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Reformation
Lieber Herr Muchlinsky,
das Lutherjubiläum wirft seine Schatten voraus und ich als gläubiger Protestant bin sehr beunruhigt über diverse Äußerungen unserer Kirchenoberen über die Ökumene. Es drängt sich mir der Eindruck auf, daß gerade im Lutherjahr seitens unserer Kirchenleitung zwanghaft versucht wird, die Unterschiede zur Katholischen Kirche irgendwie zu nivellieren. Woher nehmen in unserer demokratischen Kirche (auch darin unterscheiden wir uns!) unsere Kirchenoberen die Legitimation, sich der Katholischen Kirche in irgendwelchen Punkten anzunähern und faktisch vorhandene Unterschiede, die ihren guten Grund haben und z.T. auch aus der Reformation herrühren, klein zu reden? Ich habe den Eindruck, daß wichtige Errungenschaften, wie die Frauenordination, keine Bedeutung mehr zu haben scheinen. Das macht mich sehr traurig. Hat Martin Luther umsonst gelebt?
Gerade als ehemals Katholischer Christ bin ich aus Überzeugung protestantisch geworden, weil in der Katholischen Kirche für mich so viele Dinge falsch gesehen und falsch gemacht werden. Um es klar zu stellen: Ich habe nichts gegen ökumenische Aktivitäten auf der Gemeindeebene. Man kann diverse Dinge zum Wohle der Menschen gemeinsam gestalten, aber die prinzipiellen Unterschiede haben ihren guten Grund und sollten nicht "verwässert" werden. Ich frage mich seit einiger Zeit, ob ich in der Evangelischen Kirche noch meine Heimat habe. Ich bin nicht evangelisch, um irgendwann plötzlich wieder katholisch zu sein! Ich überlege ernsthaft, ob mir nichts anderes mehr übrig bleibt, als aus der Evangelischen Kirche auszutreten, wenn dieser Prozeß so fortgesetzt wird. Ich habe langsam den Eindruck, daß hier Verrat an den Ideen und Grundsätzen der Reformation begangen wird und das ist definitiv mit mir nicht zu machen. Nach Diskussionen mit anderen Protestanten habe ich den Eindruck, daß ich mit meiner Sichtweise nicht allein stehe.
Hallo Herr Muchlinsky,
am Mittwoch 05.07.2017 hat sich die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" angeschlossen und dies mit ihrer Unterschrift besiegelt. Die Römisch-Katholische Kirche und der Lutherische Weltbund haben dies bereits am 31. Oktober 1999 getan.
Bedeutet dies, dass die Katholische Kirche, die Lutherische Kirche und die Reformierte Kirche ihre Lehrmeinungen zur Rechtfertigunslehre nun untereinander anerkennen?
Im Artikel vom 06.07.2017 mit der Überschrift: "Neben Gott ist Martin Luther heute bestimmt der Glücklichste", in der Rubrik: "Ökumene und Weltreligionen", ist folgendes zu lesen:
Zitat: "Die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen fügt der Erklärung eine eigene Stellungnahme an, die die Verbindung zwischen Rechtfertigung und Gerechtigkeit als besonderen reformierten Beitrag zu weiteren ökumenischen Gesprächen über die Rechtfertigungslehre betont. Für reformierte Christen gehört der Gedanke, ein von Gott gerechtfertigter Mensch zu sein, untrennbar mit dem Eintreten für Gerechtigkeit und gesellschaftliche Verantwortung zusammen."
Hier fehlt mir die Freiheit, die bei Martin Luther zum Ausdruck kommt. In Luthers "Freiheit eines Christenmenschen" ist der Mensch allein durch den Glauben an Jesus Christus und die Gnade Gottes ein von Gott gerechtfertigter Mensch. Durch die Freiheit, die einem Christenmensch so zuteil wird, wird er befähigt für seine Mitmenschen da zu sein und ihm das zu geben, was er braucht und was der Christenmensch selbst in der Lage ist ihm zu geben.
Dass für reformierte Christen der Gedanke, ein von Gott gerechtfertigter Mensch zu sein, untrennbar mit dem Eintreten für Gerechtigkeit und gesellschaftliche Verantwortung zusammen gehört, gibt mir das Gefühl, nur dann ein von Gott gerechtfertigter Mensch zu sein, wenn ich in einer, mir vorgegeben Art und Weise für Gerechtigkeit eintrete und für die Gesellschaft Verantwortung übernehme. Dies würde mich überfordern und das Gefühl von Freiheit ist weg.
Bin ich in den Augen von Christen der Reformierten Kirche kein guter Christenmensch, wenn ich diese Anforderungen nicht erfüllen kann? Oder verstehe ich hier wieder mal was falsch?
Ich hoffe, dass ich mit meinem "Geschreibsel" gut rüberbringen konnte, was ist meine, denn eine Antwort auf meine Frage ist mir sehr wichtig und bedeutet für mich sehr viel.
Herzliche Grüße und schon heute ein großes Danke für Ihre Mühe!
Susanne
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