Dieses Wunder ist noch nicht freigeschaltet

Szenenbild von Jesus im Himmel
screenshot store.steampowered
Christliches Computerspiel
Dieses Wunder ist noch nicht freigeschaltet
In „I am Jesus“ können Sie selbst in Jesu Fußstapfen treten. Ist das jetzt gut oder nicht?

Christus ist geboren! Halleluja! Erinnern Sie sich noch? So klang es in den Weihnachtstagen allüberall in den Kirchen. Doch an Weihnachten geschah noch etwas anderes. Nach Jahren der Planung und Entwicklung (wir berichteten hier im Blog schon im Jahr 2019) kündigte PlayWayGames ausgerechnet am ersten Weihnachtstag ein neues Spiel an: "I am Jesus Christ" soll passenderweise am Gründonnerstag 2026, also am 2. April, endlich erscheinen. Wow, ein Spieleentwickler, der seine Daten nach christlichen Hochfesten richtet! Das ist schon mal außergewöhnlich. Bereits jetzt gibt es eine Demoversion des Spiels, auf der Spieleplattform Steam, das wir in der Version 0.6.2 natürlich ausgiebig getestet haben.

Leicht amerikanisch-pathetisch im Ton, aber meist in originalen Bibelworten, erzählt das Intro erst einmal die Geschichte von Jesu Geburt, untermalt von angenehmer, leicht sphäriger Musik. Und dann geht’s los: Jesus ist zu Hause, ein Engel kommt zu ihm und beauftragt ihn, Johannes den Täufer zu finden. Im üblichen Stil eines First person Adventuregames steuert man nun Jesus durch eine durchaus detailliert gestaltete Landschaft. Über einen Markt, auf dem die Römer den Stand eines Freundes von Johannes zerstört haben. Immer wieder gilt es, das nächste Ziel zu finden, mit Menschen zu reden, sich durchzufragen, Dinge zu entdecken. Gleich am Anfang begegnet Jesus einem Leprakranken, doch da erscheint der Hinweis: „Spiel weiter, um dieses Wunder freizuschalten.“ Einfach vor sich hin wundern ist also nicht, das muss Jesus sich erst einmal verdienen. Ach übrigens: Gelegentliches Gebet ist auch hilfreich. Dazu einfach die rechte Maustaste drücken, dann steigt der Gebetsindex.

Mag sein, dass es an der Demoversion liegt: Viel Auswahlmöglichkeiten gibt es nicht im Spielablauf. Bei den Gesprächen ist immer nur ein Satz in der Auswahl, den Jesus sprechen kann. Das nächste Ziel des Quests ist meist durch ein kleines gelbes i gekennzeichnet, auch wenn’s manchmal gar nicht so leicht ist, es zu erreichen, irgendwas oder irgendjemand steht immer im Weg rum. Schade eigentlich, denn die gesamte Szenerie ist aufwändig gestaltet, auch, wenn Jesus mal ein bisschen weiter vom vorgegebenen Weg abweicht. Dann begegnet er verschiedensten Menschen und kann ein paar Worte mit ihnen wechseln. 

Zwischendurch gibt es Lesungen aus dem Neuen Testament, an das sich die Geschichte sehr eng anlehnt. Allerdings (bisher?) in einem extrem salbungsvollen Tonfall auf Englisch. Die eingeblendete deutsche Übersetzung ist ausgesprochen altertümlich. Da könnte eine etwas modernere Version nicht schaden, doch tut es dem Spielerlebnis keinen Abbruch. Die Dialoge mit verschiedenen Charakteren im Spiel sind in modernem Englisch mit deutschen Untertiteln, die Sätze Jesu auf Deutsch, aber (noch?) ohne Vertonung.

Die Versuchung Jesu durch den höhnisch lachenden Teufel wird ein wenig länglich, da es quasi nur darum geht, sich durch einen fertigen Dialog durchzuklicken. Dafür gibt’s , nachdem Jesus die Versuchungen abgelehnt hat, jeweils kleine Geschicklichkeitsspiele: Steuere ein Licht schnell genug durch einen gewundenen Gang, sodass es nicht von der es verfolgenden Dunkelheit gefressen wird. Oder: Fange Dämonen und werfe sie in einen Schlund. Das ist irgendwie ein bisschen schräg, aber na ja, irgendwelche spielerischen Elemente müssen eben in einem Spiel sein.

Gut, der Teufel ist erst mal abgewimmelt, auf geht’s nach Kana! Da ist eine Hochzeit, sagt Josef. „Drücke C, um die lange Reise abzukürzen“, sagt die Software, was man nach einigem Gekurve durch abwechslungsreiche Landschaft irgendwann dann auch tut. Bibelkenner:innen ahnen schon, was da kommt: Irgendwas mit Wasser und Wein. Aber bevor es ans wirkliche Weinwunderwirken geht, muss die Wunderkraft erst mal verdient und freigeschaltet werden. Dazu geht’s durch eine kleine Galerie alttestamentlicher Geschichten, denen jeweils Gegenstände zugeordnet werden müssen. (Dass die seltsame „Spritze“, die unter anderem zur Auswahl stand, in Wirklichkeit eine Schriftrolle ist, wurde mir erst nach vielen Versuchen klar.)

Wasser zu Wein machen, Fische fangen, erste Jünger berufen: Das geht alles ganz gut voran und ist schon interessant gemacht, aber eben auch sehr geradlinig, von den kleinen Spielchen zwischendurch abgesehen. Und schon ist die Demoversion durchgespielt, die bereits gesammelten Jünger verlassen würdig die Szenerie. Weiter geht’s am Gründonnerstag.

Und nun? Ist das Blasphemie? Moderne Verkündigung? Oder einfach nur ein Spiel? Darf ich denn Jesus spielen? Mich in diese Rolle hineinversetzen?

Darüber habe ich lange nachgedacht, seit ich das Spiel vor ein paar Monaten fand. Ich kann verstehen, wenn manche diese Form der Erzählung ablehnen. Auch in den Kommentaren auf Steam finden sich einige, die in diese Richtung gehen. Andere dagegen sind ganz begeistert.

Ich habe es nun getestet und ich finde: Blasphemie ist das nicht. Das Spiel führt uns auf spielerische Weise in eine Zeit, die uns in vielen Punkten doch recht fremd ist. Dabei bleibt es sehr nahe am Bibeltext. Es ist eher so etwas wie eine spielerische Nacherzählung der Evangelien mit noch ein wenig alttestamentlicher Bibelkunde. Ja, alles etwas amerikanisch-pathetisch, und ich weiß wirklich nicht, wie sie die Auferstehung in der Ich-Perspektive umsetzen wollen. Aber die Gratwanderung, diese außergewöhnliche Geschichte in einem Spiel erzählen, scheint bis jetzt ganz gut gelungen. Ich bin gespannt auf die Vollversion. Frohe Weihnachten und frohe Ostern!

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