Mich nervt's auch!

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Foto: Matthias Albrecht

Jesus ruft seine Jünger_innen auf einzuschreiten, wo andere leiden. Und das fängt vor der eigenen Haustüre an!

Mich nervt's auch!
Die öffentliche Thematisierung von sexueller und geschlechtlicher Identität stößt auf Widerstände. "Irgendwann muss es doch auch mal gut sein", meinen viele. Doch Gleichberechtigung ist kein Luxusproblem!

Vor kurzem las ich bei facebook sinngemäß folgenden Kommentar: "Sorry, so langsam nervt es - nicht böse gemeint." Er stand unter dem Posting eines Artikels, in dem es um die Rechte Homosexueller ging. Das Zitat drückt eine scheinbar weit verbreitete Meinung aus. So erzählte mir ein Freund, ein Mitglied seines Hauskreises habe gemeint: "Nein, er habe ja nichts gegen Schwule, aber dass die sich immer so in die öffentliche Diskussion einbringen müssten und so laut und vehement Kritik übten, das störe ihn ehrlich gesagt schon". Eine Frage, die in diesem Zusammenhang auch häufig zu hören ist, lautet, ob es denn keine wichtigeren Themen mehr gebe als die Lebenssituation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgendern, Intersexuellen und Queer's?

Meine erste Reaktion, als ich das eingangs erwähnte Zitat las, war: Ja, mich nervt es auch und das nicht nur langsam, sondern schon seit langem und zwar ganz ohne jedes Sorry. Mich nervt es, einen aufreibenden Kampf führen zu müssen, nur weil ich meinen Partner gern heiraten möchte, wie es alle anderen auch können. Mich bringt es in Rage, wenn Transsexuelle kaum Chancen auf eine existenzsichernde Arbeit haben und es macht mich wütend, wenn Intersexuelle, nur damit ihr gottgegebenes Geschlecht endlich anerkannt wird, jahrelang vor Gericht dafür streiten müssen. Liebend gern würde ich all das nicht mehr erleben, all das nicht mehr sehen müssen, weil alle Menschen die gleichen Rechte unabhängig von ihrer geschlechtlichen und sexuellen Identität zugestanden bekommen. Aber zwischen diesem Wunsch und der Realität klafft eine große Lücke. Und in Jesu Namen haben die genannten Menschengruppen – die nur als Beispiel für all jene gelten, die Not leiden, weil sie nicht in die Schablone dichotomer Geschlechtlichkeit passen – den Anspruch darauf, dass ihnen Gerechtigkeit, da wo sie schon auf Erden erlangbar ist, widerfährt!

Genau das ist wohl auch der Grund, warum so viele Christi_innen nichts (mehr) über die prekäre Lage von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgendern, Intersexuellen und Queer's hören wollen. Denn solche Berichte sind eine mehr als unangenehme Mahnung daran, dass der Herr der Kirche seine Jünger_innen dazu aufruft, dort einzuschreiten, wo sie andere leiden sehen. Und das fängt vor der eigenen Haustüre an! Es ist die Pflicht derjenigen, die in der Nachfolge stehen, nicht über die transsexuelle Frau, über die alle in der Wohnsiedlung lästern, mit herzuziehen, auch nicht, sich vornehm - weil mensch als gute_r Christ_in ja ohnehin nicht lästert - verbal bedeckt zu halten. Wer Christus ernsthaft nachfolgen will, muss sich hier hervorwagen, der transsexuellen Frau beistehen, sowie bei den Nachbar_innen zuhören, wo denn deren Vorbehalte liegen und helfen diese – etwa durch die Schaffung von Begegnungen – abzubauen. Sich stattdessen von seinem schlechten Gewissen entlasten zu wollen, indem eine unsägliche Opferkonkurrenz zwischen der transsexuellen Frau und anderen Leidenden, beispielweise afrikanischer Kriegswaisen aufgebaut wird, ist zutiefst unredlich! Ich möchte diesen Menschen gern sagen: Wenn ihr das Gefühl habt, dass der Herr Euch diese Hilfe dort, für diese Kinder mehr ans Herz legt, als die bei Euch im Ort für die transsexuelle Frau, dann ist das richtig und wichtig, ohne jede Frage! Aber dann folgt diesem Ruf auch, lasst alles stehen und geht nach Afrika – wo Euch dann unter den Waisen sowohl hetero als auch homo-, bi-, trans- und intersexuelle Kinder und Jugendliche begegnen werden, um die ihr Euch sorgen sollt.

Sicherlich, nicht jeder Mensch kann so einfach für die genannten Gruppen streiten. In uns sitzt eine tiefe Prägung, die sagt: Das, was von der Norm dichotomer Zweigeschlechtlichkeit und heterosexueller Liebe abweicht, ist falsch, anstößig, sündhaft, vielleicht sogar anekelnd. Für diese Emotionen trägt kein Mensch die Schuld, sie sind das Produkt einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder nach diesem Paradigma sozialisiert. Deswegen ist es möglich, dass uns – wie in dem Beispiel von der transsexuellen Frau - im entscheidenden Moment die Worte fehlen, die Scham überkommt, der Atem stockt. Sicherlich steht es uns bis zu einem gewissen Punkt offen, hieran zu arbeiten. Dabei kommt die eine weiter, der andere weniger. Aber die Frage, wie mit den Grenzen, oder besser, den Ängsten umgehen, die nicht überwunden werden können, bleibt. Es gibt hierauf zwei Antworten. Die erste: Gott wird den Schwachen gnädig sein! Die zweite: Aus dem Bewusstmachen der eigenen Grenzen kann Segen erwachsen. Nämlich dann, wenn ich diejenigen, die für die Gleichberechtigung streiten, nicht zum Schweigen auffordere, sondern Demut vor ihnen entwickle. Sie tun etwas, das ich selbst tun sollte, aber eben nicht zu tun vermag. Ich kann auch ausloten, was mir innerhalb meiner Grenzen möglich ist. Vielleicht kann ich im Gespräch mit den Nachbar_innen wirklich nicht oder noch nicht für die Transsexuelle eintreten, aber immerhin kann ich sie, als einzige_r in der Wohnsiedlung jeden Morgen freundlich grüßen. Und ich kann die Hände falten und Gott bitten: Herr, segne die Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender, Intersexuellen und Queer's auf Erden, lindere ihr Leid und lass ihnen schon jetzt Gerechtigkeit widerfahren, segne auch alle, die sich für ihre Rechte einsetzen. Dir sei alle Ehre in Ewigkeit! Amen!

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