Die Blasen der Anderen

Heute mit nicht ganz 630 Antworten auf (nicht allesamt schlecht) AfD-Fragen zu ARD und ZDF. Mit der zweitgrößten Suchmaschine der Welt, die zufällig der allergrößten gehört, dem "mächtigsten sozialen Netzwerk", und dem deutschen Anwalt, der es seit einem Jahr verklagt. Außerdem schaut die TAZ dahin, wo es weh tun kann, aber sinnvoll ist.

Haben Sie ein paar Stündchen Zeit mitgebracht? Dann wäre nun Gelegenheit, die Antworten auf die 630 Fragen zwischen "Welche Aufgabe hat der Rundfunk gemäß Art. 5 Abs. 1 GG?" und "Verfolgt die Staatsregierung eine Medienkompetenzstrategie? Wenn ja, in welcher Form und mit welchen Zielsetzungen?", die die AfD-Fraktion im sächsischen Landtag im Rahmen einer sehr Großen Anfrage im November (Altpapier) gestellt hatte, zu überfliegen.

Die Anzahl der Antworten auf erst mal 116 sowie dann noch 74 Seiten und 21 weiteren mit Anlagen zu einzelnen vorherigen Antworten beträgt aus prozeduralen Gründen nicht ganz 630. Auf die eben genannten Fragen lauten Sie "Der Rundfunk hat durch seine Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken" und "Die Medienkompetenzförderung ist für die Sächsische Staatsregierung ein wichtiges Thema, das ..." (falls die sächsische Medienkompetenzstrategie Sie ernsthaft interessieren sollte, lesen Sie bitte auf S. 73 des 74-seitigen PDF weiter ...).

Wobei keineswegs alle Fragen schlecht waren, wie ich im November hier schrieb. Daher hier zwei ganz gute Fragen und die Antworten darauf:

"286: Warum bedarf es einer Bereitstellung von sog. 'Sendungshighlights' im YouTube Kanal, soweit schon die sog. Mediatheken von ARD, ZDF und MDR mit Sendungen sowie zusätzlichen Angeboten existieren?"

"Unter Berücksichtigung der Zuarbeit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten kann folgende Antwort gegeben werden: YouTube gilt nach Google als größte Suchmaschine im World Wide Web. Durch Bereitstellung seiner lnhalte auf YouTube können auch programmferne Nutzerschichten erreicht werden. Zudem verweisen dort publizierte Sendungshighlights auf lnhalte im jeweiligen Online-Angebot der einzelnen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hin und eröffnen damit die Möglichkeit, neue Nutzerschichten zu gewinnen."

Das Argument, dass es sich bei Youtube um die zweitgrößte Suchmaschine überhaupt handelt, gleich nach Google, hat man noch nicht zu oft gehört – erst recht nicht von führenden Vertretern der deutschen Medienpolitik wie dem sächsischen Staatskanzlei-Chef Fritz Jaeckel, der die Antworten auf Seiten 190 unterzeichnet hat. Dass Youtube unmittelbar zum Google-Konzern gehört, ist weitgehend bekannt. Wenn dem so ist: Müsste es dann nicht tatsächlich der Ehrgeiz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein, dem Über-Monopolisten Google/ Youtube etwas entgegenzusetzen, abstatt ihn durchs Einspeisen jeder Menge eigener Angeboten noch übermächtiger zu machen?

"Frage 287: Wie viele Mitarbeiter betreuen hauptberuflich das Facebook-Profil und/oder das Twitter-Profil des MDR?"

"Unter Berücksichtigung der Zuarbeit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten kann folgende Antwort gegeben werden: Der MDR hat diverse Facebook- und Twitter-Profile. Diese werden von vier festangestellten Mitarbeitern und freien Mitarbeitern in variierender Anzahl betreut."

Allein der MDR agiert also auf Facebook und Twitter mit klar mehr speziell dafür bezahlten Mitarbeitern als privatwirtschaftliche Medien, zum Beispiel Lokalzeitungen, sich leisten können, und konkurriert um die Aufmerksamkeit derselben Nutzer. Ist das richtig so?

Sicher gibt es wenig Anlass zur Annahme, dass die AfD-Anfrage eher am Identifizieren und womöglich Lösen-Wollen von Problemen rund um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Digitalära interessiert war als einfach an Parteipolitik. Ähnlich hatte das Boris Rosenkranz seinerzeit für uebermedien.de aufgeschrieben. Aber die Fragen sind zum teil richtig, und die von der sächsischen Regierung gegebenen Antworten sind gut und offen. Es lohnt sich, diese 190 Seiten durchzulesen [Dass ich es getan habe, kann und will ich natürlich nicht behaupten].

[+++] Einen Eindruck von der Medienkompetenz der AfD, insbesondere der sächsischen, gaben deren Parteitag und die Behandlung der berichtenden bzw. berichten wollenden Journalisten am Wochenende (siehe Altpapier vom Montag, kurz der -korb gestern sowie ein Kommentar dazu).

Dass der AfD-Generalsekretär Uwe Wurlitzer sich beim Reporter der Sächsischen Zeitung, der am Samstag "unter Beifall vieler Delegierter in Begleitung von Ordnern" aus dem Saal geführt worden war, später entschuldigt hat (sz-online.de, TAZ/ EPD mit weiteren Details zur - nicht so überraschenden - Stellungnahme des DJV, ausführliche Medienschau mit Links bei flurfunk-dresden.de), ist in Ordnung. Fehler zu erkennen und zuzugeben, gehört auch zur Medienkompetenz. Die weiteren Auslassungen Wurltzers allerdings:

"Künftig wolle er dafür Sorge tragen, dass bei solchen Anträgen die vorgebrachten Behauptungen geprüft werden. Bei dem Parteitag hatte ein Delegierter den Reporter beschuldigt, 'Hetzartikel' verfasst zu haben ..." (mdr.de)

weisen wiederum in eine umso absurdere Richtung. Künftig sollen AfD-Mitglieder also abstimmen, was sie für "Hetzartikel" halten, bevor Journalisten aus dem Saal gewiesen werden?

Eine am Rande arg altkluge ("Verurteilen müsste man auch den Gebrauch der Worte Inhalt und beinhalten" in der Meldung der sächsischen SZ), insgesamt diskutable Einlassung zum Thema kommt aus der Schweiz. In der Neuen Zürcher Zeitung kritisiert Rainer Stadler die vielfach geteilte "grosse weisse Ecke" (Foto im Artikel) mit der die sächsische Morgenpost Solidarität mit dem SZ-Reporter zeigte:

"... Allerdings beschädigen Boykotte oft zugleich Täter und Opfer. Wenn eine Nachricht wichtig ist, sollte man sie dem Leser nicht vorenthalten. Darauf hat er Anspruch - zumindest als Zeitungsabonnent, der Geld ausgibt für diese Dienstleistung. Verzichtet man auf die Publikation, heisst das auch indirekt, dass die Information nicht so wichtig ist. Dann stellt sich die Frage, warum man denn bisher darüber geschrieben hat.

Zudem läuft man Gefahr, dass der interessierte Leser bei einer News-Verweigerung auf andere, digitale Plattformen ausweicht, um sich kundig zu machen. Die Rolle des nicht umgehbaren Nachrichtenvermittlers nimmt die Presse schon lange nicht mehr ein. Der Leser könnte entsprechend zum Schluss gelangen: Es geht auch ohne Gedrucktes."

Hm. Können Berichte über AfD-Parteitage verhindern, dass Leser erkennen, dass Gedrucktes bloß noch ein zusätzlicher Informationskanal mit eigenen Vorzügen, aber längst kein unverzichtbarer mehr ist? Wann Berichte zu viele oder zu ausführlich sind, und wann gerade nicht, ist da die spannendere Frage. Zum sinnvollen Umgang mit rechts, weit rechts und zu weit rechts stehenden Menschen und ihren Medien ließen sich ebenfalls ein paar 100 Fragen stellen.

[+++] Wer aktuell eine sinnvolle Idee hat: taz.de.

"Leben Journalist*innen in einer liberalen Filterblase? Bekommen sie nur Nachrichten, die ihren Meinungen entsprechen und haben sie deshalb Entwicklungen wie den Brexit oder den Aufstieg von Donald Trump nicht vorhersehen können? Um das herauszufinden, fassen wir nun monatlich die Diskussionen in rechten Medien zusammen – auch damit unsere Leser*innen es nicht selbst tun müssen",

schrieb Lalon Sander, der Online-Chef vom Dienst sowie "Hoodiejournalist und Wortpolizist ..." über den Start dieser neuen Reihe. Mehrwert I: "Alle Links auf rechte Medien in diesem Artikel verweisen auf archivierte Versionen und nicht auf die Websites selbst". Das heißt, wer die Artikel, aus denen Sander zitiert, im Original lesen möchte, kann das auch tun, ohne jungefreiheit.de, pi-news.net oder compact-online.de (auf denen die Analyse beruht) Klicks zu bescheren. Alle Inhalte sind bei archive.is archiviert. Mehrwert II: Wer glaubt, dass einzelne Klicks auch nicht nützen oder schaden, findet leicht die Original-URL.

Was Sander im Januar nun so analysierte, ist z.B.:

"Überraschend wenig Raum nahmen Ereignisse ein, die für ein rechtes Publikum sicher von Interesse gewesen wären. Dass die rechtsextreme NPD nicht verboten wurde, war allen drei Medien jeweils eine Meldung wert – die Bedeutung des Urteils vom Bundesverfassungsgericht wurde nicht weiter diskutiert. Ebenso wurde über die Konferenz der europäischen Rechten in Koblenz kaum berichtet: Während die Junge Freiheit einen Bericht veröffentlichte brachte Compact immerhin drei. Mehr Platz nahm dagegen die umstrittene Rede von Björn Höcke zur deutschen Gedenkkultur ein."

Wobei sich auf diesem Platz "aber auch die Sollbruchlinien der rechten Medienlandschaft" gezeigt hätten:

"'PI-News' nannte Höckes Rede zwar 'instinktlos', kritisierte aber vor allem seine Kritiker innerhalb der Partei, denn die AfD gehöre nicht der AfD allein. Auch die Junge Freiheit kritisierte, dass Höcke der AfD einen 'Bärendienst' erwiesen habe, denn die 'Wende' könne nicht mit 'geschichtspolitischen Parolen' beginnen. In einem weiteren Bericht demonstrierte die Junge Freiheit erstaunlich viele direkte Kontakte zu Höcke-Kritikern in der AfD."

Dahin zu schauen (und zu lesen), wo es einem selbst weh tut, in die Blasen der anderen, auch damit die eigenen "Leser*innen es nicht selbst tun müssen", und auch dort zu differenzieren, wenn Anlass dazu besteht, könnte ein gutes Mittel sein, "den Teufelskreis [zu] durchbrechen" (wie es Christian Stöcker in seiner SPON-Kolumne schrieb), in den sich die Diskurse der Blasen verdammt  oft hineinschaukeln.

[+++] Was Sie auch noch lesen sollten: den zurzeit nicht frei online, aber bei Blendle für 45 Cent verfügbaren Artikel "Ein Mann gegen Facebook" auf der FAZ-Medienseite.

Es geht um den Würzburger Anwalt, der sozusagen der deutsche Max Schrems werden könnte, der "seit einem Jahr ... Vollzeit" am Verklagen von Facebook arbeitet und bislang damit in Medienmedien und anderen Nischenmedien, wenn überhaupt, dann oft ein wenig despektierlich vorkam.

"Wenn man den Anwalt Chan-jo Jun in seinem Würzburger Büro fragt, was ihn dazu bewogen hat, die Sisyphusarbeit aufzunehmen, gegen Hassäußerungen und Verleumdung auf Facebook vorzugehen, erhält man gleich mehrere Antworten. Er habe in Erfahrung bringen wollen, ob auch für Facebook deutsches Recht gelte, ist eine davon, seine taktischste. Eine andere, die er in einem Video auf seiner Homepage ins Spiel bringt, lautet, dass er in einem Land groß geworden sei, in dem die öffentliche Bedrohung von Ausländern in Massenmedien nicht denkbar gewesen wäre, und dass er dazu beitragen möchte, diesen Zustand wieder herbeizuführen. Und mit diesem Land meint er nicht, wie er im Video sagt, Südkorea, aus dem seine Eltern stammen, sondern das Deutschland, in dem er vor 42 Jahren im niedersächsischen Verden geboren wurde",

leitet Uwe Ebbinghaus den Artikel ein.

Facebook, "das mächtigste soziale Netzwerk", nicht einfach so zu nehmen, wie es sich entwickelt, und für seine eigenen Zwecke benutzen zu wollen, wie es die meisten tun (und zum Beispiel der MDR mit Youtube tut; s.o.), verdient jedenfalls mehr Respekt, als Chan-jo Jun in den meisten Berichten über ihn bislang erhielt.


Altpapierkorb

+++ Gestern stand hier u.a. eine Meldung über das "angekündigte Aus der beiden Athener Qualitätszeitungen To Vima und Ta Nea". Nun hat Ferry Batzoglou für die TAZ einen ausführlichen Bericht über diesen "neuen Höhepunkt" des "in Griechenland grassierenden Zeitungssterbens" geschrieben. Dass die "mehr als 500 Beschäftigten" der beiden Blätter, denen nun Arbeitslosigkeit droht, sowieso bereits "seit fünf Monaten unbezahlt" sind, macht die Lage natürlich nicht im geringsten besser. +++

+++ Jetzt wird's richtig spannend bei der Handball-WM. Bzw. gegebenenfalls nächstes Mal: "In einem Wiederholungsfall muss damit gerechnet werden, dass ein Angebot schon im Vorfeld untersagt wird", lassen die Medienwächter von der ZAK zur im Januar ungenehmigt durchgewunkenen Online-Streaming-Übertragung der WM verlauten, und: "Hier wird es gegebenenfalls auch neue Regelungen geben müssen" (die-medienanstalten.de). +++ Warum das im Prinzip sein könnte: weil im Prinzip eines Tages ja auch "die Fernsehtauglichkeit von www.adidas.de und www.nivea.de" zur Debatte stehen könnte (Altpapier vom 11.1.). +++

+++ Handball-Fans hätten womöglich diese WM auf ihrem Fernsehgerät sehen können, wenn sie bereits eine der DVB-T2-Zusatzgeräte besessen hätten, die der Tagesspiegel empfiehlt. Ende März wird ja beim digitalen Antennenfernsehen hart umgeschaltet. +++

+++ "Die Ausschaltung" heißt die Seite drei-Reportage der Süddeutschen über die Lage in der Türkei. "150 Zeitungen und Sender geschlossen, die Besitzer enteignet, 151 Journalistinnen und Journalisten in Haft", leitet Christiane Schlötzer sie ein und schreibt dann auch, dass das Vermögen der geschlossenen Medien und Verlage "enteignet" wurde und "nun in einem Staatsfonds" liege. "Nazire Gürsel hat keinen Zugang zum Konto ihres Mannes; der Ehefrau eines anderen Journalisten wurde mitgeteilt, der Strom in ihrer Wohnung werde abgestellt, das Konto ihres Mannes sei eingezogen." +++

+++ Nicht umschalten müssen Fernsehsport-Freunde, die Discovery-Sport bei Sky sehen wollen. Die Unternehmen haben sich geeinigt. Vorgeschichte: AP gestern, meedia.de. +++

+++ In Österreich wird versucht, eine bestehende "Werbeabgabe auf Onlinemedien" auszudehnen. Diese Idee werde aber "ihr Ziel verfehlen, nämlich ausländische Konzerne wie Google und Facebook zur Kasse zu bitten, prophezeit die Österreich-Sektion des Internet Advertising Bureau (IAB)". Bei internationalen Anbietern wie Facebook sei so ein Ansatz nämlich "nicht administrierbar" (Standard). +++

+++ Die SZ-Medienseite erzählt "die Geschichte der Rocket Beans" aus Hamburg-Eimsbüttel, deren Online-Fernsehsender rocketbeans.tv "24Stunden täglich Programm sendet" und diese Woche einen der bekannteren deutschen Fernsehpreise, den Deutschen Fernsehpreis, gewinnen könnten. +++

+++ Außerdem bespricht Bernd Graff ein neues "dieser Hefte, in denen Köche dem automatischen Gelingen ihres Breis beiwohnen", also eine Thermomix-Zeitschrift. +++ Und Karoline Meta Beisel den heutigen ARD-Film, in dem Silke Bodenbender eine Biohof-Bäuerin spielt, "die sich prostituiert, um die Pleite des Hofs abzuwenden". +++ Siehe auch hier nebenan. +++ Und für Online hat Hans Hoff noch mal wieder rundgefragt, wie es eigentlich in der deutschen Fernsehlandschaft mit Late-Night-Shows aussieht. +++

+++ Auf der FAZ-Medienseite geht's auch um die Funkes, die Familie Schumacher und das Oberlandesgericht Hamburg. +++

+++ Der Whistleblowerschutz in Deutschland hat "starken Aufholbedarf" (netzpolitik.org). +++

+++ Bei correctiv.org, den Factcheckern, die in Kürze Facebook von Fake News befreien wollen, haben sie so "superschöne" Tage erlebt, dass David Schraven beinahe auf Twitter ein Lied hätte singen wollen. +++

+++ Nicht Sigmar Gabriel in Umfragen, aber der Stern beim Abverkauf hat durch das vor einer Woche vorgezogen erschienene Rücktritts-Interview 20 Prozent zugelegt (Hamburger Abendblatt). +++

+++ Und heute noch in der TAZ: "ALL ABOUT SCHULZ (Schulz. Schulz. Schulz. Schulz. Schulze auch noch. Und dann wieder Schulz)" sowie "EVERYTHING ABOUT TRUMP (Trump. Trump. Trump. Donald. Donald. Trump"). +++

+++ Ach so, und herzlichen Glückwunsch Silke Burmester zum Bert-Donnepp-Preis! +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.