An der Schreibtischlampe hängt ein kleiner Magnet. „Fürchte dich nicht!“, steht darauf. Wenn ich schreibe, sehe ich ihn. Ob E-Mails, Bücher, Blogs, Radiobeiträge. Wenn ich aus dem Fenster schaue und auf meine Kirche blicke. Wenn ich telefoniere und an andere denke. Jeden Tag lese ich: „Fürchte dich nicht!“ Auf blauem Grund. Mit lauter kleinen Sternen, die wie Schneeflocken vom Himmel fallen.
Am Montag ist Holocaust-Gedenktag. Er erinnert an die Befreiung der Menschen aus dem Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945. Durch russische Soldaten. Der Tag gilt allen Opfern des Nationalsozialismus.
Bei der Gedenkstunde im Bundestag wird die Holocaust-Überlebende Tova Friedman sprechen. Sie war fünf Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Sie überlebte. Sogar die Gaskammer. Die Kinder waren schon im Gebäude, da wurden sie zurückgeschickt. Weil es die falsche Gruppe war. Sie entging auch den Todesmärschen im Januar 1945. Weil ihre Mutter sie zwischen Leichen versteckte. Tova hatte keine Angst. Mit sechs Jahren.
Fürchte dich nicht …
Und heute?
Dieses „Fürchte dich nicht“ stammt aus der Bibel. Vom Propheten Jesaja. Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! So lautet der ganze Vers. Er ist mein Konfirmationsspruch und begleitet mich seither.
Für Menschen, die mit der Bibel nichts anfangen können, mag der Satz naiv klingen. Seltsam, irgendwie. Es nützt ja auch nichts, im stillen Kämmerlein zu sitzen und sich zu sagen, fürchte dich nicht. Denn es ändert nichts. Einmal abgesehen von der eigenen Stimmung, vielleicht.
Was heißt denn „Fürchte dich nicht!“?
Es heißt: Steh auf. Werde licht! Zeig dein Gesicht. Misch dich ein. Hab Mut.
Mut zu haben, darf keine Kunst sein. In einer Gesellschaft, in der die Umbrüche größer werden und die Risse tiefer, in der sich Rechtsradikale ausbreiten und Antisemitismus wächst, in einer Welt, in der Despoten regieren, die unerwünschte Personen ermorden lassen und sich an kein Recht mehr halten, muss Mut selbstverständlich sein. Um das Völkerrecht zu bewahren. Um die Demokratie zu schützen. Um den Rechtsstaat zu stärken. Um das Grundgesetz zu verteidigen. Um die Freiheit, das Leben und die Würde jedes Menschen zu achten, nicht nur bei uns. Sonst sind wir verloren. Politisch und privat.
Mut beginnt im Kleinen. Bei uns. In der Familie. In der Nachbarschaft. Im Viertel, in dem wir wohnen. In der Stadt, in der wir leben. Für das Land, das wir erhalten und behalten wollen.
Der Holocaust-Gedenktag zeigt, wohin es führen kann, wenn wir bloß zuschauen. Wenn wir zu feige sind, uns einzumischen. Der Holocaust-Gedenktag erinnert uns daran, wie wichtig es ist, mutig zu sein. Was haben wir schon zu befürchten?
Ich schaue auf das Magnet an meiner Schreibtischlampe. Sehe die Sterne. Lese den Satz. Und weiß, was ich will. Mit Mut und Gottvertrauen.
Fürchte dich nicht.


