Migrantin, queer und christlich

dpa

Die aus Jamaika stammende June B. hat jahrzehntelang für die Rechte von queeren Migrant:innen in den USA gekämpft.

Migrantin, queer und christlich
June B. kommt aus Jamaika und lebt in den USA. Sie hat Jahrzehntelang dafür gekämpft, dass sie selbst und andere sie als schwarze und queere Migrantin und als Christin anerkennen.

Ich kenne June, seit ich ihr vor über zwanzig Jahren auf einer christlichen Lesbentagung in Bad Boll begegnet bin. Lose haben wir Kontakt gehalten. Für dieses Interview hat sie mir ihre Geschichte erzählt. Ich habe sie ins Deutsche übersetzt. 

Baptistenkirche auf dem Hügel

Mein Name ist June. Ich bin 57 Jahre alt. Ich bin eine queere Migrantin aus Jamaika und lebe seit vielen Jahren in den Vereinigten Staaten.

Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt. Ich wurde von der jüngsten Schwester meiner Mutter erzogen. Soweit ich mich erinnern kann, war die Kirche ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Meine Tante ging nicht mit mir in die Kirche. Aber sie schickte mich mit dem Organisten der Gemeinde mit, der in unserem Dorf lebte.

Als kleines Mädchen habe ich mich in meine kleine alte Baptistenkirche auf einem Hügel verliebt. Dort hörte ich zum ersten Mal das Wort Liebe:  Liebe deinen Nächsten! Und: Gott liebt alle Kinder der Welt. Ich hatte das Wort Liebe in meinem Zuhause noch nie gehört. Alles, was ich dort erfahren hatte, war körperlicher und verbaler Missbrauch. Schon sehr früh wurde die Kirche mein Fels und mein Schutz. Die Lieder gaben mir Frieden, wenn ich Angst hatte.

Kein Ort nirgends

In meinen Teenagerjahren war ich sehr aktiv in meiner Kirche, sang im Chor und nahm an verschiedenen Aktivitäten teil. Ich war glücklich. Gleichzeitig wusste ich schon als Teenager, dass ich anders war. Allerdings konnte ich das mit niemandem besprechen, also schwieg ich. Wie konnte ich jemandem erzählen, dass ich mich in Frauen verliebe? Das wäre ein Skandal gewesen. Ich wusste auch, dass ich mich eigentlich von meiner Kirche und meiner christlichen Gemeinde entfernen musste. Ich wäre ausgestoßen worden, wenn die das entdeckt hätten. Denn das, was ich fühlte, stimmte nicht mit den Lehren der Kirche überein. Es quälte mich schrecklich.

Ich hatte keinen Ort und niemanden, an den ich mich wenden konnte. Denn Homosexualität war und ist in Jamaika ein Tabu. Die meisten Leute sind dort total homo- und transfeindlich. Das ist wie ein Wahn. Ich kannte damals auch keine anderen queeren Leute. Manchmal hörte ich, wie die Frauen in meinem Dorf darüber klatschten, wer ein ‚Sodomit' oder ein perverser Mann war. Alle waren sich sicher, dass sie zur Hölle fahren würden.

Dämonenaustreibung

In meinen frühen Zwanzigern beschloss ich, mich von einer der Gemeindeältesten in meiner Kirche beraten zu lassen. Ich erzählte ihr von meiner sexuellen Identität. Daraufhin betete sie mit mir und sagte mir, dass ich Buße für meine Sünden tun sollte. Auch in meiner Kirche wurde für mich gebetet. Ich lag auf dem Boden, während sie versuchten, die homosexuellen Dämonen aus mir auszutreiben. Es war schrecklich. Gedemütigt, verwirrt und isoliert blieb ich zurück.

Hölle auf Erden

Ich ging danach immer noch jeden Sonntag in die Kirche und war dort in einer Frauengruppe und einer Bibelgruppe stark involviert. Aber ich wusste, dass ich meine wahre Identität verstecken musste, um als Frau anerkannt zu werden. Während dieser Zeit tat ich mich sehr eng mit einer meiner Kirchenschwestern zusammen.

Ich war in sie verliebt. Ich sagte es ihr erst Monate danach. Und als ich es endlich tat, sagte sie mir einfach, dass das, was ich für sie fühlte, nicht normal war. Ich sollte beten, dass diese Gefühle verschwinden. Irgendwie hörte sie nicht auf, mit mir befreundet zu sein, aber sie erinnerte mich ständig daran, dass ich zur Hölle fahren würde.

Ich hörte schließlich auf, in die Kirche zu gehen, weil gemunkelt wurde, dass meine Freundin und ich Liebhaberinnen waren. Ich konnte die Feindseligkeit in der Gemeinde jeden Sonntagmorgen spüren, wenn ich in die Kirche ging. Ein junger Mann sagte mir, wenn meine Freundin eine Lesbe sei, hätte ich sie in eine verwandelt. Ich wäre allein schuld und würde dafür büßen müssen. An jenem Sonntag predigte der Pfarrer in brutalen Worten darüber, dass Homosexuelle in seiner Kirche nicht toleriert werden dürften. Er würde deshalb anfangen, Namen zu nennen, um sie zu entfernen. Es war ein Alptraum, und ich wusste ich musste da raus.

Hoffnungsschimmer

Mitte der neunziger Jahre gab es für mich einen Hoffnungsschimmer. Über Umwege war ein Kontakt mit Bärbel Wartenberg-Potter entstanden. Sie war die Ehefrau von Philipp Potter. Er war methodistischer Pastor und von 1972 bis 1884 dritter Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK). Potter kam aus Dominica, einem kleinen Inselstaat in der Karibik. Nach seiner Zeit im Büro des Generalsekretärs in Genf beim ÖRK zogen sie nach Kingston in Jamaika. Beide arbeiteten dort an der Kingston University.

Über Wartenberg-Potters Kontakte erhielt ich eine Einladung zur Teilnahme an der internationalen christlichen Lesbenkonferenz 1994 an der Evangelischen Akademie in Bad Boll. Dort traf ich andere lesbische Frauen. Viele von ihnen identifizierten sich als Christinnen. Einige unter ihnen waren christliche Theologinnen oder sogar Pfarrerinnen. Ich wusste nicht einmal, dass man gleichzeitig queer und Pastorin sein konnte! Da tat sich eine ganz neue Welt für mich auf. Und mein Leben veränderte sich für immer. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich das Gefühl, dass nichts Schlimmes, Krankes oder Sündiges mit mir los war. Es gab viele andere Frauen wie mich aus der ganzen Welt. Und sie waren alle Kinder Gottes, genau wie ich. In jenen Nächten weinte ich mich regelmäßig in den Schlaf.

Nach ein paar sehr kraftvollen Tagen in Bad Boll reisten wir nach Gelnhausen zum damaligen Frauen Studien- und Bildungszentrum der EKD. Die damalige Studienleiterin Herta Leistner hatte mich dorthin eingeladen. Wir tauschten unsere Erfahrungen aus, planten Kooperationen und entwickelten Strategien für eine internationale Zusammenarbeit. Es ging darum, wie wir uns gegenseitig unterstützen konnten, wenn Frauen wie ich in ihre gefährlichen homo- und transfeindlichen Heimatländer zurückkehrten. Ich fühlte mich gestärkt, als ich nach Jamaika zurückkam. Es tat gut zu wissen, dass ich aufgrund meiner sexuellen Orientierung nicht allein mit meinen Kämpfen war. Und es war noch besser erlebt zu haben, dass man queer und christlich sein konnte! Die Briefe, die ich danach von vielen Frauen erhielt, die ich in Bad Boll getroffen hatte, haben mich viele Jahre lang gestärkt und gesund gehalten.

Vernetzung

1998 wurde das "Jamaica Forum für Lesben, Queere und Schwule" (JFLAG) gegründet.  JFLAG ist Teil des karibischen Forums für Lesben, Queere und Schwule. Wir alle begrüßten das Forum. Denn bis dahin hatten wir überhaupt kein Sicherheitsnetz. Als Lesben, Schwule, Bi, Trans*, Inter* und queere Leute waren wir froh, dass wir nun eine Organisation hatten, die dazu beitragen würde, unsere grundlegenden Menschenrechte zu schützen, damit wir endlich in Würde und ohne Gewalt leben könnten.

Fluchtgeschichte

2001 offenbarte ich mich einer engen Freundin, die mir von ganzem Herzen versprach, dass sie unser Geheimnis mit niemandem teilen würde. Leider hat sie mich angelogen und mich an meinem Arbeitsplatz geoutet. Mein Leben veränderte sich von da an wiederum radikal. Ich wusste, dass ich Jamaika verlassen musste und reiste im März 2001 nach Johannesburg in Südafrika. Dort lebte ich zwei Monate bei einer Freundin und ihrer Partnerin (einem lesbischen Paar). Nach Südafrika verbrachte ich acht Monate in London. Dort fand ich einen neuen und tiefen Frieden. Einige meiner Wunden von den traumatischen Erfahrungen nach dem Outing in Jamaika konnten in London anfangen zu heilen. Ich besuchte dort eine kleine methodistische Kirche, in der ich mich willkommen fühlte.

Am 21. Dezember 2001 kam ich in den USA an. Dort lebe ich bis heute. Das Leben hier hat viele Herausforderungen. Homo-, Trans*-Feindlichkeit und Rassismus sind weit verbreitet. Dennoch fühle ich mich sicherer als in Jamaika. Ich wurde aktives Mitglied einer Baptistengemeinde. Die Gemeinde war inklusiv und hieß alle willkommen.

Erneut heimatlos

2016 verließ ich meine Kirche, weil die meisten Mitglieder Trump unterstützten. Ich war wütend und fassungslos. Denn wir alle wussten, wofür Trump stand. Der Pastor der Gemeinde entschuldigte sich daraufhin persönlich bei mir. Aber ich kehrte nie zu der Gemeinde zurück.

Eingewandert, queer und christlich

Bei meiner Arbeit trage ich stets meine eingewanderte, queere und christliche Identität mit mir. Denn ich kann mich von keinem Teil meiner Identität trennen. Sie gehören alle zu mir und sind Teil meines Lebensmosaik.

Es ist wirklich beruhigend zu wissen, dass ich nicht länger in Angst vor der Hölle leben muss. Oft sage ich jungen Menschen, die queer und christlich sind, dass es in Ordnung ist, beides zu sein. Sie sollen nicht auf das falsche Narrativ von Gott hören, der angeblich eine queere Person nicht akzeptieren kann, weil sie vom Teufel besessen sei. Das sind alles Lügen, um dich zu verunglimpfen und kaputt zu machen. Ich weiß es aus eigener Erfahrung.

Heute gibt es zumindest in Nordamerika und Westeuropa viele christliche Kirchen, die ein inklusives und Regenbogenfreundliches Evangelium predigen und lehren. Dafür bin ich sehr dankbar.

Zum Weiterlesen: Homosexualität in Jamaika 

 

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