Ein etwas historischerer Tag

Endlich geht der lang angekündigte Kampf gegen "Fake-News" los. Er dürfte schwierig werden. Ebenfalls endlich bekommt ein eingesperrter deutscher Journalist Botschafter-Besuch. Außerdem: der Stern in einer Reihe mit der New York Times und einem Eisbärenbaby; "galoppierende Asymmetrie"; neue Sprüche von und über Jakob Augstein; der sagenhafte Einschaltquoten-Erfolg eines für sagenhaft schlecht befundenen "Tatorts". Und das deutsche Fernsehen wird israelischer.

Aus zwei Gründen könnte dieser Dienstag unter Medienmedien-Aspekten ein etwas historischerer Tag als es normale Werktage sind werden.

Erstens weil der in der Türkei eingesperrte Journalist Deniz Yücel heute erstmals Besuch von deutschen Diplomaten erhalten soll, sofern schon öfter gegebene türkische Zusagen dieses Mal eingehalten werden. Wir schalten zu Yücels Medium welt.de, das außer der Meldung, die alle haben, auch noch einen Artikel über jemanden hat, der Yücel bereits besuchte: seine Schwester Ilkay Yücel:

"'Die vielen Journalisten, die in letzter Zeit dort inhaftiert sind, haben angeblich für gute Lektüre gesorgt. Gerade hat er ein Buch seines Kollegen Ahmet Altan gelesen. Der sitzt im gleichen Zellenblock.' Einen Fernseher könnte sich Yücel auch in die Zelle bringen lassen. Aber das habe er abgelehnt. 'Er denkt wohl, dass er dann den ganzen Tag Nachrichten schaut und sich zu sehr ärgert', sagt Ilkay.

An Yücels Zelle angeschlossen gebe es eine kleine Freifläche, etwa vier mal vier Meter groß, also etwa größer als seine Zelle. Dort joggt er im Kreis. 'Er dreht täglich seine Runden. Er versucht, sich fit zu halten.' Yücels Schwester klingt etwas amüsiert, als sie das erzählt. Als leidenschaftlicher Sportler war Deniz Yücel bisher nicht bekannt."

Wenn diese Berichte Sie interessiert haben, könnte Sie auch das aktuelle epd medien-"Tagebuch" interessieren. Da stellt Dominik Speck unter der Überschrift "Haymatpresse" das deutsch- und türkischsprachige Portal gazete.taz.de vor, das seinerseits unter anderem auch "Einblicke in eine Türkei, die hierzulande angesichts immer neuer Schlagzeilen über Erdogan aus dem Blick geraten ist: in die kurdische, sozialdemokratische, feministische, queere, liberale Türkei", gebe.

[+++] Der zweite Grund, aus dem dieser Werktag medial ein etwas historischerer sein dürfte, ist bereits gesichert. Der schon lange und von allerhand Institutionen fürs laufende Superwahljahr angekündigte Kampf gegen sog. Fake News hat begonnen. Und zwar mit der Freischaltung des Portals faktenfinder.tagesschau.de.

Wie auch immer, es ist eines der viielen Portalen, die die Öffentlich-Rechtlichen im Internet neu eröffnen. Weiter unten füllen es einstweilen ältere Artikel von anderswo, weiter oben stehen guter Rat ("Tutorial: Fake News erkennen"), den viele, die sich fürs Fake-News-Erkennen interessieren, bereits kennen, sowie der Portal-Eröffnungs-Artikel "Schneller als die Polizei dementieren kann".

Darin nennt Patrick Gensing erst mal exemplarisch ein paar ältere Falschmeldungen aus bzw. über Gifhorn, Berlin-Rudow und Heidelsberg und benennt dann eines der Probleme, vor denen die, die sich gegen Fake-News engagieren, stehen:

"Personen, die den 'Mainstream-Medien' nichts glauben wollen, tun auch die Angaben von Polizei oder anderen offiziellen Institutionen pauschal als Lügen ab. Man sieht sich umzingelt von bösen Mächten; verschwörungstheoretische Versatzstücke verdichten sich so zu einem geschlossen[en] Weltbild. Die betroffenen Menschen glauben einfach nur noch das, was ihrer Meinung und Weltsicht entspricht. Abweichende oder widersprüchliche Informationen sowie Meinungen werden nicht mehr ernstgenommen bzw. respektiert, sondern nur noch solche Quellen, die das berichten, was man hören will."

Genau das sind ja Vorwürfe, die oft, aber nicht immer zu Unrecht, in umgekehrter Richtung auch öffentlich-rechtlichen Medien gemacht werden. Ob die "Faktenfinder" von der offiziellen Institution ARD tatsächlich Wege finden, um mit anderen Angaben auch Teile dieser Klientel zu überzeugen, wird spannend.

[+++] Stoff, mit dem die "Faktenfinder" arbeiten können, gibt es jedenfalls – auch ganz neuen. Der österreichische Standard berichtet, dass just das "FP-nahe Portal unzensuriert.at ... einen Ableger in Deutschland" startete, um sich nach dessen eigenen Angaben "spezieller mit der deutschen Innenpolitik zu beschäftigen". Diese Webseite heißt unzensuriert.de (Achtung, der Link führt wirklich dort hin) und enthält u.a. eine eigene "Fakenews"-Sparte sowie die Rubrik "Und täglich grüßt der Einzelfall", die täglich aktualisiert werden soll.

Sowohl die Wortwahl als auch die zumindest vorgeblichen Methoden sind auf allen Seiten, die einander ja beobachten, ähnlich. Sollten "Fakenews"-Bekämpfer solche Portale eher ignorieren oder lieber mit ihnen interagieren? Also etwa Falschmeldungen oder teilweise falsche aus der genannten Rubrik benennen (was dann aber indirekt hieße, nicht falsche zu bestätigen)? Sinnvolles Engagement dürfte schwierig und heikel werden.

Ein paar konkretere methodische Ideen statt bloß sehr allgemein zum x-ten Mal zu erklären, was "Fake-News" noch mal sind, wäre auf faktenfinder.tagesschau.de jedenfalls schön.

[+++] Zum Themenkomplex gehört ferner die turi2.de-Meldung, dass correctiv.org, die bislang einzigen offiziell benannten deutschen Facebook-Partner fürs Faktenchecken, mehr als 100.000 Euro von der Open Society Foundations, also sozusagen vom prominenten Investor George Soros, bekommen soll. Und das große Feuilleton "Auf der grauen Seite der Macht" von Julia Jäkel in der FAZ gehört dazu.

Trotz der Unterüberschrift "Als uns Facebook fragte, ob wir nicht helfen wollten, Fake News zu beseitigen, haben wir uns gewundert" berichtet die Gruner+Jahr-Chefin dort von Facebooks Anfrage, ob nicht auch G+J Fakten checken wollen würde, leider nur wenig. Dafür erklärt sie in großen Bögen Entwicklungen wie die Wahl Donald Trumps zum US-amerikanischen Präsidenten, den Aufstieg Facebooks und dessen Auswirkungen auf die deutsche Medienlandschaft ("Facebook kann sich das Verdienst anheften, einer vielleicht etwas zu satt gewordenen Medienindustrie Zunder gegeben zu haben"). Das tut sie in eher klassischer Metaphorik ("Geldhahn", "Zwickmühle"). Durchaus prägnant seziert sie jedoch das "Manifesto" des Facebook-Chefs Mark Zuckerberg aus dem Februar (Altpapier):

"Aber ich persönlich glaube nicht, dass sich alle Schwierigkeiten in Wohlgefallen auflösen werden, wenn wir einfach aufs Silicon Valley und den technischen Fortschritt vertrauen und ansonsten einfach ein paar Jahre abwarten, wie Zuckerberg empfiehlt. Wenn alle Unternehmen derweil so wenig Steuern zahlen wie Facebook, sind die Nationalstaaten bis dahin nämlich verhungert",

argumentiert sie, um schließlich

"echte, wirtschaftlich belastbare Partnerschaften auf Augenhöhe zwischen Facebook und den Medienunternehmen – anstatt galoppierend asymmetrischer Verhältnisse, in denen sich immer mehr Wissen, Macht und Geld in wenigen Gegenden der amerikanischen Westküste konzentriert",

zu fordern. Spätestens an der Stelle könnten auch Julia-Jäkel-Skeptiker den Text für ein ordentliches Feuilleton halten und 45 Cent bei Blendle dafür ausgeben wollen. Galoppierende Asymmetrie ist jedenfalls ein starkes Bild. Wobei Jäkels große Bögen natürlich noch überzeugender wirken würden, wenn Gruner+Jahr noch  ein paar mehr halbwegs seriöse Nachrichtenmedien im Portfolio haben würde als ... äh ... den Stern (den Jäkel raffiniert in eine Reihe mit der NYT und einem niedlichen Eisbärbaby mogelt: "Hier das liberale Facebook, gefüllt mit Artikeln aus der 'New York Times', 'Stern' und 'Guardian', dem neuesten Video von John Oliver und was Niedlichem mit Eisbärbabys ...") und ... ähm ... na ja, stern.de ... und ...

[+++] Ach so! Mehr als ein Viertel des Spiegels gehören ja auch Gruner+Jahr, und wer weiß, wann es noch mehr Anteile werden werden.

Damit zum Minderheiteneigentümer Jakob Augstein und der Fortsetzung der Topstory aus dem Altpapier gestern. Auf den Streit zwischen der freien Journalistin Petra Reski und Augsteins Freitag, der seiner bisherigen Autorin nicht mehr juristisch beistehen wollte, sind vor allem Hanseaten angesprungen.

So brachte meedia.de zwei Beiträge: erst einen, in dem Stefan Winterbauer gewisses Verständnis für Augstein äußerte, da der Freitag "gegenüber der Gegenseite" doch Rechtskosten übernommen habe. Dann einen, in dem Georg Altrogge – nicht unbedingt ein Gegner einflussreicher Publizisten – Augstein umso schärfer kritisiert:

"Seine öffentliche Distanzierung von einer Autorin ist für den Verleger eines Blattes ein ungewöhnliches Verhalten – als würde sich der Vorstandschef des Verlagshauses Axel Springer von seinem in der Türkei inhaftierten Korrespondenten lossprechen und diesem vorwerfen, er hätte beim Verfassen seiner Artikel mehr Sorgfalt walten lassen müssen. Augstein fremdelt mit dem eigenen Metier und zeigt eine unprofessionelle Kälte, die nichts mehr mit unter Umständen berechtigter Kritik an einer freien Mitarbeiterin zu tun hat."

Auch die in Hamburg starke Journalistengewerkschaft DJV äußerte sich doppelt. Erst prägte Pressesprecher Hendrik Zörner im Blog den Begriff "Ohrfeige für alle Freien", dann legte Michael Hirschler vom Referat "Freie Journalisten" nach mit einem längeren Text, auf den die Justiziare im Haus einen Moment geschaut haben dürften:

"Ob dabei im konkreten Fall eine gewisse Romantik über die Mafia, wie sie in den besseren Milieus und eventuell gerade bei (Verlags-)Kaufleuten in Hafenstädten verbreitet sein mag, mit eine Rolle spielt, mag dahinstehen. Vielleicht wäre eher von Sorglosigkeit zu sprechen; böse Zungen könnten andererseits behaupten, dass die Maßstäbe manches Medienunternehmers kaum anders seien als die von italienischen Großclans",

schreibt Hirschler, um am Ende elegant den Bogen zum Tipp zu kriegen, dass

"DJV-Mitglieder ... sich aus diesen Gründen um eine Vermögenschäden-Versicherung bemühen [sollten], wenn sie über mehr als nur Blümchen oder Pandabären schreiben sollten. Auch der Versicherungsmakler der DJV-Verlags- und Service-GmbH hat eine solche Versicherung im Angebot ..."

Frische Äußerungen sowohl Petra Reskis als auch des unverdrossen weiter austeilenden Jakob Augstein ("Es ist vielleicht kein Zufall, dass sie vor allem auch als Romanautorin bekannt ist") bietet die SZ-Medienseite.

Falls die kleine Wochenzeitung Freitag, die zumindest früher schon wegen ihrer Honorare auf ihr wohlwollende Journalisten angewiesen war, ihren Ruf unter Journalisten gerade (siehe auch dieses Altpapier aus dem Februar, im Jürgen-Todenhöfer-Zusammenhang) rasant ramponiert, könnte das ebenfalls kein Zufall sein.  


Altpapierkorb

+++ Was die Medienressorts der Tagszeitungen beschäftigt: der sagenhafte Einschaltquoten-Erfolg der jüngsten "Tatort"-Folge, also "warum 14,56 Millionen Menschen am vergangenen Sonntag diesen wirklich sagenhaft uninspirierten 'Tatort' aus Münster sehen wollten. Fast 40 Prozent Marktanteil, ein neuer Rekordwert für die WDR-Rekordermittler und in der Allzeitgesamtwertung Platz fünf hinter Schimanski (Götz George) und Stoever/Brockmöller (Manfred Krug und Charles Brauer)" aus dem letzten Jahrtausend. "Wenn mal eingeschaltet ist, ist eh alles Wurst", analysiert Katharina Riehl in der Süddeutschen dann. +++ "Das große Publikum mag weder die Erweiterung noch die Ableitung noch die Irritation beim 'Tatort'", würde Joachim Huber (Tagesspiegel) sagen, "sondern gutes, altes Repertoire-Fernsehen". +++ Welcher Kritiker diese Folge übrigens  ganz gut gefunden hatte: unser Tilmann P. Gangloff. +++

+++ Das deutsche Fernsehen wird israelischer. Die Unterföhringer Produktionsfirma Tresor, die Repertoire-Fernsehen à la "Germany's Next Topmodel", "Curvy Supermodel" und "Ewige Helden" herstellt, gehört künftig zur Keshet Media Group. Das berichtet dwdl.de aus Cannes. +++

+++ "Es ist eine Weile her, dass ein netzpolitisches Thema so viel Gegenwind erzeugt hat. Neben der Vorratsdatenspeicherung und Acta fällt mir nur die Idee von Ursula von der Leyen ein, mit Netzsperren gegen Kinderpornografie vorzugehen. Das war Ende 2008 und brachte der damaligen Familienministerin ... den Hashtag 'Zensursula' ein" (Marcel Rosenbach im auch im Kennerton von "Größen aus dem Valley" sprechenden SPON-Netzwelt-Newsletter übers NetzDG). +++ "Das läuft auf die staatliche Einsetzung privater Meinungspolizei hinaus", zitiert der Standard den Zeitschriftenverleger-Verbandschef Stephan Holthoff-Pförtner aus einem DPA-Interview. +++ "Das Gesetz kann also frühestens Ende Juni im Bundestag beschlossen werden. Weitere Änderungen am Entwurf sind unwahrscheinlich, weil die Verabschiedung vor der Bundestagswahl dann kaum noch möglich wäre" (Christian Rath, TAZ). +++

+++ Gestern im FAZ-Feuilleton, inzwischen unter der Überschrift "Drohnen jagen Journalisten?" frei online: Constanze Kurz über die "kill list", die eine Gemeinsamkeit zwischen dem amtierenden US-amerikanischen Präsidenten und seinem Vorgänger darstellt, und auf der womöglich auch Journalisten stehen. +++

+++ Noch was Historisches: Inzwischen gehen mehr Menschen über Googles Betriebssystem Android als über Microsofts Windows online (futurezone.at). +++

+++ Die SZ legt heute noch mal mit einem vierseitigem Extra-Buch "Panama Papers" nach. +++ Auf ihrer Medienseite kostenpflichtig online: Geschichten aus dem "Presseraum des Weißen Hauses" als "Kulisse für völlig unerwartete Karrieren" wie der des Inders Raghubir Goyal, der sich "als Chefredakteur von India Globe" bezeichnet. "Aber die Zeitung gibt es nicht ..."

+++ "Eine gute Idee, wenn Sat 1 sich mit den für den Jugendschutz im Netz zuständigen Landesmedienanstalten zusammentut und Aufklärung anstrebt, mit einem Thementag und einem Film", nennt es Claudia Tieschky in der SZ. Der Film heißt "Nackt. Das Netz vergisst nie" und wird auch hier nebenan besprochen. +++ "Wir begegnen klischeehaften Milchbubi-Hackern, einer lächerlich futuristisch anmutenden Cybercrime-Abteilung der Münchner Polizei und einem unterkomplex drögen Social-Network-Chef. Die Erzählung legt es auf Überwältigungsmomente an ..." (Oliver Jungen in der FAZ über den Film). +++

+++ Dass die mexikanische Zeitung Norte de Ciudad Juárez ihr Erscheinen einstellt, weil mehrere ihrer Journalisten ermordet wurden, meldet die FAZ-Medienseite. +++ Auf der außerdem Walter Hömberg dem ARD-Veteranen Dietrich Schwarzkopf zum 90. Geburtstag gratuliert: "Auf der Suche nach den historischen Wurzeln der ARD hat er viele Parallelen zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation entdeckt: Die Wahl des Vorsitzenden durch seine Standesgenossen, die übrigen Intendanten, erinnert an die Wahl des Kaisers durch die Kurfürsten. Auch bei der Schwäche der Zentralgewalt, dem Proporzprinzip der Programmzulieferungen und dem mobilen Sitzungswesen zeigen sich Übereinstimmungen ..." . +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.