epd: Frau Kirchenpräsidentin Tietz, Sie sind seit einem Jahr im Amt. Was hat Sie überrascht?
Christiane Tietz: Am meisten hat mich überrascht, in wie vielen gesellschaftlichen Bereichen Kirche präsent ist. Es gibt beispielsweise in der diakonischen Arbeit in Darmstadt ein Heim für wohnungslose Frauen, es gibt einen Arbeitskreis Kirche und Wirtschaft im Rhein-Main-Gebiet, eine Jugendwerkstatt in Gießen und Segen in einem Riesenrad beim Volksfest in Langen.
Also eine große Palette an Gesprächspartnern, an Orten, an Präsenz in der Gesellschaft, die man vielleicht auf den ersten Blick nicht sieht. Das hat mich fasziniert und begeistert. Kirche hat eine starke Bedeutung im Zusammenbringen von unterschiedlichen Akteuren. Damit gelingt es, über die Bubbles, also den Kreis von Gleichgesinnten, hinaus ins Gespräch zu gehen, damit nicht nur jene miteinander reden, die ohnehin der gleichen Meinung sind.
Was war ein Highlight im ersten Amtsjahr?
Tietz: Der bundesweite Vorlesetag war toll. Ich habe in einer kleinen Bibliothek einer evangelischen Gemeinde mitgemacht. Dort habe ich Kindern aus einem Buch der Reihe "Die drei vom Ast" vorgelesen. Ich habe Fragen zum Buch gestellt: "Was meint ihr denn, was können die Figuren besonders gut, was kann der Specht und was kann der Biber?"
Ich habe erklärt, dass jedes Kind etwas kann, aber eben nicht alles. Ein Kind hat sich dann gemeldet und gesagt: "Aber es gibt jemanden, der alles kann - Gott." Ich bin später glücklich gegangen, weil wir miteinander Theologie in einer ganz lebendigen Weise getrieben haben.
"Wir kriegen das nur zusammen hin"
Und über was haben Sie sich geärgert?
Tietz: Ich will es mal konstruktiv formulieren: Ich glaube, wir müssen in der Kirche noch stärker ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir alle gemeinsam die Kirche tragen und nach vorn bringen. Angesichts der Spannungslage, in der wir sind, gibt es manchmal so eine Stimmung, dass nur der eine recht hat und der andere nicht, so wie das auch in der Gesellschaft ist. Ich glaube, wir brauchen überall stärker die Haltung: Wir kriegen das nur zusammen hin. Und dann bekommen wir das auch hin!
Bei der Synode im November ist klar geworden, dass viele weitere Millionen Euro im kirchlichen Haushalt gespart werden müssen. Die EKHN wird kleiner. Wie kann es gelingen, dass ihre Stimme langfristig trotzdem gehört wird?
Tietz: Der Veränderungsprozess "ekhn2030" zielt darauf, dass wir trotz weniger werdender finanzieller und personeller Mittel eine hörbare Stimme bleiben. Die Idee des Zusammengehens der Gemeinden in größeren Einheiten, den Nachbarschaftsräumen, ist die, die Vielfalt zu bewahren. In der einen Kirche etwa machen wir ein anderes Gottesdienstformat als in der anderen. Dadurch wird die Vielfalt vielleicht sogar größer, weil die Akteure unterschiedliche Schwerpunkte setzen können.
"Wir schaffen diese Orte für Begegnung, das kann etwas so Einfaches sein wie ein Gemeindefest"
Ich habe in vielen Gesprächen mit nicht-kirchlichen Akteuren deutlich die Erwartung an uns als Kirche wahrgenommen, dass wir eine sogar noch größer werdende Relevanz bekommen. Denn Relevanz ist keine Frage, wie groß wir sind, sondern was die Gesellschaft gegenwärtig braucht. Und das sind Glaube, Hoffnung, Nächstenliebe und Begegnung. In der Situation der Vereinzelung braucht es Orte, an denen Menschen erfahren, dass es besser ist, zusammen etwas zu machen als allein. Wir schaffen diese Orte für Begegnung, das kann etwas so Einfaches sein wie ein Gemeindefest.
Auch Gemeindefeste sind heute schwächer besucht als vor 20 Jahren. Ist es nicht ein Widerspruch, dass Kirchen stärker wahrgenommen werden, aber weniger Menschen zu ihren Veranstaltungen kommen?
Tietz: Ich will ein anderes Beispiel dagegenhalten: Ich habe vor Weihnachten eine Andacht im Hessischen Landtag gehalten. Für mich hängt deren Relevanz nicht daran, wie viele Menschen kommen, sondern dass die Politikerinnen und Politiker danach sagen: "Vielen Dank! Das hat mir Kraft und Mut gegeben für meine herausfordernde Aufgabe."
"Ich frage mich oft, was mit uns los ist, woher dieser raue Ton kommt und wo das Miteinanderreden und das Mitgefühl füreinander geblieben sind"
Sie sind auf Social Media aktiv. Welche Erfahrungen machen Sie?
Tietz: Es gibt eine durchaus positive Resonanz, aber es sind manchmal natürlich Kommentare darunter, die ich einfach lösche, etwa, wenn jemand unter einen Post von mir schreibt, das sei Schwachsinn. In einer Beratung hat mir jemand gesagt: Mach das so wie in deinem eigenen Wohnzimmer. Was würdest du dort zulassen? Daran halte ich mich.
Fühlen Sie sich von Anfeindungen verletzt?
Tietz: Ja, sie treffen mich sehr, vor allem die Tonlage, in der mitunter kommuniziert wird. Kritik finde ich gar nicht schlimm, aber manchmal sind das völlig unangebrachte, menschenverachtende Kommentare, nicht nur zu meiner Person. Ich frage mich oft, was mit uns los ist, woher dieser raue Ton kommt und wo das Miteinanderreden und das Mitgefühl füreinander geblieben sind.
Das eine sind die Nutzer, das andere die Plattform-Anbieter. Die Algorithmen der Tech-Konzerne sind nach deren Interessen ausgelegt, die Fachleuten zufolge freiheits- und demokratiegefährdende Prozesse anstoßen können. Könnten Kirchen nicht gemeinsam mit anderen neue Kommunikationswege entwickeln oder Alternativen nutzen?
Tietz: Das diskutieren wir natürlich auch immer wieder. Im Herbst haben wir allerdings durchaus auch mit Tiktok eine positive Erfahrung gemacht, und zwar mit der Impulspost für junge Menschen zum Thema "Ich kann mich nicht entscheiden". Die Videos der Kampagne sind bisher 4,6 Millionen Mal geklickt worden. Das sind Zahlen, die wir auf den anderen Social-Media-Kanälen so bisher nicht erreicht haben. Sie helfen uns, dort aufzutauchen, wo die Menschen sind.
"Nach der neuen Denkschrift ist in der gegenwärtigen Situation der Schutz vor Gewalt, also die Verteidigung, prioritär"
Die EKD hat im November eine neue Friedensdenkschrift vorgelegt. Demnach ist Aufrüstung in der derzeitigen Weltlage notwendig. Warum haben Sie dem zugestimmt?
Tietz: Die Friedensdenkschrift votiert nicht pauschal für Aufrüstung, sondern betont auch die Notwendigkeit von Rüstungskontrollen. Seit dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine ist die Frage nach der Verteidigung dringender geworden. Das Konzept des gerechten Friedens, das die EKD-Schrift wieder aufgreift, beruhte auch in der vorherigen Denkschrift auf vier Säulen: Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Not und Anerkennung von Vielfalt.
Nach der neuen Denkschrift ist in der gegenwärtigen Situation der Schutz vor Gewalt, also die Verteidigung, prioritär, sonst könnten die drei anderen Säulen vom gerechten Frieden nicht bewahrt werden. Die Pointe liegt für mich in der Aussage: Selbst wenn man sich entschließt, sich zu verteidigen, wird man schuldig, weil auf der anderen Seite keine Monster, sondern Menschen stehen.
Schuldig wird man auch dann, wenn jemand nicht selbst zur Waffe greift und sich verteidigen lässt oder wenn jemand beschließt, den Nächsten nicht zu verteidigen. Das ist für mich der spezifisch kirchliche Beitrag zu dieser ganzen Verteidigungsdebatte. Die Denkschrift steht hier im Kontext von Dietrich Bonhoeffers Überlegungen. Bonhoeffer sagte: Es gibt komplexe Situationen, in denen der Mensch schuldig wird, egal wie er sich entscheidet, deshalb kann er nur von Gottes Vergebung her leben. Ich glaube, das ist leider die traurige Realität der letzten Jahre, weil es Staaten gibt, die sich nicht an das Völkerrecht halten.
Eine letzte Frage: Sie haben der EKHN bei ihrer Vorstellungsrede eine Liebeserklärung gemacht. Sind Sie noch verliebt?
Tietz (lacht): Auf jeden Fall. Wie in einer Beziehung habe ich die EKHN besser kennengelernt, das hat meine Zuneigung noch vergrößert.


