Wenn Inklusion Exklusion bedeutet

Inklusionsrichtlinien Amazon

Matthias Albrecht

Standardwerk von Konstantin Stanislawski. Die Schauspielerei ist eine Kunstform, die es wie jedes andere Handwerk auch zu erlernen und zu pflegen gilt.

Wenn Inklusion Exklusion bedeutet
Statt versprochener Inklusion schaffen die Amazon Studios das Gegenteil. Neue Richtlinien schreiben die Exklusion von Schauspieler:innen wegen ihrer sexuellen Orientierung fort.

Seit längerem wird in der Film- und Serienbranche kontrovers darüber diskutiert, ob Rollen, die homosexuell lieben, ausschließlich von Schauspieler:innen gespielt werden sollen, die selbst auch dem gleichen Geschlecht zugeneigt sind. Erneut befeuert wird diese Debatte nun von einer Entscheidung der Firma Amazon. Die Studios des Unternehmens, die für den eigenen Streamingdienst hochkarätige Serien und Filme produzieren, haben sich jüngst Inklusionsrichtlinien gegeben. In diesen ist neben der Selbstverpflichtung zu mehr Diversität bei der Ausgestaltung fiktionaler Charaktere, sowie künftig auf stereotype Darstellungen bestimmter Personengruppen verzichten zu wollen, auch der folgende Passus enthalten: "Amazon Studios setzt sich für authentische Darstellungen ein. Es ist unsere Absicht, wann immer möglich, Schauspieler:innen in einer Rolle zu besetzen, deren Identität mit der Identität des Charakters, den sie spielen werden, übereinstimmt". Neben anderen Merkmalen wird hier auch explizit die sexuelle Orientierung benannt. Nicht zuletzt aus diesem Grund regt sich gegen die Inklusionsrichtlinien deutliche Kritik von Kommentator:innen unterschiedlichster Provenienz.

Amazon erklärt, sich für authentische Darstellungen einzusetzen. Das klingt zunächst positiv. Sicherlich ist der Begriff authentisch oder Authentizität in den letzten Jahren sehr inflationär gebraucht und mit unterschiedlichsten Bedeutungen aufgeladen worden, aber im Kern meint er doch, so schreibt es der Duden, dass etwas "den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig" ist. Glaubwürdigkeit stellt unbestritten ein unbedingtes Qualitätsmerkmal dar, das die meisten Menschen einer schauspielerischen Leistung abverlangen. Wenn ich sehe, wie eine Rolle verkörpert wird, dann will ich glauben können, dass etwas so sein könnte. Ich möchte einer lebendigen Figur folgen und das bedeutet, dass deren Handlungen, Gestik, Mimik, verbale Äußerungen, schlichtweg alles, was ich von ihr mitbekomme, zusammenpassen müssen. Das, was ich sehe, soll der Realität entsprechen, die der Film oder die Serie, die ich rezipiere, behauptet. Wir alle wissen, was es für ein Hochgenuss sein kann, einer Darstellung, die dies bietet, zu folgen. Verantwortlich dafür, dass das gelingt, sind in letzter Konsequenz die Schauspieler:innen. Sie erwecken Figuren zum Leben, indem sie sie verkörpern. Um dieser Anforderung gerecht werden zu können, absolvieren Schauspieler:innen in der Regel eine mehrjährige Vollzeitausbildung. Das Studium ihrer Profession befähigt sie, sich unterschiedlichste Rollen anzueignen und diese in überzeugender Weise mit vielfältigen Ausdrucksmitteln darzustellen. Die große Kunst dabei, also die Schauspielkunst, ist es, sich Wesenszüge, Motive, Handlungen, Ausdrucksweisen, Körperlichkeit etc. zu eigen zu machen, die den Darsteller:innen als Privatperson oft fremd sind. Immer mit dem Ziel, am Ende eine authentische Figur auf die Bühne, den Bildschirm oder welches Endgerät auch immer zu bringen. Dass Amazon nun die Authentizität einer Darstellung mit der sexuellen Orientierung der Schauspieler:innen in Verbindung bringt, ist schwer nachvollziehbar. Die Inklusionsrichtlinien lesen sich so, als ob ein Schauspieler, der einen Mann liebt, dadurch prädestinierter wäre, auch einen Charakter zu portraitieren, der homosexuell begehrt. Sicherlich könnte es einem solchen Schauspieler tendenziell leichter fallen, sich in die Lebens- und Innenwelt dieser Rolle einzufühlen, denn er hat wahrscheinlich die Diskriminierung, Verfolgung und symbolische Gewalt schon häufig selbst erlebt, die jene, die Partner:innen gleichen Geschlechts präferieren, ausgesetzt sind. Doch das heißt noch längst nicht, dass der Kollege, der heterosexuell begehrt, nicht in der Lage ist, den Charakter eines gleichgeschlechtlich liebenden Menschen ebenso gut oder vielleicht sogar noch besser darzustellen. Die Schauspielerei ist ein Handwerk und wer dieses Handwerk am besten beherrscht, wird auch die besten Leistungen erbringen. Wie stark die Merkmale der Figur mit denen der Schauspieler:innen übereinstimmen, ist dabei nicht völlig gegenstandslos, aber eben doch sekundär. Um diesen Zusammenhang zu veranschaulichen, wird häufig das Beispiel bemüht, dass mensch keinen Mord begangen haben muss, um eine:n Möder:in zu portraitieren. Genau so kann eine überzeugte Atheistin eine überzeugende Pfarrerin geben oder ein Mensch, dem jegliches Rechenverständnis fehlt, den brillantesten Mathematiker aller Zeiten spielen. Dieser Sachverhalt trifft ganz offenkundig auch auf Homosexualität zu. Einige der größten Liebesgeschichten, die sich zwischen männlichen Charakteren zutragen, sind von Schauspielern dargestellt worden, die verschiedengeschlechtlich begehren. Erinnert sei hier etwa an Timothée Chalamet und Armie Hammer, die als Liebespaar im Welterfolg Call Me by Your Name brillieren. Anfang diesen Jahrtausends überzeugten Heath Ledger (†) und Jake Gyllenhaal in Brokeback Mountain ein Millionenpublikum. Es verwundert daher auch nicht, dass in der Debatte darüber, wer Rollen spielen darf, die homosexuell begehren, eher selten argumentiert wird, dass Schauspieler:innen, die heterosexuell lieben, hier nicht zu einer authentischen darstellerischen Leistung in der Lage wären. Schon allein deshalb muss hinterfragt werden, warum Amazon nun Inklusionsrichtlinien erlässt, die suggerieren, dass die Authentizität der Darstellung von der sexuellen Orientierung der Spielenden abhänge.

Der Schauspieler Darren Criss liebt Frauen. Unbesehen dessen hat er in der Rolle des Mörders von Gianni Versace, einer Figur, die homosexuell begehrt, so sehr überzeugt, dass ihm dafür der begehrteste US-amerikanische TV-Preis, der Emmy Award, verliehen wurde. Nach der Verleihung im Jahr 2018 erklärte der Darsteller, dass er künftig keine Rollen mehr spielen möchte, die gleichgeschlechtlich lieben. Zur Begründung gab Darren Criss an, er wolle "nicht noch ein heterosexueller Typ sein, der homosexuellen Männern die Rollen wegnimmt". Diese Aussage ist bemerkenswert, denn sie verweist auf eine schwerwiegende Diskriminierung, der Schauspieler:innen, die Menschen des eigenen Geschlechts lieben, ausgesetzt sind. Auch hier zu Lande wird Darsteller:innen, die homosexuell begehren, insbesondere dann, wenn sie die Schwelle überregionaler Prominenz überschritten haben, bis heute häufig dazu geraten, dies vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Das heißt, während die eine Schauspielerin ruhig ihren festen Freund mit auf den roten Teppich vor die Linsen der Kameras führen soll, wird dem anderen Schauspieler abgeraten, dasselbe mit seinem Ehemann zu tun. Der Grund für diese Mahnung, die etwa von Agent:innen oder Produzent:innen ausgesprochen wird, ist, dass Schauspieler:innen, die ihre Homosexualität frei leben, damit rechnen müssen, nicht mehr für Rollen besetzt zu werden, die heterosexuell lieben. In Deutschland machen Schauspieler:innen mit der Kampagne #ActOut auf diesen Missstand aufmerksam. So erklärt beispielsweise die preisgekrönte Schauspielerin Maren Kroymann, dass sie in der Zeit nach ihrem Coming-out erst mal keine Rollen mehr angeboten bekam. Mit dieser Erfahrung ist sie bei Weitem nicht allein. Die Herstellung des Zusammenhanges zwischen Authentizität der Darstellung und sexueller Orientierung, wie er sich nun auch in den Inklusionsrichtlinien von Amazon findet, ist ein längst bekanntes Phänomen. Ein Phänomen des Ausschlusses. Ein Phänomen der Exklusion. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist es den Mächtigen in der Film- und Fernsehbranche nicht egal, wen ein:e Schauspieler:in im privaten Leben liebt. Dass eine Schauspielerin, die Frauen zugeneigt ist, die Mutterrolle, die heterosexuell begehrt, spielt oder ein Schauspieler, der Männer liebt, den klischeehaften Macho geben darf, das lassen viele derjenigen, die für die Rollenbesetzungen verantwortlich sind, bis heute nicht zu. Es wird schlichtweg davon ausgegangen, dass diese Darsteller:innen auf Grund ihrer sexuellen Orientierung nicht fähig seien, das Publikum in jenen Rollen zu überzeugen. Hier zählt also nicht das künstlerische Können der Schauspieler:innen, so gut es auch immer sein mag. Stattdessen findet eine Reduzierung auf deren Privatleben statt. Während Darsteller:innen, die heterosexuell begehren, Figuren aller sexuellen Orientierungen offenstehen, wird Darsteller:innen, die gleichgeschlechtlich lieben, dieses nicht zugestanden. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch erst vollumfänglich verstehen, was Darren Criss wohl meint, wenn er sagt, er wolle seinen Kollegen, die Partner gleichen Geschlechts präferieren, nicht die Rollen wegnehmen. Da geht es mitnichten um die Frage der Authentizität. Darren Criss erkennt mit diesen Worten an, dass es seine Kollegen (und Kolleg:innen), die homosexuell lieben, schwerer als er haben, für die Darstellung von Charakteren engagiert zu werden, die heterosexuell begehren. Aus diesem Grund, also aus Solidarität mit jenen Kollegen, will Criss nicht länger am Pool von Figuren partizipieren, der denen die diskriminiert werden noch am ehesten offensteht.

Erfreulicher Weise gibt es mittlerweile einige Anhaltspunkte für positive Veränderungen. So spielt Maren Kroymann heute selbstverständlich Rollen, die Männer lieben. Auch der deutsche Schauspieler Constantin Lücke, der ebenfalls zur #ActOut Bewegung gehört, ist seit langen mit Figuren auf dem Bildschirm präsent, die sich Frauen zugeneigt fühlen. Mit seinen Inklusionsrichtlinien könnte Amazon nun jedoch dazu beitragen, solche hoffnungsvollen Entwicklungen zu konterkarieren. Statt mehr Freiheit und weniger Diskriminierung zu befördern, schreibt Amazon nicht nur den Status quo fest, sondern verschlimmert die Situation potentiell sogar noch. Manche mögen feiern, dass nun sämtliche Figuren, die gleichgeschlechtlich lieben, ausschließlich Schauspieler:innen offenstehen, die dies privat auch tun. Sicher, es erhöht bei einigen Rollen für bestimmte Darsteller:innen die Chance besetzt zu werden. Dies ist auch vor dem Hintergrund relevant, dass Amazon künftig mehr Charaktere, die Personen gleichen Geschlechts begehren, in seinen Produktionen zeigen möchte. Doch letztlich könnte das ein Pyrrhussieg par excellence sein. Der Zugang zur Darstellung von Rollen, die heterosexuell lieben, dürfte für alle die dies selbst als Person nicht tun, nämlich im gleichen Zuge erschwert werden. Die sexuelle Orientierung wird von Amazon zur offiziellen Eignungsvoraussetzung erhoben. Ein falscher, ein gefährlicher Weg! Es ist richtig, dass sich durch die Inklusionsrichtlinien auch das Rollenangebot für Schauspieler:innen, die Partner:innen des anderen Geschlechts präferieren verkleinert, aber dies wird wohl nicht so stark ins Gewicht fallen, denn aller Absichten mehr Diversität zu schaffen zum Trotz, wird das Gros der Rollen, doch wohl weiter eines solcher Figuren bleiben, die heterosexuell lieben. Die größten Leidtragenden der Inklusionsrichtlinien werden darum Darsteller:innen sein, die gleichgeschlechtlich begehren, weil ihnen unter der Überschrift der Inklusion die Möglichkeit, Charaktere aus dem eben benannten Gros der Rollen zu übernehmen, verweigert wird. Praktisch heißt das etwa, dass Schauspieler wie Jim Parsons und Neil Patrick Harris ihre Rollen des Sheldon Cooper (The Big Bang Theory) beziehungsweise des Barney Stinson (How I Met Your Mother ) heute nicht mehr spielen dürften, würde Amazon die Sitcoms, in denen diese auftauchen, produzieren.

Amazon erhebt den Anspruch, mit seinen Inklusionsrichtlinien nicht nur sich selbst, sondern sogar die gesamte "Branche in Richtung einer repräsentativeren und inklusiveren Zukunft bewegen" zu wollen. Das sind große Worte. Mit der Wahl eines völlig falschen Ansatzes scheitert das Unternehmen an diesem Anspruch jedoch fundamental. Eine Inklusion, die diesen Namen auch verdient, kann nur den endgültigen Bruch mit dem alten exkludierenden  Paradigma bedeuten. Authentizität und darauf basierende Annahmen zur darstellerischen Qualität dürfen nicht länger in Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung von Schauspieler:innen gestellt werden. Dieser Bruch und Studios, die diesen Bruch konsequent vollziehen, wären tatsächlich Wege in eine repräsentativere und inklusivere Zukunft. Das schließt auch ein, einen solchen Paradigmenwechsel gegen Widerstände zu verteidigen. Das Vorhaben, die Anzahl gleichgeschlechtlich liebender Charaktere in den eigenen Produktionen zu erhöhen, wie es Amazon plant, kann die Repräsentation von Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung verbessern. Die viel schwierigere Entscheidung ist es allerdings, wenn ein Studio bedingungslos zu begabten Schauspieler:innen unabhängig von deren sexueller Orientierung steht. Also auch und gerade dann, wenn Darsteller:innen angefeindet oder diskriminiert werden sollen, weil ihnen anti-homosexuelle Kräfte nicht das Recht zugestehen wollen, Figuren, die heterosexuell begehren, zu spielen. Ist ein Studio beispielsweise auch dann bereit, einen Blockbuster entsprechend zu besetzen, wenn ihn Länder, die Homosexualität kriminalisieren, nicht zeigen wollen, weil der Hauptdarsteller mit einem Mann verheiratet ist? Hat Amazon vielleicht einen für sich eleganten Weg gefunden, solche Konflikte zu umgehen? Es ist naiv anzunehmen, dass Amazons Inklusionsrichtlinien primär einen Beitrag dazu leisten sollen, mehr Diversität in fiktionale Formate zu bringen, um hierdurch emanzipatorische Veränderungen zu erwirken. Wenn das am Ende geschieht, dann ist das höchstens der Beifang, für den sich das Unternehmen zwar bejubeln lässt, aber der nüchtern betrachtet, lediglich bei dem Versuch entstanden ist, neue Zielgruppen auf einem stark umkämpften Markt zu erobern. Öffentliche Kritik an der Entscheidung Amazons, die Exklusion von Schauspieler:innen, die gleichgeschlechtlich lieben, festschreibt, ist sowohl geboten als auch probat. Denn ein breit wahrgenommener Konflikt ist schlecht fürs Image. Was schlecht für das Image ist, gefährdet die Maximierung des Unternehmensprofits und dies ist wohl die einzige Konsequenz, die Amazon wirklich fürchtet.

 

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