu pressen oder zu ritualisieren?

Bente Schneider aus Hamburg fällt eine gängige Formel besonders schwer. "Wehret den Anfängen - wenn ich diesen Satz höre, finde ich ihn so falsch", sagt sie. Eine "leere Phrase" sei das, "weil wir die Anfänge schon überschritten haben". Ein ähnliches Unbehagen hat Schneider beim Hashtag #niewieder: "Ein wenig geht es mir auch mit #niewieder so, der am 27. Januar und am 9. November überall in den Sozialen Medien erscheint, während des Rests des Jahres dann aber in Vergessenheit gerät."

Schneider ist Teil der Geschichtswerkstatt Barmbek und Mitglied des Kirchengemeinderats in der Hamburger evangelischen Kirchengemeinde St. Gertrud. Am 27. Januar (18 Uhr) hält sie dort gemeinsam mit Pastorin Christine Cornelius eine Andacht, das Ensemble Chordial singt Werke jüdischer Komponisten. Dabei bleibt es in Hamburg-Nord nicht nur bei einem einzigen Datum, hier finden die Wochen des Gedenkens statt - in diesem Jahr unter dem Überbegriff Zwangsarbeit.

Nah an Orten und Schicksalen

"Wir haben heute vielleicht keine direkte Schuld mehr, aber das Wissen, was Menschen Menschen antun können. Das birgt die Verantwortung, dieses Wissen weiterzugeben, damit so etwas wie die Schoah nie wieder passiert", sagt Schneider. Doch wie lässt sich Verantwortung vermitteln, ohne das Erinnern abstrakt werden zu lassen? "Ich versuche, immer so lokal wie möglich zu gehen und die einzelnen Menschen und ihre Schicksale in den Fokus zu stellen", erklärt sie. Persönliche Schicksale blieben eher im Kopf hängen und böten Menschen eher die Möglichkeit, ihre Sichtweise zu ändern.

Gedenktage als Routine hält Schneider für gefährlich: "Der Holocaust war nicht nur an zwei Tagen im Jahr." Damit das Grauen nicht in Sensationslust kippt, ist sie mit ihren Worten sehr klar, ohne Details zu beschreiben. "Das passiert automatisch in den Köpfen der Menschen, wenn man von Euthanasie-Opfern spricht", weiß Schneider.

Ähnlich kritisch sieht Friedhelm Boyken ritualisierte Formulierungen, auch er kann mit Sätzen wie "Wehret den Anfängen" wenig anfangen. Der Politikwissenschaftler ist Prädikant und Mitglied des Kirchengemeinderats in der evangelischen Heiligengeistgemeinde in Kiel. Am Sonntag, 25. Januar (10 Uhr), feiert er einen Gedenkgottesdienst für die Opfer des Nationalsozialismus in der Ansgarkirche.

Überlebenden eine Stimme geben

In Kiel werden unter anderem Lieder und Zeitzeugenberichte wie Paul Celans "Todesfuge" und Erinnerungen von Jorge Semprun und Elie Wiesel vorgetragen. "Wir wollen den Überlebenden selbst eine Stimme geben", sagt Boyken. Texte, die unter die Haut gehen. "Da muss man nicht mehr groß von den Schrecken erzählen." Augenzeugenberichte reichten aus - sie trügen das Entsetzen in sich. Der Kreis der Opfer werde in der Kieler Kirche bewusst weit gefasst: "Wir schauen nicht nur auf die Juden, sondern auch auf andere Opfergruppen wie queere Menschen, Kommunisten, Sozialdemokraten."

Die Heiligengeistgemeinde liegt unweit der jüdischen Gemeinde in Kiel, auch im Alltag gebe es Begegnungspunkte, etwa den "Monat gegen Antisemitismus", Konzerte der jüdischen Gemeinde in der Ansgarkirche, Einladungen in den jüdischen Gottesdienst. "Das Gedenken im Alltag ist das Tun", erklärt er. Auch Boyken betont: "Die Menschen, die zu uns in den Gottesdienst kommen, denen muss ich die Schrecken des Holocaust nicht beschreiben."

 

Politische Grundsatzrede wäre falsch

Zugleich ist jeder Gottesdienst Gegenwart. "Jeden Sonntag, aber an Gedenktagen wie dem 27. Januar noch einmal mehr, habe ich keine Ahnung, in welche Masse von Menschen ich da hinein spreche", sagt er. Welche Traumagedanken, Probleme und Erfahrungen die Menschen mitbringen, die im Gottesdienst sitzen. "Eine politische Grundsatzrede wäre da falsch. Meine Aufgabe ist es, das Evangelium zu verkünden und Trost und Hoffnung zu spenden."

Auch deshalb lehnt Boyken routinierte Moral ab. "Es ist eine Aufgabe von Gesellschaft und Kirche zu erarbeiten, wie wir uns erinnern, ohne mit einer Moralkeule zu kommen", sagt er. Was Schneider und Boyken verbindet, ist das Misstrauen gegenüber einfachen Sätzen. Beide halten Erinnern für etwas, das nicht "erledigt" ist. Nicht als Pflichttermin im Kalender, sondern als Aufgabe, die sich jeden Tag neu stellt.